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Ansprache zum 4. Sonntag der Osterzeit

Ansprache zum 4. Sonntag der Osterzeit

Das Bild einer Schafherde lässt einen leicht in idyllische Schwärmerei verfallen. In der Heiligen Schrift kommen Schafe eigentlich immer gut weg. Denken wir an den guten Hirten, der für seine Schafe sorgt, denken wir an das verlorene Schaf, das dem Hirten so unendlich wertvoll und wichtig ist und das er wieder zur Herde zurückführen möchte; bei Matthäus werden die Schafe beim jüngsten Gericht gerettet, die Böcke nicht; bei Jesaja ist das Bild der Schafherde ein Synonym dafür, wie vielfältig die  Lebenswege sind, die wir   Menschen durchwandern. Nicht zu vergessen, das Opferlamm, das unschuldige Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird.

 

Nun ist heute auch von einem Hirten und von Schafen die Rede im Evangelium. Etwas anders als sonst, vielleicht ein wenig differenzierter und tiefschichtiger. Das Besondere in diesem Schriftwort ist, dass nicht die Schafherde im Vordergrund steht, sondern das einzelne Schaf, der einzelne Mensch also.

 

Der Beginn des heutigen Evangeliums macht unmissverständlich klar: Sich in eine fremde Wohnung durchs Fenster einzuschleichen ist unredlich. Will sagen: Sich in das Leben eines anderen Menschen einzuschleichen, den Menschen gegen seinen Willen zu beeinflussen, ihn seiner eigenen Persönlichkeit zu berauben, das ist schändlich. Im Blick auf unsere heutige Situation, wo in den sozialen Netzwerken aber auch anderswo unlautere Wege gegangen werden, Einfluss zu nehmen auf andere, ist im Blick auf diese biblische Botschaft eines kritischen Blickes wert.

 

Vor 14 Tagen haben rechtsradikale Idioten – anders kann man es nicht sagen – probiert, ihre Überzeugung unserer Stadt aufzudrücken, als sie das queere Zentrum in der Wallstraße mit Hakenkreuzen beschmiert haben und auf die Tür schrieben: „Wir kommen“. Wer unsere Geschichte kennt, der weiß, wie diese Drohung gedanklich fortgesetzt wird: ‚Wir kommen, um euch zu holen‘. So ist es ja geschehen damals, als Schwule, Transmenschen und viele andere in die Konzentrationslager gesteckt wurden. (Hier in Neuwerk wurde vor wenigen Wochen jüdische Denkmäler verschandelt, Sie wissen also, wie sich solche Diffamierungen anfühlen). Radikale echauffieren sich an der Unterschiedlichkeit menschlichen Lebens.

 

Schauen wir weiter in den Text des Evangeliums. Da hören wir, dass der Hirt seine Schafe kennt, jedes einzelne bei seinem Namen. Das heißt: Der Hüter weiß um die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit jedes seiner Schafe. Jedes Schaf ist ein Unikat – wenn ich das so sagen darf -, es gibt keinen Kamm, über den alle in gleicher Weise geschert werden könnten. Der oder die einzelne ist im Blickfeld des Hirten, und erst im zweiten Blick die Herde. Ihm ist wichtig, die Lebenswirklichkeit des einzelnen wahr zu nehmen. Die Lebenswirklichkeit des einen ist immer verschieden von der des anderen. Die Lebenswirklichkeiten der Menschen sind so verschieden wie die Lebensgeschichten der Menschen verschieden sind.

 

Vor dieser Einzigartigkeit des einzelnen haben die Rechtsradikalen Angst. Sie wollen die Menschen ins Uniforme drängen. Sie verweigern sich, das Einmalige in einem Menschen entdecken zu wollen, weil ein „schwarz-weiß-Denken doch so einfach ist.

 

Den Bund, den Gott mit den Menschen schloss, den haben die Menschen des ersten, des Alten Testamentes verstanden als einen Bund mit dem Volk. In dieser Theologie sind die Jüngerinnen und Jünger aufgewachsen; sie verstehen sich als Glied des Volkes, eingebunden in diese Gemeinschaft.

 

Jesus entwickelt diesen Gedanken des göttlichen Bundes aber weiter: Eingebunden sein in eine Gemeinschaft heißt für ihn tiefer, dass sich der einzelne Mensch als ein Glied des Ganzen, des auserwählten Volkes sehen darf. Die Werthaftigkeit des Volkes Gottes ergibt sich aus der Werthaftigkeit jedes einzelnen. Die Theologie des Volkes Gottes, wie sie im Ersten Testament erzählt wird, entwickelt Jesus weiter, indem er auf die Einzigartigkeit des Subjektes verweist.

 

Jesus bezeichnet sich dann weiter als die Tür. Er, der ohne Vorbehalt und ohne Vorbedingung auf den Menschen zugegangen ist, er ist die Tür zu einem Leben in Fülle. Dieser Einzigartige, der die Einzigartigkeit seines Lebens nicht als etwas Exklusives wahrgenommen hat sondern als ein Gottesgeschenk, hat den Menschen, denen er begegnete, immer ihre Einzigartigkeit vor Augen geführt.

