Geistkraft

Taube (c) Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Mo 25. Mai 2020
Pastoralreferent Dietmar Jordan

In dieser Woche gehen wir auf Pfingsten zu, das uns Christ*innen gemeinhin auch als Geburtsfest der Kirche gilt. In diesen von den Auswirkungen der Pandemie geprägten Zeiten stellt sich umso mehr die Frage, wie Gottes belebende Geistkraft in den zerbrechlichen und oft sehr menschlichen „Gefäßen“ unserer Kirche Raum und Gestalt gewinnen kann. Wie können wir uns ihrem Wirken öffnen? Und wie können wir uns im Angesicht der gegenwärtigen Herausforderungen um eine „geist-erfüllte“ Pastoral bemühen?

Franz Kreissl, Leiter des Seelsorgeamtes im Schweizer Bistum St. Gallen, hat sich dazu Gedanken gemacht. Ich möchte sie aufgreifen und – ergänzt um eigene Aspekte – Ihrer Nachdenklichkeit empfehlen. Ebenfalls empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang eine soeben vom Liturgischen Institut der Schweizer Diözesen veröffentlichte sog. „Pfingstnovene“. Sie greift diese klassische Tradition des Betens auf und aktualisiert sie auf die gegenwärtige Situation. https://liturgie.ch/images/liturgie/praxis/corona/pdf/Pfingstnovene_2020.pdf

 

Derzeit hoffen viele Menschen insgeheim, dass nach Pfingsten – oder spätestens nach den Sommerferien – wieder alles ist wie vor den Corona-Maßnahmen. Die Hoffnung ist verständlich und nachvollziehbar, aber die Hinweise aus Medizin und Politik weisen in eine andere Richtung: Es wird über längere Zeit nicht mehr so sein wie es einmal war. – Was bedeutet das für die Planung und Entwicklung der Seelsorge? Wie verändert sich das Leben in den Pfarreien und Seelsorgeeinheiten, in den Einrichtungen, Verbänden und Initiativen?

 

Beispiel: Gottesdienst

Das Erleben vielfältiger Formen von Gottesdienstgemeinschaft ist zahlreichen Katholikinnen und Katholiken (immer noch) ein hohes Gut. Darauf verzichten zu müssen, stellt eine große Heraus­forderung dar. Die Annäherung an die gewohnte Normalität geht schrittweise vor sich, aber die Einschränkungen durch Hygiene und Abstandsregeln werden das Geschehen weiterhin bestim­men. Unsere Gottesdienste werden sich dadurch verändern – aber wie? Welchen Preis haben die geltenden Einschränkungen für das liturgische Feiern und für unseren „Selbstvollzug“ als Kirche? Wer und was bleibt da auf der Strecke? Welches Gottesdienstverständnis und welche Kirchenbilder werden da erfahrbar und/oder befördert? Kann Liturgie auf Dauer ohne „Berührung“, ohne eine gemeinsam erlebte und vollzogene Sinnlichkeit auskommen? 

In einer der vielen Karikaturen zu Corona triumphiert der Teufel: «Mit dem Virus habe ich alle Kirchen geschlossen!» «Im Gegenteil», antwortet Gott, «ich habe gerade in jedem Haus eine neue Kirche er­öffnet». – Spiegelt das die Wirklichkeit unserer Hausgemeinschaften und Familien – oder anders gefragt: Wie können wir die ‘Eröffnung der Kirchen’ in den Häusern der Menschen bei uns unterstützen? 

 

Beispiel: Seniorenarbeit

In vielen Pfarreien und Kirchgemeinden ist die Seniorenarbeit ein wichtiger Bestandteil der Seel­sorge. Der Wunsch, sich zu begegnen und im Kontakt zu bleiben ist lebenswichtig. Auf Dauer geschlossene Räume sind dagegen eine schreckliche Vorstellung. Insgesamt ist die Situation eine enorme Herausforderung für alle, die in diesem Bereich tätig sind – Freiwillige und Angestellte. Die gewohnten Treffen, die regelmäßigen Mittagstische, die gemeinsamen Ausflüge… All das muss völlig neu durchgedacht und geplant werden – neue Formen des Kontaktes, der Begegnung, der Ge­meinschaft werden entstehen und sich etablieren. Bei all dem bleibt wahr, was der Schriftsteller Lukas Bärfuss schon zu Beginn der Krise auf den Punkt gebracht hat: «Menschen sind immer noch soziale Wesen, und sie brauchen zuerst wirkliche Räume. Sie wollen sich leibhaftig sehen, persönlich sprechen. Der physische Kontakt ist unersetzlich.» 

