Unsere Masken und das „wahre Gesicht“ von Erlösung

Maske (c) pixabay.com
Datum:
Mi 7. Okt 2020
Von:
Pastoralreferent Dietmar Jordan

In diesen von der Pandemie bestimmten Zeiten erleben wir, wie Masken in starkem Maße unseren Alltag prägen. Kein Einkauf, kein Tankstellen- oder Kinobesuch, keine Busfahrt, ja oft auch kein Gottesdienst ohne Maske. Natürlich hat das gute Gründe. Die aber teilt nicht jeder. Die Geister scheiden sich. Und die öffentliche Debatte wird mitunter nicht nur kontrovers, sondern auch ziemlich aggressiv geführt.

Ich kann nachvollziehen, dass Masken angesichts einer bedrohlichen Infektionslage durchaus Sinn machen. Ich kann annehmen, dass ich durch das Tragen einer Maske dazu beitrage, Menschen vor Ansteckung zu schützen.

Trotz aller Einsicht: Ich habe immer wieder auch meine liebe Mühe mit dem Ding. So wie vor einigen Tagen, als ich nur eben sozusagen „im Vorbeifahren“ ein paar Brötchen kaufen wollte und beim Betreten der Bäckerei meine Maske im Auto vergessen hatte – und mir prompt die zwar freundliche, aber entschiedene Mahnung der Verkäuferin einhandelte!

Vielleicht ist diese Vergesslichkeit auch ein Symptom. Bei aller Einsicht in die aktuelle Notwendigkeit: Irgendwie kann und will ich mich an das Tragen von Masken nicht einfach gewöhnen. Eigentlich will ich Menschen ins Gesicht schauen und nicht nur ihre Augen sehen. Eigentlich will ich mein Gegenüber freundlich oder aufmunternd anlächeln können. Eigentlich will ich die Stimmung von Menschen wahrnehmen, die sich auch in ihrer Mimik zeigt. Ich will die Bewegungen ihrer Lippen sehen. Ich will Charakterköpfe wahrnehmen und darüber hinaus auch frei atmen können. Und eigentlich will ich auch mein Gesicht zeigen: mit Freude und Witz, in Ernst und Skepsis, in Aufmerksamkeit und Anspannung, mit Ärger und Wut – so eben, wie wir normalerweise einander begegnen: unmaskiert, von Angesicht zu Angesicht.

„Jetzt hat der aber sein wahres Gesicht gezeigt!“ So sagen wir manchmal, wenn jemand eine Seite seiner oder ihrer Persönlichkeit offenbart, mit der wir bisher nicht alltäglich vertraut waren. Es ist nicht immer eine angenehme Aussage, wenn in dieser Weise über uns gesprochen wird. Die Nagelprobe für das „wahre Gesicht“ sind erfahrungsgemäß v.a. Krisensituationen: dann wenn sich etwas im Konflikt zuspitzt und an einen besonders sensiblen Punkt kommt, wenn Emotionen oder der Drang zum Recht haben und Gewinnen überhand nehmen. Und das passiert ja nicht selten. Auch unter uns. Auch in der Kirche.

Das wahre Gesicht zeigen. In jenen Tagen im Nisan des Jahres 30 in Jerusalem, zur Zeit des Pessahfestes: da hat ein Mensch namens Jesus der Welt sein wahres Gesicht gezeigt. Da hat einer gezeigt, was geschieht, wenn die Liebe das Festkleid ablegt, sich eine Schürze umbindet und sich tief hinabbückt. Da hat einer Menschen erfahren lassen, wie es sich anfühlt und was es ausmacht, wenn ein vermeintlich ganz Großer sich klein macht; wenn sein Beispiel zum Maß wird für den Dienst aneinander. Da hat einer gezeigt, dass ihm die Angst nicht fremd ist, die der nahende Todesweg ihm wie Blut aus den Poren treibt. Und er hat gezeigt, dass er seine Sendung nicht verrät, auch wenn er dafür verraten wird.

In jenen Tagen, von denen uns die Evangelien erzählen, hat der Gott, an den wir glauben, in diesem Jesus sein wahres Gesicht gezeigt. Und er hat ihn in all seiner Einsamkeit und durch alle Verlassenheit hindurch gehalten. Ganz tief ist er eingetaucht in das Leid, in den Schmerz und die Sterblichkeit aller Geschöpfe. Am eigenen Leib hat er sie verspürt und hat alles auf- und angenommen, was Menschen und Welt dabei widerfahren kann.

„Caro cardo salutis.“ So sagt der alte Tertullian schon im 3. Jahrhundert. Unser armseliges Fleisch wird zum Dreh- und Angelpunkt des Heils. So ist Gott in Jesus einer von uns geworden, „hat Fleisch angenommen und unter uns gewohnt“. (Joh 1, 14) - Nicht in den scheinbar makellosen Körpern der Hochglanzmagazine und der digitalen Bildwelten. Der Gott Jesu „wohnt“, so lesen wir bei Johannes, in unserem Fleisch: in den realen und verletzlichen Leibern unseres oft geschundenen und gedemütigten Mensch – Seins. Ein Wunden – Erfahrener, ein Schmerz – Erfahrener, ein Tod – Erfahrener; Einer, der um das Grauen weiß, um die Angst, womöglich allein zu sterben und am Ende ins Nichts zu fallen.

So, in der Annahme und im Durchgang durch diese Verletztheit, offenbart sich das wahre Gesicht Gottes. Und im aufgehenden Licht des Ostermorgens, als die Frauen schon früh zum Grab gingen und lange nicht begreifen konnten, welch unglaubliche Botschaft sich ihnen dort zumutete.

„Passus et sepultus est - et resurexit …“ : Zu Tode gefoltert, dennoch gehalten und auferweckt. Ich glaube und hoffe, dass das kein abstrakter Satz ist, keine bloß gesagte und behauptete Wahrheit. Ich glaube und hoffe, dass das auch heute Wirklichkeit ist, dass es geschieht: immer da, wo Menschen sich respektvoll begegnen, wo sie einander annehmen und aushalten, wo sie den Mummenschanz unserer Kunstwelten durchbrechen, wo sie wagen, ihr wahres Gesicht zu zeigen, wo sie sich einander zumuten, ungeschminkt und wahrhaftig. - Erlösung ist eben kein dogmatisches Abstract. Erlösung ist ein Tätigkeitswort. Sie geschieht. Auch heute, vielleicht und hoffentlich auch unter uns …