 

Seine Botschaft an den Menschen: Gott schenkt jedem Menschen etwas, was er sonst keinem anderen schenkt.

 

Jesus nimmt  die Genese eines Menschen ernst; er hat den Menschen, der ihm gegenübersteht immer als ein Individuum wahrgenommen und angenommen. Deshalb haben sich alle bei ihm aufgehoben gefühlt, weil ihr ganzes Leben in den Blick kommen durfte. Wir müssen es wagen, einander kennen zu lernen. Das ist das Schlüsselwort. Wenn wir bereit werden, einander kennen zu lernen, wenn wir die Lebenswirklichkeiten des und der je einzelnen wert zu schätzen lernen, dann verlieren sich Stereotypen; dann sehe ich im Gegenüber ein einmaliges Gottesgeschöpf und nicht einen Juden oder einen Ausländer oder einen Schwulen oder wen auch immer; dann stehe ich der Aischa, oder dem Ali oder der Mechtilde oder wie immer mein Gegenüber heißen mag gegenüber.

 

Am vergangenen Samstag, nach dem menschenverachtenden Anschlag auf das queere Zentrum haben sich mehrere hundert Menschen in der Wallstraße versammelt, um ein solidarisches Zeichen der Verbundenheit zu setzen. Was war das für ein buntes, schönes Bild: Ein Vater mit seinem Kind, von dem er hofft, dass es glücklich wird; Ali aus der Türkei,  der sich zu seinem Schwulsein bekennt und dankt, in Mönchengladbach leben zu können, einer Stadt, die er als liebenswert und weltoffen bezeichnete; die Mutter, die ihre Liebe unter Tränen in Worte fasste zu ihrem Kind, das sich vor ihr als Trans offenbarte; viele andere, jede und jeder einzigartig und in dieser Einzigartigkeit ein Spiegelbild Gottes.

 

„Euch und allen Kindern gilt die Verheißung“, hörten wir in der Apostelgeschichte, nicht wenigen, nicht einigen, nicht Auserwählten, sondern allen gilt die Verheißung Gottes, zur Freiheit berufen zu sein. In diese Freiheit finden wir, wenn wir einander diese geschenkte Freiheit auch gönnen. Die Erfahrung dieser Freiheit beginnt mit der Neugierde, einander unsere Geschichte und unsere Geschichten zu erzählen. Nur so werden wir einander gerecht; und was noch wichtiger ist: Nur so werden wir einander in ein Leben in Fülle begleiten können.

 

 

 

 

 

Datum:
So. 26. Apr. 2026
Von:
Christoph Simonsen

Ansprache zum 4. Sonntag der Osterzeit

Das Bild einer Schafherde lässt einen leicht in idyllische Schwärmerei verfallen. In der Heiligen Schrift kommen Schafe eigentlich immer gut weg. Denken wir an den guten Hirten, der für seine Schafe sorgt, denken wir an das verlorene Schaf, das dem Hirten so unendlich wertvoll und wichtig ist und das er wieder zur Herde zurückführen möchte; bei Matthäus werden die Schafe beim jüngsten Gericht gerettet, die Böcke nicht; bei Jesaja ist das Bild der Schafherde ein Synonym dafür, wie vielfältig die  Lebenswege sind, die wir   Menschen durchwandern. Nicht zu vergessen, das Opferlamm, das unschuldige Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird.

 

Nun ist heute auch von einem Hirten und von Schafen die Rede im Evangelium. Etwas anders als sonst, vielleicht ein wenig differenzierter und tiefschichtiger. Das Besondere in diesem Schriftwort ist, dass nicht die Schafherde im Vordergrund steht, sondern das einzelne Schaf, der einzelne Mensch also.

 

Der Beginn des heutigen Evangeliums macht unmissverständlich klar: Sich in eine fremde Wohnung durchs Fenster einzuschleichen ist unredlich. Will sagen: Sich in das Leben eines anderen Menschen einzuschleichen, den Menschen gegen seinen Willen zu beeinflussen, ihn seiner eigenen Persönlichkeit zu berauben, das ist schändlich. Im Blick auf unsere heutige Situation, wo in den sozialen Netzwerken aber auch anderswo unlautere Wege gegangen werden, Einfluss zu nehmen auf andere, ist im Blick auf diese biblische Botschaft eines kritischen Blickes wert.

 

Vor 14 Tagen haben rechtsradikale Idioten – anders kann man es nicht sagen – probiert, ihre Überzeugung unserer Stadt aufzudrücken, als sie das queere Zentrum in der Wallstraße mit Hakenkreuzen beschmiert haben und auf die Tür schrieben: „Wir kommen“. Wer unsere Geschichte kennt, der weiß, wie diese Drohung gedanklich fortgesetzt wird: ‚Wir kommen, um euch zu holen‘. So ist es ja geschehen damals, als Schwule, Transmenschen und viele andere in die Konzentrationslager gesteckt wurden. (Hier in Neuwerk wurde vor wenigen Wochen jüdische Denkmäler verschandelt, Sie wissen also, wie sich solche Diffamierungen anfühlen). Radikale echauffieren sich an der Unterschiedlichkeit menschlichen Lebens.

