Aschermittwoch 2026:
Wir wollen miteinander heute Abend die 40tägige österliche Bußzeit beginnen. Gemeinsam wollen wir uns auf den Weg machen und wir dürfen hoffen, dass es ein Weg zu einem bergenden zuhause werden wird.
- Ein Weg der Besinnung
- Ein Weg der Stille
- Ein Weg der Einkehr und Umkehr
Es ist ein schöner Zufall, dass wir genau heute gemeinsam mit unseren muslimischen Geschwistern in die Zeit des Fastens und der Besinnung hineingehen. Denn heute beginnt auch der Ramadan. In der vergangenen Woche haben wir uns mit unseren anderen Glaubensgeschwistern im Rathaus getroffen und gemeinsam daran erinnert. Lassen wir uns nicht blenden. Blender gibt es überall; in der muslimischen Glaubensgemeinschaft ebenso wie bei uns Christinnen und Christen. In unserem Gespräch haben wir daran erinnert, dass es uns allen gut tut, aufeinander zu schauen, das Gemeinsame zu suchen. Auch wenn uns manches trennt, wir glauben gemeinsam an den Gott Abrahams.
Die nächsten Wochen schauen wir in den fotografischen Arbeiten von Martin Niekämper auf Menschen. Wir nehmen teil an ihren Lebensgeschichten, die nicht selten auch Leidensgeschichten sind oder waren. Auch Leidensgeschichten verbinden uns untereinander.
Dabei gehen wir ein kleines Wagnis ein; was wir tun, könnte missverstanden werden; es könnte aber auch eine Hilfe sein, uns dessen zu vergewissern, was diese österliche Bußzeit in ihrem Kern sein möchte: Eine Neubesinnung auf das, was wirklich zählt, was uns wirklich heil macht, was uns dankbar, glücklich und zufrieden stimmen möchte. Eben diese Sehnsucht nach Glück und der Gewissheit, von Gott getragen und geliebt zu sein.
Die vierzehn Stationen des Kreuzweges von Martin Lersch, der ansonsten ihren festen Platz in der Sakramentskapelle hat, haben wir in der Kirche neu angeordnet. Wir wollen damit Anregungen geben, den Kreuzweg Jesu einzubinden in unsere heutige Zeit und mit kleinen Gedankenanregungen einladen, Jesu Kreuzweg lebendig werden zu lassen.
Wir verknüpfen den Leidensweg Jesu mit dem Leiden der Menschen heute. Um dem möglichen Missverständnis gleich entgegenzuwirken: Der Leidensweg Jesu ist in seiner Grausamkeit und Ungerechtigkeit einzigartig, ebenso in seiner Duldsamkeit und Gottergebenheit. Aber alles Leiden der Menschen heute wie auch in der Menschheitsgeschichte ist hineingenommen in das Heilswerk Jesu. Sein Leiden hatte nur einen Sinn: Alles menschliche Leiden in seiner Perversion bloßzustellen und uns Menschen daran zu erinnern, dass Leiden überwunden werden muss.
Wir sind nicht hier, um zu jammern und zu klagen. Wir sind hier, und uns sind die nächsten Tage und Wochen wertvoll und wichtig, weil uns bewusst ist, wie leblos und lieblos wir viel zu oft einander begegnen und wie sehr wir darum wissen, dass wir nur glücklich werden, wenn wir einander das Glück gönnen.
Hören wir, was der Prophet Jesaja sagt:
Wer Asche hütet, / den hat sein Herz verführt und betrogen. Er wird sein Leben nicht retten / und wird nicht sagen: / Ich halte ja nur ein Trugbild in meiner rechten Hand.
- Hüten wir die Asche unserer alten Gemäuer? Geht es uns um einen Wiederaufbau eines denkmalgeschützten, traditionsgeschwängerten Raumes, oder sollte es uns nicht viel mehr gehen darum, den Menschen als Tempel Gottes, als seine Wohnstätte zu erkennen. Alles von Menschen gemachte, gebaute, geschaffene ist nur Mittel zu diesem heiligen Zweck. Ja, der Mensch ist der Tempel Gottes. Haben wir den Menschen, der uns begegnet ist, wirklich geheiligt, haben wir in unserem Gegenüber die Wohnstatt Gottes erkannt?
