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Ansprache zum 11. Sonntag im Jahreskreis (A)

  1. Sonntag im Jahreskreis A-2026

Kennen Sie Janosch? Janosch, den Kinderbuchautor und Illustrator, der bekannt wurde durch so unvergessliche Kinderbücher „Oh wie schön ist Panama“; viele kennen auch die Tigerente. In einer Kolumne der Wochenzeitschrift die Zeit hat er einem Cartoon regelmäßig auf die kniffligsten Fragen außergewöhnlich einfache Antworten gegeben. Keine knifflige Frage war zu kompliziert, um nicht darauf eine schlichte und verständliche Antwort zu finden.

 

„Wie geht man neue, große Dinge an“, wurde er einmal gefragt. Und seine Antwort war ebenso verblüffend wie überraschend: „Dazu ist es erst einmal wichtig, sich richtig zu positionieren und die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Also etwa im Liegen“.

 

Zu einem Gottesdienst kommen wir zusammen, um unsere Freundschaft mit Gott zu bekunden; aber doch auch, um uns zu stärken, den immer wieder neuen Herausforderungen des Lebens hier und heute gerecht zu werden.

 

 Wie gelingt es uns, den Menschen glaubwürdig von einem guten Lebensziel zu erzählen, vom Himmel eben, der uns ganz nahe kommen möchte? Wie schaffen wir es, den Menschen, deren Leben bedroht ist, eine Zuversicht zu verheißen? Wo müssen wir hingehen, um Kranke heilen zu können, nicht nur jene, die von einer Krankenkasse abgesichert sind? Finden wir Wege, jene in die volle Weltgemeinschaft hineinzuholen, die an den Rand gedrängt sind? Und die größte Herausforderung: Stellen wir uns den Herausforderungen, die Dämonen unserer Zeit – Unrecht, Gewalt, Herrschsucht - aus der Welt zu verbannen?

 

Das sind schon große Brocken, die zu bewältigen wir  gemeinsam angefragt sind. Nicht wenige sagen, sie seien zu groß, zu überfordernd. Hilft uns da der Rat von Janosch? Ich denke, ja. Und wir, die wir heute hier sind, sind da schon auf einem guten Weg. Sein Rat ist ja, sich zunächst einmal richtig zu positionieren.

 

Genau das tun wir gerade ja. Wir positionieren uns hinein in die Gegenwart Gottes, und schauen die Welt an mit seinen Augen, mit seinen mitleidigen Augen. Und wenn wir auch nicht liegen, so wie es Janosch vorschlägt, so ruhen wir doch zumindest. Wir ruhen aus in der Gemeinschaft, im Gebet, in der Feier. Wir treten heraus aus den Belastungen des Alltags und lassen uns ansprechen mit Worten, die wir sonst nicht hören. Denn wer spricht uns sonst so an und lädt uns ein, dass wir einander vom Himmel erzählen sollen, außer Gott? Die Verantwortlichen unserer Tage höre ich selten vom Himmel sprechen, eher von Wirtschaftsflaute und Leistungszwang.

 

Blicken wir wieder auf das heutige Evangelium.  Nicht in der Fremde sollen wir das Leben lebenswerter machen, nicht in der Welt der Heiden. „Geht nicht zu den Heiden“ sagt Jesus. Ich würde das heute vielleicht in der Weise interpretieren, dass wir uns nicht über den Glauben anderer Menschen, anderer Glaubensgemeinschaften echauffieren sollen. Anstatt sich über das Fremde, manchmal vielleicht auch sogar Befremdliche aufzuregen und die Nase zu rümpfen über kulturell und religiös Unbekanntes, sollten wir mehr auf uns schauen. Auch mitten unter uns keimt Unmenschlichkeit und Unrecht; auch in unserer christlichen Gesellschaft gibt es genügend Anlass zu Kritik und Achtsamkeit. Auch mitten unter uns ist Leben oft gebrochen. (Beispiel Verein missbrauchter Heimkinder).

 

 

In der Begegnung mit Menschen aus diesem Verein habe ich viel gelernt: Menschen, denen in der Kindheit so viel Unrecht und Leid zugefügt worden ist, denen Zugang zu Schulbildung und Beruf verwehrt wurde: sie sind es, die sich nicht aufgegeben haben, die den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren haben; sie lehren mich heute Menschlichkeit und erinnern daran, dass Lebensmut und Lebenskraft uns von Gott gegeben wurde, Sinn und Mut, der von Menschen nicht gebrochen werden konnte.

Das, was nicht perfekt ist, nicht aussondern, sondern integrieren; das, was fragwürdig ist, nicht in die Verbannung schicken, sondern einbinden; das, was verrückt ist, nicht ausmerzen, sondern verstehen lernen.

