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Ansprache zum 15. Sonntag im Jahreskreis (A)

Ansprache zum 15. Sonntag im Jahreskreis A-2026:

Für viele beginnen in der kommenden Woche die Ferien. Für Sie, die Sie hier an den Rursee kommen, ist das ja auch so ein bisschen wie Ferien machen. Da hab ich mir gedacht, ich könnte Ihnen mal ein gutes Buch vorschlagen. Ferien laden doch auch gern ein, mal ein gutes Buch zu lesen.

 

Deshalb möchte ich Ihnen heute auch ein Buch ans Herz legen, oder besser: in die Hände. Ich habe es mit großem Interesse gelesen; es liest sich leicht, weil es voller Humor ist, und mir ist keine Sekunde langweilig geworden. Gleichzeitig ist es aber auch ein bitter ernstes Buch. Es ruft in Erinnerung, dass wir Menschen heute an einem Scheidepunkt stehen: Zerreißen wir uns gegenseitig oder suchen wir Wege zueinander? „Über Menschen“ heißt das Buch von Juli Zeh.

 

Eine junge Frau – Dora – flüchtet aus der Großstadt aufs Land nach Brandenburg. Dort ticken die Uhren anders als im hektischen Berlin. In einem kleinen Dort trifft sie auf Menschen, die in kein vorgeprägtes Raster passen. Der offen bekennende Rechtsradikale Gote und der schwule Steffen mit seinem Ehemann wohnen Tür und Tür. Anders als in einer Großstadt, kann man sich auf dem Dorf nicht aus dem Weg gehen. Man trifft sich beim Bäcker oder abends in der Kneipe. Dora, die Werbedesignerin, macht im Laufe der Zeit eine lebenswichtige Erfahrung. Sie lernt, worauf es im Leben wirklich ankommt: Vorurteile nicht zu schnell ungefragt zu übernehmen, sondern sich unvoreingenommen zu begegnen.

 

Ein gutes Buch ist mehr als ein Zeitvertreib; es erzählt Geschichten, Geschichten die das Leben schreibt. Beim Lesen vergisst man die Zeit. In diesem Gespann des Erzählens und Lauschens entsteht ein neuer Raum, eine neue Wirklichkeit. Die Geschichte, die man liest, wird zur ersehnten Wirklichkeit, Träume erwachen ins Leben hinein.

 

Wirklichkeit und Hoffnung verschwimmen. Es ist gar nicht wichtig zu wissen, ob das, was ich da lese, wirklich wirklich ist; allein dass es wirklich sein könnte, zieht einen in den Bann. Was in der Wirklichkeit undenkbar scheint, in einer Geschichte ist es möglich: Menschen ganz unterschiedlicher Überzeugungen finden zueinander und lernen sich wertzuschätzen.

 

Glaube, liebe Geschwister, wächst auch im "Dazwischen", im Raum zwischen Wirklichkeit und Hoffen. Glauben wird zur Wirklichkeit dort, wo Menschen aufmerksam und neugierig Geschichten des Lebens erzählen. Lebensgeschichten sind auch Glaubensgeschichten.

 

Eine solche Geschichte vom Leben erzählt Jesus im heutigen Evangelium. Jesus ist ein guter Geschichtenerzähler. Seine Geschichten möchten ermutigen, das Leben anzuschauen, so, wie es ist. Mit all dem, was dazugehört: mit dem steinigen und vertrockneten nicht minder wie mit dem warmen, bergenden und fruchtbaren. Das alles mögen wir anschauen: dazu lädt Jesus uns ein; und zu all dem dürfen wir uns bekennen: Das ist mein Leben, das macht mich aus.

 

Das ist gewiss nicht immer einfach, zu sagen, es ist, wie es ist. Es ist auch nicht immer einfach, hinzuschauen, hinzuhören und das Geschehen des Augenblicks auf sich wirken zu lasse, ohne sich sofort dem Zwang zu unterwerfen, das Gehörte oder Erfahrene zu bewerten. Das ist oft unser großer Fehler, dass wir Menschen immer alles sofort bewerten, einordnen, katalogisieren möchten. Wie oft nehmen wir Dinge des Lebens wahr, und im wahrnehmen beginnen wir schon, es zu interpretieren und zu bewerten. Aber Geschichten, zumal Lebensgeschichten, bedürfen als erstes einer Wertschätzung; sie möchten mit unseren Sinnen, mit Augen und Ohren, wahrgenommen werden; unsere Nase darf riechen, was in der Geschichte erzählt wird, und unsere Hände dürfen nach dem Tasten, was dort beschrieben wird.

