Das öffentliche Leben herunterfahren

mit dieser Formulierung hätte wohl noch vor wenigen Tagen niemand von uns etwas anfangen können.

Kontakt beschränken (c) Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Datum:
Fr. 20. März 2020
Von:
Axel Bödefeld SJ

Jetzt stehen wir plötzlich mittendrin. Und schauen noch dazu nur in dichten Nebel: Wir wissen nicht, wie lang das Leben mit Auflagen, Unterbrechungen und Verboten anhält. Und wir wissen nicht, welche Auswirkungen uns kurz- und langfristig einholen. Was eingespielt und organisiert war, um keine Mühe zu machen, muss bedacht und neu geordnet werden:

Kinderbetreuung, Familienharmonie, Aufgaben und Projekte in der Arbeit, wichtige Meetings und ersehnte Besuche, Umsatzeinbrüche, Routinen des Alltags, Tagesstruktur gegen Langeweile – Sie werden Ihre eigene Fortsetzung denken können. Und über allem die Sorge um die Gesundheit, nicht nur meine eigene, auch die derjenigen, die mir lieb und wichtig sind.

Alles ist nicht nur anders, sondern alles ist neu, alles ist ungewohnt und unbekannt. Und alles ist ernst.

Und wir alle spüren: Diese Erfahrung ist nicht das Herunterfahren, von dem wir oft als Wunsch am Beginn von Exerzitien oder Urlaub sprechen. Dann ist nämlich möglichst alles so gut organisiert, dass ich für einige Tage nicht nötig bin und mich freiwillig herausziehen kann. In der jetzigen Situation ist vieles ziemlich durcheinander, beschäftigt mich mehr, und mein Rückzug erfolgt kaum freiwillig. Entweder ist jetzt viel mehr aufwendig zu organisieren, oder die Abwehr von Einsamkeit und Isolation erfordert viel mehr Kraft und Disziplin. Vielleicht auch beides.

Ein Wort für diese Wochen: Nehmt Neuland unter den Pflug. Es ist Zeit, den Herrn zu suchen (Hos 10,12). Durchpflügen und beleuchten wir die Erfahrungen dieser Tage und Nächte. Es gibt jetzt reichlich Betrachtungsstoff und Übungen für ganz einfache Exerzitien im Alltag. Die stillen Zeiten vor dem Einschlafen oder vor dem Tagestrubel werden noch wichtiger, um zurück- oder vorauszublicken: Meinen Alltag unter den neuen Vorzeichen bewältigen, meine Verantwortung wahrnehmen, und dabei nicht aufhören, in all dem Fremden den Herrn zu suchen. Suchen, denn auf diesem Neuland war noch niemand von uns. Das ist nicht leicht, aber verheißungsvoll. Pflügen und suchen wir, auch gemeinsam. Wer weiß, welche Schätze ans Tageslicht kommen werden.

Axel Bödefeld SJ (Bonn – Bad Godesberg) im Newsletter „Ignatianische Nachbarschaftshilfe“