 

Beispiel: Diakonie

Die Zahl der Menschen, die keine Arbeit haben, ist stark gestiegen. Viele, die derzeit noch Kurzarbeit leisten, wissen nicht, wie es weitergeht. Die Unsicherheit ist groß, Zukunftsangst be­stimmt immer stärker das Denken und Planen von Einzelnen und Familien – und entzieht Ener­gie und Lebenskraft.

Jetzt wird das soziale Netz (wieder) wichtig, das Netz aus Freiwilligen und professionell - beruflich Tätigen, das Netz aus Hilfsbereitschaft, Knowhow und konkreten Mitteln. Die Diakonie ist die Eucha­ristie des Alltags. Sie ist jetzt gefragt. Wer nicht weiß, wie anfangen, kann sich auch an eine der vielen kirchlichen Beratungsstellen wenden und sich dort beraten lassen. Die Türen stehen offen.

Alleinerziehende, Vereinsamte, psychisch Kranke, Menschen mit besonderen körperlichen oder geistigen Bedürfnissen … aber auch Handwerker, Wirtinnen, Ladenbesitzer oder einfach massiv überforderte Eltern – die Beispiele lassen sich leicht aufzählen. Dabei steht jeder Begriff für kon­krete Menschen. Jede und jeder Einzelne ist ein Mensch, die oder der mit der augenblicklichen Situation umzugehen versucht.

Uns muss auch klar sein, dass die starke Aufmerksamkeit für Fragen der Gottesdienstgestaltung zu einer unguten Sogwirkung führen kann, bei der v.a. nach außen wieder einmal der Eindruck entsteht, Kirche sei im Wesentlichen mit sich selbst und mit den Interessen einer verbliebenen gesellschaftlichen Minderheit beschäftigt. Nicht zuletzt deshalb muss die geistliche Wertschätzung diakonischer Projekte, die ja gesellschaftlich weithin anerkannt und plausibel sind, unbedingt gestärkt werden. Es wird in Zukunft immer mehr darauf ankommen, dass Menschen, die sich dort engagieren, im Sinne des Evangeliums sprach- und zeugnisfähig sind. Der alltägliche und lebenspraktische Gottesdienst findet statt in Häusern der offenen Tür für Kinder und Jugendliche, in Schulen, Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen, in Initiativen für und mit Langzeitarbeitslosen, in Obdachlosentreffen, in der Flüchtlingshilfe und an allen Orten, an denen uns Christus in den Gesichtern der Mühseligen und Beladenen, der Schwachen und Ausgegrenzten begegnet!

… und das bedeutet für die Seelsorge

Kirche ist ganz wesentlich und unverzichtbar „Versammlung“. Sie lebt von Begegnungen und real geteiltem und gemeinsam gestaltetem Leben. Was bedeutet das – sowohl für die Selbst- als auch für die Außenwahrnehmung –, wenn solche realen Begegnungen und die mit ihnen verbundenen kommunikativen Erfahrungen offenbar für lange Zeit nur sehr eingeschränkt möglich sind?

Als Christinnen und Christen, als Kirche tragen wir den Blick auf die Menschen und die Gesell­schaft in «unserer DNA». Viele Treffen und Versammlungen sind weggefallen, die üblichen Formen der Begegnung und Beratung wurden ausgesetzt und bleiben es teilweise immer noch. Es lohnt sich, bewusst mit der Frage umzuge­hen, wie wir heute unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen Sorgen und Nöte der Menschen teilen können, wie wir sie direkt oder indirekt aktiv unterstützen können. 

So stellt sich auch die Frage nach der geeigneten Form von Gemeinschaft. Wie können wir zu­sammenkommen, um den Menschen zuzuhören, um ihre Ängste und Hoffnungen aufzuneh­men, um uns bewegen zu lassen, von dem was sie beschäftigt. 

Die Kreativität, die in den letzten Wochen viele neue Formen der Pflege von Kommunikation und Beziehung entstehen ließ, wird auch in den nächsten Wochen und Monaten nötig sein. Gottes Geist ist für uns Christinnen und Christen der Quellgrund aller Kreativität. Bitten wir ihn um alle seine Gaben, damit seine Menschenfreundlichkeit auch heute wirksam und spürbar ist.