 

Jesu Auftrag nachzugehen, das ist eine Herausforderung, nicht selten eine Überforderung. Jesu Menschenbild erscheint vielen als eine Utopie, sein Auftrag unerfüllbar, geradezu weltfremd. Es mag ja durchaus mal interessant sein, eine andere Position einzunehmen, um zu sehen, welch große Aufgaben in der Welt liegen. Es mag ja durchaus neugierig stimmen, sich einmal vorzustellen, wie es wäre, wenn wir Gottes Wort wirklich leben würden. Es mag ja durchaus erbaulich sein, sich Auszeiten zu gönnen, um dem Traum einer gerechten Welt, eines friedlichen Miteinanders der Menschen Raum zu geben in der eigenen Seele.

Aber alles Ansinnen scheitert doch spätestens dann, wenn wir erkennen, dass um uns herum die Welt eine andere ist und wir dieser Welt nicht entfliehen können.

 

Da erinnere ich mich des zweiten Rats von Janosch und er lässt mich nicht los. „Im Liegen“ sollen wir die Welt betrachten. Von unten soll ich auf die Welt schauen, entspannt, ruhend und unbeobachtet vom Rest der Welt. Was passiert in solch einem Augenblick? Ich komme mir selbst näher. Und die Welt, diese unfertige, unfriedliche, mich oft bedrängende Welt verliert ein Stück ihres Einflusses über mich. Natürlich bin und bleibe ich ein Teil der Welt und doch rückt sie mir nicht so fordernd und bedrohlich auf den Leib. Es dreht sich nicht mehr alles um diese Welt und ich spüre eine andere Kraft, eine andere Mitte – in mir. Ja, wenn ich liege, wenn ich mich selbst spüre, dann nehme ich wahr, dass mehr in mir ist, als ich selbst zu glauben vermochte. Dies gewährt  ein Gefühl von innerer Freiheit und Gelassenheit. Nicht die Welt ist es, die über mein Leben bestimmt. Im Liegen kann eine Kraft gedeihen, mich einzubringen in diese Welt. Aus der Gabe, sich distanzieren zu können von all den Sachzwängen, die in der Welt beherrschend sind, kann die Aufgabe erwachsen zu geben. „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“.

 

 

 

 

 

 

Datum:
So. 14. Juni 2026
Von:
Christoph Simonsen
  1. Sonntag im Jahreskreis A-2026

Kennen Sie Janosch? Janosch, den Kinderbuchautor und Illustrator, der bekannt wurde durch so unvergessliche Kinderbücher „Oh wie schön ist Panama“; viele kennen auch die Tigerente. In einer Kolumne der Wochenzeitschrift die Zeit hat er einem Cartoon regelmäßig auf die kniffligsten Fragen außergewöhnlich einfache Antworten gegeben. Keine knifflige Frage war zu kompliziert, um nicht darauf eine schlichte und verständliche Antwort zu finden.

 

„Wie geht man neue, große Dinge an“, wurde er einmal gefragt. Und seine Antwort war ebenso verblüffend wie überraschend: „Dazu ist es erst einmal wichtig, sich richtig zu positionieren und die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Also etwa im Liegen“.

 

Zu einem Gottesdienst kommen wir zusammen, um unsere Freundschaft mit Gott zu bekunden; aber doch auch, um uns zu stärken, den immer wieder neuen Herausforderungen des Lebens hier und heute gerecht zu werden.

 

 Wie gelingt es uns, den Menschen glaubwürdig von einem guten Lebensziel zu erzählen, vom Himmel eben, der uns ganz nahe kommen möchte? Wie schaffen wir es, den Menschen, deren Leben bedroht ist, eine Zuversicht zu verheißen? Wo müssen wir hingehen, um Kranke heilen zu können, nicht nur jene, die von einer Krankenkasse abgesichert sind? Finden wir Wege, jene in die volle Weltgemeinschaft hineinzuholen, die an den Rand gedrängt sind? Und die größte Herausforderung: Stellen wir uns den Herausforderungen, die Dämonen unserer Zeit – Unrecht, Gewalt, Herrschsucht - aus der Welt zu verbannen?

 

Das sind schon große Brocken, die zu bewältigen wir  gemeinsam angefragt sind. Nicht wenige sagen, sie seien zu groß, zu überfordernd. Hilft uns da der Rat von Janosch? Ich denke, ja. Und wir, die wir heute hier sind, sind da schon auf einem guten Weg. Sein Rat ist ja, sich zunächst einmal richtig zu positionieren.