 

Schauen wir weiter in den Text des Evangeliums. Da hören wir, dass der Hirt seine Schafe kennt, jedes einzelne bei seinem Namen. Das heißt: Der Hüter weiß um die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit jedes seiner Schafe. Jedes Schaf ist ein Unikat – wenn ich das so sagen darf -, es gibt keinen Kamm, über den alle in gleicher Weise geschert werden könnten. Der oder die einzelne ist im Blickfeld des Hirten, und erst im zweiten Blick die Herde. Ihm ist wichtig, die Lebenswirklichkeit des einzelnen wahr zu nehmen. Die Lebenswirklichkeit des einen ist immer verschieden von der des anderen. Die Lebenswirklichkeiten der Menschen sind so verschieden wie die Lebensgeschichten der Menschen verschieden sind.

 

Vor dieser Einzigartigkeit des einzelnen haben die Rechtsradikalen Angst. Sie wollen die Menschen ins Uniforme drängen. Sie verweigern sich, das Einmalige in einem Menschen entdecken zu wollen, weil ein „schwarz-weiß-Denken doch so einfach ist.

 

Den Bund, den Gott mit den Menschen schloss, den haben die Menschen des ersten, des Alten Testamentes verstanden als einen Bund mit dem Volk. In dieser Theologie sind die Jüngerinnen und Jünger aufgewachsen; sie verstehen sich als Glied des Volkes, eingebunden in diese Gemeinschaft.

 

Jesus entwickelt diesen Gedanken des göttlichen Bundes aber weiter: Eingebunden sein in eine Gemeinschaft heißt für ihn tiefer, dass sich der einzelne Mensch als ein Glied des Ganzen, des auserwählten Volkes sehen darf. Die Werthaftigkeit des Volkes Gottes ergibt sich aus der Werthaftigkeit jedes einzelnen. Die Theologie des Volkes Gottes, wie sie im Ersten Testament erzählt wird, entwickelt Jesus weiter, indem er auf die Einzigartigkeit des Subjektes verweist.

 

Jesus bezeichnet sich dann weiter als die Tür. Er, der ohne Vorbehalt und ohne Vorbedingung auf den Menschen zugegangen ist, er ist die Tür zu einem Leben in Fülle. Dieser Einzigartige, der die Einzigartigkeit seines Lebens nicht als etwas Exklusives wahrgenommen hat sondern als ein Gottesgeschenk, hat den Menschen, denen er begegnete, immer ihre Einzigartigkeit vor Augen geführt.

 

Seine Botschaft an den Menschen: Gott schenkt jedem Menschen etwas, was er sonst keinem anderen schenkt.

 

Jesus nimmt  die Genese eines Menschen ernst; er hat den Menschen, der ihm gegenübersteht immer als ein Individuum wahrgenommen und angenommen. Deshalb haben sich alle bei ihm aufgehoben gefühlt, weil ihr ganzes Leben in den Blick kommen durfte. Wir müssen es wagen, einander kennen zu lernen. Das ist das Schlüsselwort. Wenn wir bereit werden, einander kennen zu lernen, wenn wir die Lebenswirklichkeiten des und der je einzelnen wert zu schätzen lernen, dann verlieren sich Stereotypen; dann sehe ich im Gegenüber ein einmaliges Gottesgeschöpf und nicht einen Juden oder einen Ausländer oder einen Schwulen oder wen auch immer; dann stehe ich der Aischa, oder dem Ali oder der Mechtilde oder wie immer mein Gegenüber heißen mag gegenüber.

 

Am vergangenen Samstag, nach dem menschenverachtenden Anschlag auf das queere Zentrum haben sich mehrere hundert Menschen in der Wallstraße versammelt, um ein solidarisches Zeichen der Verbundenheit zu setzen. Was war das für ein buntes, schönes Bild: Ein Vater mit seinem Kind, von dem er hofft, dass es glücklich wird; Ali aus der Türkei,  der sich zu seinem Schwulsein bekennt und dankt, in Mönchengladbach leben zu können, einer Stadt, die er als liebenswert und weltoffen bezeichnete; die Mutter, die ihre Liebe unter Tränen in Worte fasste zu ihrem Kind, das sich vor ihr als Trans offenbarte; viele andere, jede und jeder einzigartig und in dieser Einzigartigkeit ein Spiegelbild Gottes.

 

„Euch und allen Kindern gilt die Verheißung“, hörten wir in der Apostelgeschichte, nicht wenigen, nicht einigen, nicht Auserwählten, sondern allen gilt die Verheißung Gottes, zur Freiheit berufen zu sein. In diese Freiheit finden wir, wenn wir einander diese geschenkte Freiheit auch gönnen. Die Erfahrung dieser Freiheit beginnt mit der Neugierde, einander unsere Geschichte und unsere Geschichten zu erzählen. Nur so werden wir einander gerecht; und was noch wichtiger ist: Nur so werden wir einander in ein Leben in Fülle begleiten können.