Ansprache zum 3. Sonntag der Osterzeit 2026:
Wie kommen wir dem besser auf die Spur, was den Wert und die Einmaligkeit unseres Lebens auszeichnet?
Ist das eine Frage, die Euch beschäftigt? Oder sind nicht viele von uns so im Großen und Ganzen zufrieden mit dem, wie es ist? Wir haben unseren Alltag im Griff, die meisten von uns zumindest. Wir wissen um unsere Verantwortlichkeiten, wir wissen auch um unsere Fähigkeiten und Begrenztheiten und irgendwie kriegen wir das Leben gewuppt, wie man heute so schön sagt. Aber auch, wenn es uns konkret vielleicht nicht so betrifft, so spüren wir doch, dass sich um uns herum alles ändert. Und aus diesen gesellschaftlichen Veränderungen ergeben sich doch unweigerlich auch Fragen, die unser persönliches Leben betreffen. Wenn sich alles um uns herum verändert, dann macht das doch auch etwas mit uns, oder?
Die künstliche Intelligenz zum Beispiel; sie ersetzt die Arbeit von Menschen; Menschen bangen um ihre Existenz, aber was noch tragischer ist: Menschen verlieren ihr Selbstbewusstsein, fühlen sich überflüssig, da sie doch scheinbar so leicht ersetzbar sind. Alleine diese Erkenntnis schon lässt die Frage aufkommen nach dem, was dem Leben Wert und Inhalt gibt.
Die Politik, so scheint mir, steht dem ziemlich hilflos gegenüber. Immer noch steht eine Gewinnoptimierung im Vordergrund, wirtschaftliches Wachstum ist das vorrangige Ziel und zu wenig eine gerechtere Verteilung dessen, was zum Leben zur Verfügung steht.
Eine Konsequenz daraus ist, dass sich unsere Gesellschaft immer mehr spaltet in Gewinner und Verlierer. Damit die einen als Gewinner dastehen können, braucht es eben auf der anderen Seite auch Verlierer. Diese Grundüberzeugung macht das Zusammenleben immer schwieriger und herzloser und auch brutaler. Was macht diese Problematik mit mir? Wie kann ich es ermöglichen, dass die Werthaftigkeit eines jeden Lebens in unserer Gesellschaft wieder in den Vordergrund rückt?
Sicher habt ihr von dem schändlichen Überfall auf das queere Zentrum hier in unserer Stadt gehört oder gelesen. So unentschuldbar dieser Überfall ist, so naheliegend ist er leider Gottes auch in unserer Zeit. Man prügelt auf die ein, die sich am wenigsten wehren können, weil die eben den geringsten Rückhalt in unserer Gesellschaft haben. Unsere derzeitige Situation gründet einen heillosen Nährboden für Gewalt und Hass. Wir entfremden einander in unserer Gesellschaft immer mehr, weil Leben vielen wie ein Überlebenskampf erscheint.
Warum gönnen Menschen einander das Leben nicht? Das ist für mich die Urfrage. Was berechtigt Menschen, über den Wert und die Andersartigkeit anderer zu entscheiden? Nicht nur, aber auch die soziale Schieflage in unserer Gesellschaft trägt dazu bei, Vorurteile zu bestärken und die Sinnhaftigkeit von Leben immer nur nach unseren eigenen Vorstellungen gelten zu lassen; was ich für richtig halte, muss für andere auch so gelten, ansonsten sind sie auf einem Irrweg. Dass jedes Leben, das verantwortet gelebt wird, ein Lebensrecht hat, wird in unserer Gesellschaft immer mehr in Frage gestellt.
Wenn dann unsere Regierung gerade den Rotstift dort ansetzt, wo Unterstützung und Aufklärung dringend geboten wäre, dieser Schieflage entgegenzuwirken, damit ein friedliches Miteinander wachsen kann, dann darf und muss das auch kritisch hinterfragt werden dürfen. Und dazu bietet unser österlicher Glaube eine heilsame Grundlage.
Das Bild des Fischfangs zum Beispiel, von dem wir im heutigen Evangelium lesen und hören, ist ein Synonym für ein gelingendes, erfülltes, reiches Leben miteinander. Es ist kein Zufall, dass die Fischer aufgerufen werden, ihre Netze auf der rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Wenn wir unserem Leben einen wirklichen Erfolg abgewinnen wollen, dann müssen wir unsere Netze auf der rechten Seite auswerfen um Lebenssinn fangen zu können. Erfolg nicht verstanden als ein „Mehr haben“, sondern als ein „Mehr-sein“.
Hirnforscher haben herausgefunden, dass entsprechend der Nervenbahnen unseres Gehirns die rechte Seite diejenige ist, die unser bewusstes Erleben speichert. Das, was uns bewusst zugänglich ist aus unserer Lebensgeschichte, das wird auf der rechten Seite des Gehirns abgespeichert. Zur rechten Seite das Netz auswerfen kann also bedeuten, all die Dinge im Leben, die gewesen sind, noch einmal durchzugehen, sie noch einmal zu reflektieren und sie sich wirklich zu eigen zu machen. Wir dürfen dann, da bin ich mir sicher, erkennen: Unser Leben erfüllt sich immer dann mit Sinn, wenn wir mit unserer Lebensgeschichte im Frieden und im Einklang sind. Der Wert und die Einmaligkeit unseres Seins erweist sich in dieser Sehnsucht, eins sein zu können mit sich selbst. Wer erkannt hat, dass im Frieden zu sein mit sich selbst das größte Glück ist, der verwehrt dies auch keinem anderen mehr. Der muss keine Scheiben mehr einschlagen und hasserfüllte Parolen an die Wände schmieren.
Unsere Gesellschaft würde friedlicher, wenn die Maxime allen gesellschaftlichen und politischen Handelns wäre, Sorge zu tragen dafür, dass Menschen in ihrem Sein gestärkt werden würden.
Im heutigen Evangelium heißt es lapidar: „Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte…“ Wenn wir Menschen Muße und Zeit aufbringen, von unserem Leben zu erzählen, und wenn wir einander Muße und Zeit aufbringen, einander zuzuhören, dann erkennen wir eine neue Mitte im Leben: im eigenen persönlichen Leben, aber auch im Leben unserer Gesellschaft.