 

Genau das tun wir gerade ja. Wir positionieren uns hinein in die Gegenwart Gottes, und schauen die Welt an mit seinen Augen, mit seinen mitleidigen Augen. Und wenn wir auch nicht liegen, so wie es Janosch vorschlägt, so ruhen wir doch zumindest. Wir ruhen aus in der Gemeinschaft, im Gebet, in der Feier. Wir treten heraus aus den Belastungen des Alltags und lassen uns ansprechen mit Worten, die wir sonst nicht hören. Denn wer spricht uns sonst so an und lädt uns ein, dass wir einander vom Himmel erzählen sollen, außer Gott? Die Verantwortlichen unserer Tage höre ich selten vom Himmel sprechen, eher von Wirtschaftsflaute und Leistungszwang.

 

Blicken wir wieder auf das heutige Evangelium.  Nicht in der Fremde sollen wir das Leben lebenswerter machen, nicht in der Welt der Heiden. „Geht nicht zu den Heiden“ sagt Jesus. Ich würde das heute vielleicht in der Weise interpretieren, dass wir uns nicht über den Glauben anderer Menschen, anderer Glaubensgemeinschaften echauffieren sollen. Anstatt sich über das Fremde, manchmal vielleicht auch sogar Befremdliche aufzuregen und die Nase zu rümpfen über kulturell und religiös Unbekanntes, sollten wir mehr auf uns schauen. Auch mitten unter uns keimt Unmenschlichkeit und Unrecht; auch in unserer christlichen Gesellschaft gibt es genügend Anlass zu Kritik und Achtsamkeit. Auch mitten unter uns ist Leben oft gebrochen. (Beispiel Verein missbrauchter Heimkinder).

 

 

In der Begegnung mit Menschen aus diesem Verein habe ich viel gelernt: Menschen, denen in der Kindheit so viel Unrecht und Leid zugefügt worden ist, denen Zugang zu Schulbildung und Beruf verwehrt wurde: sie sind es, die sich nicht aufgegeben haben, die den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren haben; sie lehren mich heute Menschlichkeit und erinnern daran, dass Lebensmut und Lebenskraft uns von Gott gegeben wurde, Sinn und Mut, der von Menschen nicht gebrochen werden konnte.

Das, was nicht perfekt ist, nicht aussondern, sondern integrieren; das, was fragwürdig ist, nicht in die Verbannung schicken, sondern einbinden; das, was verrückt ist, nicht ausmerzen, sondern verstehen lernen.

 

Jesu Auftrag nachzugehen, das ist eine Herausforderung, nicht selten eine Überforderung. Jesu Menschenbild erscheint vielen als eine Utopie, sein Auftrag unerfüllbar, geradezu weltfremd. Es mag ja durchaus mal interessant sein, eine andere Position einzunehmen, um zu sehen, welch große Aufgaben in der Welt liegen. Es mag ja durchaus neugierig stimmen, sich einmal vorzustellen, wie es wäre, wenn wir Gottes Wort wirklich leben würden. Es mag ja durchaus erbaulich sein, sich Auszeiten zu gönnen, um dem Traum einer gerechten Welt, eines friedlichen Miteinanders der Menschen Raum zu geben in der eigenen Seele.

Aber alles Ansinnen scheitert doch spätestens dann, wenn wir erkennen, dass um uns herum die Welt eine andere ist und wir dieser Welt nicht entfliehen können.

 

Da erinnere ich mich des zweiten Rats von Janosch und er lässt mich nicht los. „Im Liegen“ sollen wir die Welt betrachten. Von unten soll ich auf die Welt schauen, entspannt, ruhend und unbeobachtet vom Rest der Welt. Was passiert in solch einem Augenblick? Ich komme mir selbst näher. Und die Welt, diese unfertige, unfriedliche, mich oft bedrängende Welt verliert ein Stück ihres Einflusses über mich. Natürlich bin und bleibe ich ein Teil der Welt und doch rückt sie mir nicht so fordernd und bedrohlich auf den Leib. Es dreht sich nicht mehr alles um diese Welt und ich spüre eine andere Kraft, eine andere Mitte – in mir. Ja, wenn ich liege, wenn ich mich selbst spüre, dann nehme ich wahr, dass mehr in mir ist, als ich selbst zu glauben vermochte. Dies gewährt  ein Gefühl von innerer Freiheit und Gelassenheit. Nicht die Welt ist es, die über mein Leben bestimmt. Im Liegen kann eine Kraft gedeihen, mich einzubringen in diese Welt. Aus der Gabe, sich distanzieren zu können von all den Sachzwängen, die in der Welt beherrschend sind, kann die Aufgabe erwachsen zu geben. „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“.