Denk daran, Jakob, und du, Israel, / dass du mein Knecht bist. Ich habe dich geschaffen, du bist mein Knecht; / Israel, ich vergesse dich nicht.
- Schließen wir die Stimme Gottes ein in heilige Räume? Reduzieren wir mögliche Gottesbegegnungen an für uns heilige Orte? Halten wir unser Leben offen, Gott gerade da zu vernehmen, wo wir es eher weniger vermuten, nämlich mitten in der Alltäglichkeit unseres Lebens? Oder anders gefragt: Ist der umbaute Raum einer Kirche nicht vorrangig eine Stütze, die nur einen Sinn ergibt, wenn von dort aus die Suche nach Gott und Leben überall ermöglicht wird?
Ich fege deine Vergehen hinweg wie eine Wolke / und deine Sünden wie Nebel. / Kehr um zu mir; denn ich erlöse dich.
- Bewahre ich mir ein wirkliches Gespür dafür, neue Wege zu gehen, umzukehren zu mir selbst, so wie Gott mich erdacht hat, so wie er mich liebt? Bewahre ich mir die Freiheit, Kirche zu verlassen, um Gott und Leben zu finden?
Jauchzt, ihr Himmel, denn der Herr hat gehandelt; / jubelt, ihr Tiefen der Erde! Brecht in Jubel aus, ihr Berge, / ihr Wälder mit all euren Bäumen! Denn der Herr hat Jakob erlöst / und an Israel bewiesen, wie herrlich er ist.
- Lasse ich zu, dass Gott an mir und durch mich handelt oder bin ich gesättigt von der Überzeugung, das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben zu dürfen? Erfahre ich mich als einen im Grunde lebensfrohen Menschen, oder gehöre ich zu der Kategorie Mensch, die alle und alles immer nur runterziehen?
So spricht der Herr, dein Erlöser, / der dich im Mutterleib geformt hat: Ich bin der Herr, der alles bewirkt, / der ganz allein den Himmel ausgespannt hat, / der die Erde gegründet hat aus eigener Kraft,
- Erfahre ich mich als von Gott geformt, also als einen Menschen, der mit sich zufrieden sein darf und sein kann oder bin ich ein Getriebener, der einem selbst erdachten Ideal hinterherlaufen muss aus Angst, sonst sich und den anderen nicht zu genügen?
der das Wirken der Zauberer vereitelt / und die Wahrsager zu Narren macht, der die Weisen zum Rückzug zwingt / und ihre Klugheit als Dummheit entlarvt,
- Bin ich ein optimistischer Realist; bleibe ich in meinem Leben mit den Füßen auf dem Boden und strecke zugleich meine Arme dem Himmel entgegen, oder vergrabe mich in den Boden oder hänge in der Luft?
der das Wort seiner Knechte erfüllt / und den Plan ausführt, den seine Boten verkünden, der zu Jerusalem sagt: Du wirst wieder bewohnt! / und zu den Städten Judas: Ihr werdet wieder aufgebaut werden, / ich baue eure Ruinen wieder auf!
- Glaube ich wirklich, dass Gott am Aufbau meines Lebens gelegen ist, vertraue ich mich ihm an? Nehme ich wahr, dass, die Ruine einer Kirche wieder aufzubauen, unmittelbar bedeutet, mich stärken lassen zu wollen und die Gemeinschaft der Menschen wieder zu stärken?
Gebet:
Gott, du bist uns Vater und Mutter. Deine Liebe hat uns geboren. Du hast uns auf feste Füße gestellt, damit wir unsere Lebenswege gehen können. Du bist unsere Kraft und unser Mut, wenn wir fallen. Du hast uns die Sinne gegeben, damit wir die Gefahren erkennen. Und wenn wir dennoch fallen, bist du uns schützend zur Seite. In dieses Vertrauen wollen wir tiefer hineinwachsen. Deshalb tragen wir vor dich all unsere Mutlosigkeit und unseren Wankelmut und bitten dich um Wandlung zu dir. Amen!
