Ansprache zum 14. Sonntag im Jahreskreis A-2026:
Die Frage stelle ich mir oft und in diesen Tagen wieder aus besonderem Anlass: Wie gelingt es, die Ruhe, die Gott mir angedeihen lassen möchte, an mich herankommen zu lassen: Dass Ruhe mich prägt, mein Reden und Handeln beeinflusst, dass ich nicht in den Sorgen dieser Welt untergehe.
Manchmal beneide ich den Trappistenmönch in Lillbosch, den ich letztens besucht habe. Das Kloster dort hat eine vom Aussterben bedrohte Schweineart wieder aufgezüchtet. Die Mönche dort pflegen diese Tiere auf sehr liebevolle Weise. Ja, die Schweine werden später auch für den Verzehr getötet, aber bis dahin werden sie behütet und geliebt und sie können ihr Leben voll-enden. Ich erlebe dort eine fast schon mystische Harmonie von Mensch und Tier im Leben und im Tod. Diese Ruhe finde ich zuweilen auf langen Spaziergängen mit meinen Hunden. Aber wie rasch verfliegt sie, wenn mich die Dinge des Alltags wieder einnehmen.
Lebe ich doch in einer Welt, die ihr Gleichgewicht verloren hat; von Ruhe weit und breit keine Spur, geschweige denn von einer Seelen- oder Herzensruhe. Unsere Welt ist so abartig, so laut in ihrer Zerrissenheit, dass eine kleine Unterbrechung durch Meditation oder Gebet vielleicht einen Augenblick der Ruhe gewähren kann, aber doch nicht mehr.
Uns wird wie in einer Endlosschleife eingeredet, dass unser Wohlstand gefährdet ist; und eben jene, die diesen Wohlstand sichern wollen, machen denen das Leben schwerer, die nie im Wohlstand gelebt haben. Soll ich da Ruhe bewahren?
Gestern, am Samstag, hat Papst Leo der Insel Lampedusa einen Besuch abgestattet und der 35.70 Menschen gedacht, die dort im Meer seit 2014 elendig ertrunken sind. Berührend das Bild des kleinen Jungen, der dem Papst einen Ball aus Papier geschenkt hat; die einzige Erinnerung an seine Mutter, die ihm geblieben ist, hat sie doch die Flucht nicht überlebt. Heute ist in den Köpfen der Verantwortlichen das Wort „Abschiebung“ mehr präsent als das der Gedanke, Leben retten zu sollen. Kann ich da ruhig bleiben?
Der neueste Jahresbericht von Amnesty International spricht – wörtlich – von drei gefräßigen Raubtieren, die die Welt ins Unglück stürzen. Sie ahnen vielleicht, wer damit gemeint sein könnte.
Drei Männer (Putin, Trump und Netanjahu) – sicher gibt es noch andere Menschen, die diesen Unehrentitel verdient hätten. Soll ich da Ruhe bewahren?
Beispiele, weit weg von uns. Aber wir können auch in unsere direkte Lebenswirklichkeit schauen: Da ist so manches, was einen aus der Fassung bringen muss. Die Herren in Rom sprechen Ungeweihten Frauen und Männern, die getauft sind und ihren Glauben leben ab, das Wort Gottes menschennah und lebenserfahren zu verkünden. Gleichzeitig wird in Kirchenkreisen gejammert, dass es noch nie so wenig Priesterweihen gab, wie in diesem Jahr. Soll ich da Ruhe bewahren?
Ein junger Bursche, gerade mal vielleicht Anfang 20, mit der blauen Fahne in der Hand, darauf die drei Buchstaben einer Partei, die das Gleichgewicht in unserer Gesellschaft endgültig radikal aus dem Ruder zu bringen versucht, spricht mich verunglimpfend an, weil ich einen Gottesdienst mit queeren Menschen feiere. Soll ich da ruhig bleiben?
„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“. Wenn ich doch nur ein wenig von der Gesinnung Jesu hätte. „Lernt von mir“, sagt er. Ja, darum will ich mich mühen, zu lernen, gütiger zu werden, demütiger. Von dieser Seite Jesu muss ich mir eine gehörige Scheibe abschneiden. Sie vielleicht auch? Oft leitet mich das Unverständnis, der Zorn – und ehrlich: Darf, ja muss man nicht wütend sein, angesichts der Befürchtung, dass unsere Welt immer bekloppter wird und die Menschen immer ausfälliger.
Kann das zusammengehen und wenn ja: wie? Zorn und Güte, Ungeduld und Demut? Meine Lebenserfahrung sagt mir: Es braucht beide Dimensionen in ihren Gegensätzlichkeiten. Erinnern wir uns, wie oft Jesus zornig war, wenn er auf Missstände in seiner Umgebung gestoßen ist. Ja, das ist wohl der lebenswichtigste Lernprozess, dem wir uns Gott gegenüber verantworten müssen: gütigen Zorn und demütige Ungeduld zu bewahren in einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass Krieg, Unrecht und die Lust, Menschen auszugrenzen, selbstverständliche Tagesordnung ist.
Ja, weil Jesu Joch sanft ist und seine Last leicht, ist es unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass wir das Leben der Menschen nie schwerer machen dürfen, als es eh schon ist: Mit Klugheit und Sanftmut, aber nicht weniger auch mit Mut.