Himmel

Feld und Himmel (c) Bild von Gianni Crestani auf Pixabay
Datum:
Mi. 20. Mai 2020
Von:
Pastoralreferent Dietmar Jordan

Morgen ist Feiertag: Für die meisten ist es der „Vatertag“. Und der muss dieses Jahr ohne die obligatorische Bollerwagenfahrt ins Grüne auskommen. „Auf Abstand“ dürfte das keinen Spaß machen. Kirche und Christenmenschen feiern Christi Himmelfahrt. Und im Radio gibt´s vielleicht Helene Fischer. „Hab den Himmel berührt“ singt sie. In ganz ähnlichen Variationen kennen wir solche Songs auch von anderen Stars und Sternchen. – Was aber ist das: der Himmel? Sind es die Wolken und die Luft über mir? Gibt es ihn, den vielbesungenen und erträumten Himmel auf Erden? Oder ist das der Ort, wo Menschen nach ihrem Tod hingehen? Gar nicht so einfach…

Wir reden und träumen vom Himmel. Und gleichzeitig tun wir uns schwer mit ihm. Und dann erzählt uns die Bibel (Apg 1,1-11) von einem ziemlich unglaublichen Ereignis. Der auferstandene Jesus sagt seinen Freunden endgültig Adieu – und er wird „in den Himmel emporgehoben“. Das klingt nach Märchen und Fantasie. Ein Mensch, der wie mit einer Art unsichtbarem Aufzug gen Himmel verschwindet: Das spottet jeder Beschreibung. Und das hat irgendwie keinen Platz in unserem von den Naturwissenschaften geprägten Weltbild. Da können wir nur vom „Weltraum“ sprechen. Den kann man beobachten und immer tiefer erforschen. Es ist zum Staunen, was Menschen auf diesem Weg entdeckt haben und was dadurch möglich wird. In Zeiten wie diesen hoffen wir sehnlichst, dass auch die Erforschung des Virus SARS-CoV-2 fortschreitet und bald ein rettender Impfstoff zur Verfügung steht. Offensichtlich haben solche Forschungen eine geradezu vorrangige Bedeutung für unser weiteres Zusammenleben.

Bei allem Respekt gerade vor den empirischen Wissenschaften melden sich bei nachdenklichen Zeitgenoss*innen aber auch Fragen: Was wird aus uns, wenn wir nur noch das wahrnehmen und als wirklich und real zulassen, was wir messen und berechnen können? Vielleicht kann eine Formel einmal erklären, warum wir eine Blume oder ein Gesicht schön finden. Vielleicht kann sogar errechnet werden, was in unserem Organismus vorgeht, wenn wir uns freuen oder traurig sind, wenn wir einander annehmen oder ablehnen, wenn wir hoffen oder verzweifeln. Und dennoch: Irgendwie wehrt sich da etwas in uns. Sollen Naturwissenschaft und Technik die einzigen Wege sein, uns zu verstehen und mit uns umzugehen?

Da gibt es doch auch die Welt unseres „Herzens“ mit seinen Sehnsüchten und Ängsten, mit seiner Freude und Trauer, mit seiner Fähigkeit zu lieben und zu hassen, mit seiner Begeisterung und Langeweile. Diese Welt unseres „Herzens“, das ist eine eigene Realität, die wir nicht nur der Berechnung und der technischen Manipulation überlassen wollen. Mit den Kräften unseres Herzens ahnen wir: Uns umgibt und tief in uns wohnt noch eine andere Wirklichkeit als nur die, die wir greifen und messen können. In Bildern, nicht in Formeln sprechen wir davon. – So können wir von einer Hand sprechen, die alles und in all dem auch unser Leben trägt. Wir können von einer Heimat sprechen, in die hinein wir mit unserer Geschichte unterwegs sind. Wir können von einem „Oben“ sprechen, von dem unser Leben Anregungen zum Guten empfängt, Kräfte zur Liebe und Wegweisung in die Zukunft.

So sprachen Menschen vor uns vom „Himmel“. Und sie meinten damit nicht den Weltraum oder einen anderen sichtbaren Ort. Sie meinten auch nicht, den Himmel zu begreifen, wenn sie von ihm sprachen. Aber sie wollten doch von ihrer Sehnsucht sprechen nach einer Welt, in der sie getragen und geborgen sind und in der Friede wohnt. Sie wollten ihrem ahnungsvollen Verlangen ein Wort geben und einen Ort, an dem sie eine Heimat finden, von der her sie in Güte und Erbarmen angesehen und beschenkt werden. So erhoben sie bittend, klagend oder dankend ihre Hände und Augen zum Himmel. Wenn wir Heutigen ihren Spuren folgen, spricht das nicht gegen die Wissenschaften. Auch ich möchte hoffen, dass das moderne, oft in sich geschlossenes Weltbild nach „oben“ hin offen ist: für ein „Mehr“, offen für die Geschichte, die Gott mit uns haben will.

So gesehen sprechen die überlieferten Bilder der Bibel nicht weniger von der Wirklichkeit als die Formeln, die uns Wissenschaft und Technik heute zur Verfügung stellen. Es würde wohl sehr kalt um uns, wenn wir nur noch von einem anonymen Weltraum umgeben wären – ohne Anteilnahme, ohne Verständnis und Güte. Wir würden uns selbst sehr fremd, wenn wir uns nur noch als komplizierte chemische Regelkreise begreifen könnten – ohne Eingebung, ohne Verantwortung und Freiheit.

Am „Vatertag“ bekennen Christen von Jesus, dass er aufgefahren ist in den Himmel. In einem Bild sprechen wir von dem, wohin er aus seinem Tod heraus gegangen ist. Er ist in das Leben hineingenommen, das alles andere Leben trägt. Er ist in die Liebe einbezogen, von der all unsere Fähigkeit zu lieben herkommt. Er ist in die Heimat gerettet, die, solange wir leben, immer vor uns bleibt. Er ist bei Gott, den wir mit ihm vertrauensvoll Vater nennen. Durch ihn ist er als erster Mensch dort, wo unsere ganze Geschichte ihr Ziel finden soll. Mit und in Gott, dem Vater, ist er uns bleibend nahe bis zum Ende der Zeit. Er gibt uns das Brot der Liebe und des Friedens, das wir miteinander teilen. Mit und in Gott, dem Vater, ist er mit uns auf dem Weg, damit auch wir einmal dort sind, wo er ist. Darauf kann und will ich hoffen.

Von hier ist der Sprung zum Vatertag gar nicht weit. Himmelfahrt ist im Kern nicht mehr und nicht weniger als ein Vatertag. So wie Gott sich um seinen Sohn kümmert, so liebevoll und so fürsorglich sollen wir Väter uns um unsere Kinder kümmern. Und doch bleibt ein Unterschied zwischen beiden Festen: Der Vatertag dient der Beziehung von Männern und, wenn es gut geht, von Familien untereinander. Christi Himmelfahrt rückt die Beziehung zwischen Menschen und Gott in den Mittelpunkt. Für Christen gehört beides zusammen. Hoffentlich werden viele den Feiertag nutzen, um beides miteinander zu verbinden.