 

Auch die traurigen Geschichten, auch die Geschichten, in denen Menschen an Grenzen stoßen, die Geschichten, die von den Verstrickung des Menschen in das Boshafte des Lebens erzählen, auch sie wollen zunächst nur wahrgenommen werden. Denn auch solche Geschichten sind Geschichten des Lebens, denen keiner entrinnen kann. Das Wertvolle solcher Geschichten besteht darin, dass sie wahr sind und dass sie in Erinnerung rufen, dass wir Menschen Menschen sind, fehlerhaft, begrenzt, schuldverstrickt. Gute Geschichten wissen um die Ideale des Lebens, aber sie überhöhen diese Ideale nicht. Gute Geschichten erinnern uns daran, dass es gut ist, Ideale im Herzen zu tragen, denn ohne Ideale würden wir Menschen verdorren. Gute Geschichten halten die Wirklichkeit aus und wissen zugleich darum, dass es mehr gibt als die nackte Realität.

 

Als Jesus von seinen Zuhörerinnen und Zuhörern bedrängt wird, als sie der Geschichten, die er erzählt hat, müde wurden, da entzieht sich Jesus ihnen. Unter diesem Druck geht Jesus auf Abstand zu den Menschen. Und es gleicht schon einer Symbolhandlung, denn er gibt den festen Boden unter seinen Füßen auf und begibt sich auf ein schwankendes Boot.

 

Wer Sicherheit sucht in allen Lebenslagen, der wird enttäuscht werden. Eine Gebrauchsanweisung gibt es weder für das Leben noch für das Sterben. Nur im Erzählen werden wir reicher. Hinschauen, hinhören, Hineinriechen. Aufmerksam sein und offen bleiben für Überraschungen. Wie hat Hilde Domin es einmal in einem wunderschönen Gedicht erzählt: Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.“

 

 

 

 

 

 

Datum:
So. 12. Juli 2026
Von:
Christoph Simonsen

Ansprache zum 15. Sonntag im Jahreskreis A-2026:

Für viele beginnen in der kommenden Woche die Ferien. Für Sie, die Sie hier an den Rursee kommen, ist das ja auch so ein bisschen wie Ferien machen. Da hab ich mir gedacht, ich könnte Ihnen mal ein gutes Buch vorschlagen. Ferien laden doch auch gern ein, mal ein gutes Buch zu lesen.

 

Deshalb möchte ich Ihnen heute auch ein Buch ans Herz legen, oder besser: in die Hände. Ich habe es mit großem Interesse gelesen; es liest sich leicht, weil es voller Humor ist, und mir ist keine Sekunde langweilig geworden. Gleichzeitig ist es aber auch ein bitter ernstes Buch. Es ruft in Erinnerung, dass wir Menschen heute an einem Scheidepunkt stehen: Zerreißen wir uns gegenseitig oder suchen wir Wege zueinander? „Über Menschen“ heißt das Buch von Juli Zeh.

 

Eine junge Frau – Dora – flüchtet aus der Großstadt aufs Land nach Brandenburg. Dort ticken die Uhren anders als im hektischen Berlin. In einem kleinen Dort trifft sie auf Menschen, die in kein vorgeprägtes Raster passen. Der offen bekennende Rechtsradikale Gote und der schwule Steffen mit seinem Ehemann wohnen Tür und Tür. Anders als in einer Großstadt, kann man sich auf dem Dorf nicht aus dem Weg gehen. Man trifft sich beim Bäcker oder abends in der Kneipe. Dora, die Werbedesignerin, macht im Laufe der Zeit eine lebenswichtige Erfahrung. Sie lernt, worauf es im Leben wirklich ankommt: Vorurteile nicht zu schnell ungefragt zu übernehmen, sondern sich unvoreingenommen zu begegnen.

