Ansprache zum 12. Sonntag im Jahreskreis A-2026
Ich hab’s wirklich zum ersten Mal getan. Und das, obwohl Papst Leo davon abgeraten hat in seiner ersten großen Enzyklika „Magnifica Humanitas“. In diesem sehr beachtenswerten Traktat denkt er nach – die Überschrift zeigt es an – über die „großartige Menschlichkeit“. Ich hab’s wider seinen Willen getan. Ich habe die Predigt für den heutigen Sonntag mit der KI erarbeitet, also mit der künstlichen Intelligenz. Das heißt: Ich wollte es tun. Aber als ich das Ergebnis gelesen habe, habe ich ganz schnell davon Abstand genommen. In dem Schreiben „Magnifica Humanitas“ setzt der Papst sich unter anderem mit den Gefahren der künstlichen Intelligenz auseinander. Und nach meinem ersten – verbotenen – Versuch muss ich sagen: Seine Bedenken sind mehr als berechtigt. Was die KI mir da vorgeschlagen hat: Ich hätte ein schlechtes Gewissen, Ihnen das vorzutragen.
Unser Glaube, unser Vertrauen in Gott erschöpft sich schließlich nicht darin, auswendig gelernte Glaubenswahrheiten zu vertreten. Der christliche Glaube ist nicht starr und unveränderbar wie eine mathematische Formel. Glaube im wirklichen Leben reagiert auch auf die Erfahrungen, die Menschen im Leben machen. Unser Wissen ist einem Veränderungsprozess ausgesetzt; demgegenüber kann unser Glaube doch nicht starr und unveränderbar bleiben; er verändert sich und wächst auch mit unseren Lebenserfahrungen.
Wenn es um wissenschaftliche Themen geht, dann mag die künstliche Intelligenz eine große Unterstützung sein; bündelt sie doch millionenfache Erkenntnisse in sekundenschnelle zusammen, so dass unendlich viel Wissenswertes sofort abrufbar ist. Aber wenn es um die Hoffnung von Menschen geht, um ihre Träume und Sehnsüchte, daraus, woraus Menschen Kraft schöpfen für ihr Leben und ihren Glauben, dann ist die KI gänzlich überfordert, da braucht es das menschliche Herz, da braucht es Herzenswärme; da braucht es die Bereitschaft, sich einzubringen mit den eigenen persönlichen Erfahrungen; da wollen die Fragen, die das Leben einem stellen, ausgesprochen werden; da wollen die Bemühungen, wie wir Menschen uns den Unwegsamkeiten des Lebens gestellt haben, zur Sprache kommen. Und das schafft keine künstliche Intelligenz. Unser Glaube ist das Bindeglied zwischen der nüchternen Sachlichkeit menschlichen Wissens und der unverwechselbaren Einmaligkeit unserer Empfindungen und Gefühle.
Gott ist Mensch geworden, um uns in unserem Menschsein zu bestärken; um uns vorzuleben, was Menschlichkeit bedeutet, nämlich empfindsam zu sein, verletzlich, ja und auch unvollkommen, getragen von der Hoffnung, lernen zu können von der vollkommenen Zugewandtheit Gottes. Das Vertrauen auf diese Zugewandtheit Gottes, auf diese unumstößliche Liebe, die erlaubt es uns Menschen doch erst, zu unserer Unvollkommenheit stehen zu können, Fehler zugeben zu dürfen und zugleich aus ihnen lernen zu können. Glaube in unserer Geschichte war oft von der Angst geplagt, etwas falsch zu machen und dafür von Gott bestraft zu werden. Seine Menschwerdung aber ermutigt uns doch darin, nicht als Logarithmus durch die Welt gehen zu müssen, sondern eben als Mensch: manchmal in sich selbst widersprüchlich verstrickt und inkonsequent im Reden und Handeln, da doch seine Menschlichkeit uns dazu befreit, auch den Unvollkommenheiten der anderen begegnen zu können. „Nobody is perfet“; keine und keiner ist vollkommen, aber wir sind alle liebenswert, eben weil wir Menschen sind. Diese Weite hat Gott uns in Jesus Christus vorgelebt. Wer dem inneren Druck ausgesetzt ist, perfekt sein zu wollen, um Gott zu gefallen, der muss sich in einer permanenten Angst verstricken, aus der Liebe Gottes herauszufallen. Wer aber die eigene Unvollkommenheit wie die der anderen mit den liebevollen Augen Gottes zu betrachten lernt, der muss sich nicht mehr fürchten: Nicht vor Gott und nicht vor den Menschen.
„Fürchtet euch nicht vor den Menschen“, ruft Jesus den Seinen zu. Nicht Gott lehrt die Menschen das fürchten, sondern die Menschen selbst sind es, die einander Angst einjagen, indem sie nämlich von der Panik getrieben werden, vollkommen sein zu sollen und alle anderen und alles andere als minderwertig titulieren. Wie unsere Welt aussieht, die von Menschen geleitet wird, die einer solchen Hybris ausgesetzt sind, das erleben wir tagtäglich
Nicht eine absolute Perfektion ist erstrebenswert, sondern eine Ehrlichkeit, die der Vergebung Gottes vertraut. Denn diese Gewissheit legt er hinein in die Matrix unseres Lebens: Wir sind kostbar; kostbar wie sonst nichts anderes. „Ihr seid mehr wert als die Spatzen“. Wir sind liebenswert in den Augen Gottes aufgrund unseres Menschseins, mit allem was unser Menschsein ausmacht, eben auch die Tatsache, dass wir immer zurückbleiben hinter dem, was Menschlichkeit auszeichnet. Diese Zusage Gottes kann uns befreien von der Angst, mehr sein zu wollen, als wir es tatsächlich sind.
Und deswegen schreibe ich meine Predigten in Zukunft auch weiter selber, weil ich mich nicht beeindrucken lassen möchte von der scheinbaren Wissens-Vollkommenheit einer künstlichen Intelligenz, sondern mit den Grenzen meines Wissens und mit der Weite meiner Empfindsamkeit mit Ihnen gemeinsam auf Gottsuche gehen möchte.