- Sonntag im Jahreskreis A-2026
„Ein bisschen spinnen tun sie ja schon“, so verabschiedete sich letztens eine Dame nach einem Besuch der Citykirche, nachdem ich ihr davon erzählte, dass wir Wohnungssuchenden regelmäßig ein Essen anbieten, dass wir mit Kunstausstellungen Menschen zum Schauen und zum Nachdenken bringen wollen, dass wir Gottesdienste mit Tangomusik gestalten und manch anderes. Sie sagte das mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen und ergänzte dann: „…aber vielleicht ist es ja zu irgendwas nutze“.
Ähnliches musste sich Jesus damals wohl auch anhören, als er sich mit dem Abschaum der Gesellschaft an einen Tisch gesetzt hat. Ihm sind seine Gegner allerdings nicht so schelmisch liebevoll gegenübergetreten wie die nette Dame mir in der Citykirche „Wie kann der sich nur mit denen zusammen an einen Tisch setzen?“ Und vielleicht haben sie innerlich ergänzt: „Der hat sie doch nicht mehr alle; was bildet der sich ein; die gehören nicht zu uns“. Womit sie diese verquere Überzeugung begründen? Mit ihrer übergriffigen Gewissheit, dass sie wüssten, wem Gott gewogen ist und wem nicht.
Das wirft die Frage auf, wem denn Gott wirklich gewogen ist. Ehrlich gesagt, wer außer Gott selbst könnte das letztendlich wissen. Es erscheint mir schon wie eine Gotteslästerung, dass Menschen für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, was Gott will, wen er liebt und wen nicht.
Und trotzdem gibt es schon ein paar Indizien, die uns helfen können, Gott ein wenig zu verstehen. Wo anders könnten sie aufgezeichnet sein, als in der Heiligen Schrift.
Und da hören wir heute: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“.
Erinnern Sie sich noch an ihre erste Heilige Kommunion? Mir kommt dieser Gedanke, da wir ja gerade am vergangenen Donnerstag das Fronleichnamsfest gefeiert haben. Ich erinnere mich daran, dass mir im Gottesdienst schlecht wurde und schwindelig; ich hatte Sorge umzukippen in der Bank. Als der Küster das bemerkte, kam er und reichte mir ein Glas Wasser. Ich nahm einen Schluck, und dann kam der große Schrecken: Oh Gott, kann ich denn jetzt noch zur Kommunion gehen? Ich bin doch nicht mehr nüchtern. Das ist alles längst Vergangenheit, heute schert sich da keiner mehr drum. Aber das Prinzip ist doch klar und gilt im Grunde bis heute: Unsere Kirche ist der Überzeugung: So ohne Weiteres ist dieser Gott für dich nicht zu haben; Du musst schon einige Voraussetzungen mitbringen und einige Bedingungen einhalten, die natürlich wir aufstellen im Namen Gottes. Aber mal ehrlich: stellt Gott tatsächlich Berechtigungsscheine aus als Voraussetzung, mit ihm gehen zu dürfen?
Letztens wurde ich von der RP um ein Statement gebeten, welche Erwartungen ich hegen würde nach dem ersten Jahr des Pontifikates von Papst Leo. Ich war da sehr zurückhaltend, denn ehrlich gesagt, erwarte ich mir nicht zu viel. Viel zu oft sind meine Erwartungen an die Leitung der Weltkirche schon enttäuscht worden. Papst Franziskus ist das beste Beispiel; wann immer er einer Barmherzigkeit Raum geben wollte, die der Lebenswirklichkeit der Menschen Respekt schuldete, wurde er schon bald zurückgepfiffen, sei es von der Kurie, sei es von Vertretern der Weltkirche anderer Kulturen und Traditionen, denen eine aufgeklärte Gesellschaft fremd ist.
Ob nun Menschen in den verschiedenen Lebensformen, oder Menschen, die nach dem Ende einer Liebe einen neuen Anfang wagen: Dürfen die Jesus nur nachfolgen, wenn sie sich der kirchlichen Lehre beugen?
Es ist definitiv zu wenig, immer nur eine Bereitschaft zum Zuhören zu signalisieren; ihnen zu sagen, irgendwie würden sie doch dazugehören, aber eben leider nicht ganz. Solcher Art Barmherzigkeit schmerzt noch mehr, als gleich zu sagen: „Du gehörst nicht dazu“; dann weiß man wenigstens, wo man dran ist.
„Folge mir nach“, bittet Jesus den Zöllner Matthäus. Er hat nicht gesagt: ‚Werde erst so, wie ich dich haben will, und dann komm mit‘.
Diese bedingungslose Offenheit, dem Menschen gegenüber, verlangt uns zweifelsohne viel ab. Sie gleicht einem radikalen Systemwechsel.
Erst zu sagen „Komm mit“ und dann eine vorurteilsfreie Beziehung zu dem Menschen aufzubauen ist eben eine andere Vorgehensweise, Menschen von unserem Glauben zu überzeugen, als zuerst das Leben des anderen zu durchforsten und dann vielleicht die Entscheidung zu treffen, ob er/sie würdig ist, mitzukommen: Dieser Systemwechsel beginnt im eigenen Kopf und Herz; aber er muss in der Konsequenz auch einen Systemwechsel in unseren kirchlichen wie auch gesellschaftlichen Strukturen zur Folge haben, sonst verlieren wir uns in einer religiösen Inzucht. Das umfängliche ‚Komm mit‘ Gottes, möchte sich im menschlichen ‚Komm mit‘ versichtbaren, das wir einander zusagen.
Das Gelingen menschlichen Zusammenlebens bewahrheitet sich in einer grundsätzlichen Bereitschaft, den anderen/ die andere einzuladen, mitzukommen. „Komm mit, aber…“ bedeutet Starre und Stillstand. Das Leben mit Gott verheißt und erwartet Bewegung und Erneuerung.