 

Ein gutes Buch ist mehr als ein Zeitvertreib; es erzählt Geschichten, Geschichten die das Leben schreibt. Beim Lesen vergisst man die Zeit. In diesem Gespann des Erzählens und Lauschens entsteht ein neuer Raum, eine neue Wirklichkeit. Die Geschichte, die man liest, wird zur ersehnten Wirklichkeit, Träume erwachen ins Leben hinein.

 

Wirklichkeit und Hoffnung verschwimmen. Es ist gar nicht wichtig zu wissen, ob das, was ich da lese, wirklich wirklich ist; allein dass es wirklich sein könnte, zieht einen in den Bann. Was in der Wirklichkeit undenkbar scheint, in einer Geschichte ist es möglich: Menschen ganz unterschiedlicher Überzeugungen finden zueinander und lernen sich wertzuschätzen.

 

Glaube, liebe Geschwister, wächst auch im "Dazwischen", im Raum zwischen Wirklichkeit und Hoffen. Glauben wird zur Wirklichkeit dort, wo Menschen aufmerksam und neugierig Geschichten des Lebens erzählen. Lebensgeschichten sind auch Glaubensgeschichten.

 

Eine solche Geschichte vom Leben erzählt Jesus im heutigen Evangelium. Jesus ist ein guter Geschichtenerzähler. Seine Geschichten möchten ermutigen, das Leben anzuschauen, so, wie es ist. Mit all dem, was dazugehört: mit dem steinigen und vertrockneten nicht minder wie mit dem warmen, bergenden und fruchtbaren. Das alles mögen wir anschauen: dazu lädt Jesus uns ein; und zu all dem dürfen wir uns bekennen: Das ist mein Leben, das macht mich aus.

 

Das ist gewiss nicht immer einfach, zu sagen, es ist, wie es ist. Es ist auch nicht immer einfach, hinzuschauen, hinzuhören und das Geschehen des Augenblicks auf sich wirken zu lasse, ohne sich sofort dem Zwang zu unterwerfen, das Gehörte oder Erfahrene zu bewerten. Das ist oft unser großer Fehler, dass wir Menschen immer alles sofort bewerten, einordnen, katalogisieren möchten. Wie oft nehmen wir Dinge des Lebens wahr, und im wahrnehmen beginnen wir schon, es zu interpretieren und zu bewerten. Aber Geschichten, zumal Lebensgeschichten, bedürfen als erstes einer Wertschätzung; sie möchten mit unseren Sinnen, mit Augen und Ohren, wahrgenommen werden; unsere Nase darf riechen, was in der Geschichte erzählt wird, und unsere Hände dürfen nach dem Tasten, was dort beschrieben wird.

 

Auch die traurigen Geschichten, auch die Geschichten, in denen Menschen an Grenzen stoßen, die Geschichten, die von den Verstrickung des Menschen in das Boshafte des Lebens erzählen, auch sie wollen zunächst nur wahrgenommen werden. Denn auch solche Geschichten sind Geschichten des Lebens, denen keiner entrinnen kann. Das Wertvolle solcher Geschichten besteht darin, dass sie wahr sind und dass sie in Erinnerung rufen, dass wir Menschen Menschen sind, fehlerhaft, begrenzt, schuldverstrickt. Gute Geschichten wissen um die Ideale des Lebens, aber sie überhöhen diese Ideale nicht. Gute Geschichten erinnern uns daran, dass es gut ist, Ideale im Herzen zu tragen, denn ohne Ideale würden wir Menschen verdorren. Gute Geschichten halten die Wirklichkeit aus und wissen zugleich darum, dass es mehr gibt als die nackte Realität.

 

Als Jesus von seinen Zuhörerinnen und Zuhörern bedrängt wird, als sie der Geschichten, die er erzählt hat, müde wurden, da entzieht sich Jesus ihnen. Unter diesem Druck geht Jesus auf Abstand zu den Menschen. Und es gleicht schon einer Symbolhandlung, denn er gibt den festen Boden unter seinen Füßen auf und begibt sich auf ein schwankendes Boot.

 

Wer Sicherheit sucht in allen Lebenslagen, der wird enttäuscht werden. Eine Gebrauchsanweisung gibt es weder für das Leben noch für das Sterben. Nur im Erzählen werden wir reicher. Hinschauen, hinhören, Hineinriechen. Aufmerksam sein und offen bleiben für Überraschungen. Wie hat Hilde Domin es einmal in einem wunderschönen Gedicht erzählt: Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.“