Ostermorgen:
Ansprache:
Die Zeit ist reif; unsere Welt, unsere Gesellschaft steht an einer Scheidewende: Bewahren oder zerstören wir weiter unsere Schöpfung? Führen wir Menschen verschiedener Religionen und Traditionen näher zueinander oder spalten und bekriegen Menschen weiter, wie wir es im Augenblick an den verschiedensten Orten unserer Welt miterleben müssen?
Ostern ist aber nicht weniger eine Scheidewende. Ostern besagt, dass das Leben zu kostbar ist, um es zu zerstören. Und Ostern zeigt, dass es möglich ist, allem Leben eine Zukunft zu ermöglichen. Und Ostern sagt, dass es Sinn macht, sich einzumischen, sich nicht herauszuhalten.
Ostern lädt uns ein, die Welt nicht denen zu überlassen, die alle Standards eines menschlichen Miteinanders über den Haufen werfen. Ostern macht Mut, sich dem Tod entgegenzustellen.
Ostern, das Lebensfest, ist Gabe wie Aufgabe zugleich. Uns ist Hoffnung geschenkt; Hoffnung aber will gelebt werden. Unsere Geschichte lehrt uns, dass eines mehr als gefährlich ist: Weggucken, Wegducken, Weglaufen. Aber woher die Kraft nehmen, aufzustehen, hinzuschauen, sich einzumischen?
Wäre die Geschichte die einzige Quelle, aus der heraus wir zu lernen vermögen, das Leben heute zu gestalten, so bliebe am Ende nichts als die bittere Erfahrung, dass im Letzten doch alles beim Alten bliebe. Wir sehen gerade doch, wie sich wiederholt, was unsere Eltern und Großeltern durchleben und durchleiden mussten.
Wie elendig wäre Jesus zugrunde gegangen, hätte er seinen Lebensweg ausschließlich gestaltet mit den Erfahrungen, die er und sein Volk der Juden in seiner Lebensgeschichte gemacht hat. Er wäre von den vielen kleinen und großen Enttäuschungen aufgefressen worden und geblieben wäre am Ende nichts als Resignation.
Das scheint mir eine Wirklichkeit zu sein, in der viele Menschen heute gefangen sind: Hilflos, kraftlos und tatenlos den vielen kleinen und großen Ungerechtigkeiten unserer Zeit gegenüberzustehen.
Diesem Gefühl des Ausgeliefertsein, ausgeliefert den harten Realitäten der Zeit, stellte Jesus das Lebensmuster des Wagemutes entgegen. Etwas wagen heißt immer auch: ausbrechen aus altgewohnten Mustern, Wege des Vertrauten und Gekannten zu verlassen.
Etwas wagen heißt: Nicht nur im Wissen um seine Geschichte, sondern auch im Vertrauen auf eine Zukunft die Gegenwart zu gestalten. Im Tod hat Jesus den Himmel offen gesehen. Er konnte diesen Weg des Ausgeliefertwerdens nur gehen im Vertrauen auf diesen offenen Himmel, das heißt: im Vertrauen auf Gott.
Jesus ist nicht steckengeblieben in der Vergänglichkeit der Geschichte, weil er an eine Zukunft in Gott glaubte; Jesus ist aber auch nicht abgehoben aus der Geschichte, weil er an die Gegenwart Gottes im Hier und Jetzt glaubte.
Glaube verwirklicht sich in der Hoffnung; in der Hoffnung, dass Frieden und ein gedeihliches Zusammenleben möglich ist. Es ist für alle eine Zukunft möglich, die erfüllend ist. Auf unserer neuen Osterkerze ist das Wort „Hoffnung“ zu lesen. Auf dem ersten Blick vielleicht nicht erkennbar, weil die Buchstaben auf der Kerze zu tanzen scheinen und im Tanzen sind sie durcheinandergewirbelt worden. Aber sie ist da, die Hoffnung. Sie freut sich, wenn sie entdeckt, ja noch mehr, wenn sie gelebt wird.
Glaube verwirklicht sich in der Hoffnung. Und Hoffnung will gelebt werden. Und sie wird gelebt. Wider so manche bittere Wirklichkeit leben Menschen heute die Hoffnung auf Frieden und Zusammenhalt über Grenzen hinweg.
Die Tradition unseres Glaubens kennt die sieben Werke der Barmherzigkeit. Sie sind auf der Osterkerze zu entdecken: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene zu besuchen und den Toten Ehre zu erweisen.
So viele Menschen handeln nach diesen Vorgaben und bieten den Gierhälsen unserer Zeit die Stirn. Die einfachen, unscheinbaren Liebeszeichen sind es, die den Unbelehrbaren zeigen, dass Ostern kein Traum ist sondern Wirklichkeit.
Am Freitag vorvergangener Woche war ich in Düsseldorf mit Freunden und Kollegen aus meiner Hochschulzeit verabredet. Da ich etwas zu früh in der Stadt war, bin ich ein wenig durch die Straßen geschlendert. Zuerst hab ich mich gewundert, dass ich so vielen freundlichen und fröhlichen Menschen begegnet bin; die Stadt war nach meiner Einschätzung voller als sonst. Vor allem muslimische Menschen füllten die Straßen. Es war der erste Tag des Zuckerfestes, das den Ramadan beendet hat. Es war schön, in so viele fröhliche Gesichter zu schauen. Die Cafés und Restaurants waren voll; die Menschen saßen draußen, weil sogar das Wetter an diesem Tag noch mitspielte.
Für einen Augenblick habe ich vergessen, in welch zerrissenem Zustand unsere Welt sich im Augenblick befindet, war doch um mich herum nur Frohsinn, Musik und ein Stimmengewirr der verschiedensten Sprachen. In diesem Moment hab ich vergessen, wie schnell Vorurteile geschürt werden gegenüber Menschen anderen Glaubens und anderer Traditionen. Nicht wenige reden uns ein, wir würden auf einem Pulverfass leben, weil Fremde und Fremdes unsere Werte in Frage stellen. Es ist so einfach, Menschen durch eine plumpe Sprache zu beeinflussen; manche Politiker*innen scheinen das zur Zeit billigend in Kauf zu nehmen, um andere Interessen durchzusetzen.
Was ich dort in Düsseldorf zufällig erleben durfte, passt einfach nicht zu dem, was uns so leichtfüßig oft eingeredet wird, dass Menschen, die anders glauben und anders leben, unseren Glauben und unsere Traditionen gefährden. An diesem Tag habe ich als ein vorösterliches Geschenk wahrgenommen, wie schön es ist, Gott unverhofft zu sehen und zu erkennen im Lachen der Menschen. In diesem Lachen zeigte sich Zukunft, menschlich-göttliche Zukunft.
Ja, wir stehen an einer Scheidewende. Wer und was überzeugen uns mehr? Glauben und Vertrauen wir den Angstmachern unserer Tage oder doch dem Gott, der sich nicht einschließen lässt in Kulturen und Traditionen, sondern gerade die Brücke sein möchte zwischen all dem, was Menschen versuchen zu trennen.