Schuldbekenntnis:
Vergebungsbitte:
Im Namen Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, sage ich dir: Du bist frei von allem, was dich belastet. Weil Gott sich für dich entschieden hat, trennt er sich niemals von dir, sondern behütet deine Wege. Er segnet dein Fortgehen, deine Verwandlung und dein Wiederkommen. Er trägt dich zärtlich durch deine Zeit, auch wenn du es nicht immer spürst. Und wenn du nicht an dich glauben kannst, ist er es, der an dich glaubt, weil er dich liebt, jetzt und alle Zeit bis hinein in die Ewigkeit. Amen!
Evangelium:
Mt. 6,1-6.16-18
Segnung und Austeilung der Asche: (währenddessen Musik)
Der Aschermittwoch ist ein Bußtag. Und so sollte unser abendlicher Gottesdienst auch ein Bußgottesdienst sein. Das Aschenkreuz, das wir nun auf die Stirn gezeichnet bekommen, das dürfen wir tragen als ein Zeichen unserer Gesinnung. Wir treten vor Gott hin, vor die letzte Instanz unseres Lebens. Sein Maß, mit dem er uns richtet, ist Jesus Christus selbst, das menschgewordene Erbarmen Gottes.
Wenn wir also jetzt das Aschenkreuz empfangen, dürfen wir aufgerichtet und frei stehen. Wir dürfen uns unserer Geschöpflichkeit bewusst werden im Vertrauen darauf, geliebt und angenommen zu sein.
Gebet:
Gott, du willst nicht den Tod des Menschen, du willst, dass er sich bekehrt und lebt. Erhöre gnädig unsere Bitten:
Segne diese Asche, mit der wir uns bezeichnen lassen, weil wir wissen, dass wir Staub sind und zum Staub zurückkehren. Hilf uns, die vierzig Tage der Buße in rechter Gesinnung zu begehen. Verzeihe uns unsere Schulden, erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes und schenke uns durch seine Auferstehung das unvergängliche Leben. Darum bitten wir…
Nachklang und Besinnung:
Versöhnung
Wieder ein Morgen
ohne Gespenster
Im Tau funkelt der Regenbogen
als Zeichen der Versöhnung
Du darfst dich freuen
über den vollkommenen Bau der Rose
darfst dich im grünen Labyrinth
verlieren und wieder finden
in klarerer Gestalt
Du darfst ein Mensch sein
arglos
Der Morgentraum erzählt dir
Märchen du darfst
die Dinge neu ordnen
Farben verteilen
und wieder
schön sagen
an diesem Morgen
du Schöpfer und Geschöpf
Rose Ausländer
- Fastensonntag 2026:
Welch ein Schock, am vergangenen Dienstag. Menschen, die das Leben feiern wollen, die ihr Lachen und Fröhlichsein dem ganzen Missmut unserer Zeit entgegensetzen wollen; Menschen die der Gier der Mächtigen, dargestellt in so manchen Karnevalswagen, die Leichtigkeit des Seins gegenüberstellen. Und auch Menschen, die freiwillig und mit großer Sorgfalt alles Mögliche tun wollen, damit sich alle in Sicherheit fühlen dürfen. Und dann das: Dieser tragische Unfall. Eine junge Frau gerät unter ein Fahrzeug. Unsere Gedanken sind in diesen Tagen des Bangens bei der schwerverletzten Frau und ihren Angehörigen; aber auch bei dem Fahrer, der ohne eigenes Verschulden mit einer furchtbaren Tragik leben muss, wo kein Mensch weiß, wie man solch ein Geschehen verarbeiten kann.
Ich weiß nicht, ob die beiden dem Glauben gegenüber offene Menschen sind, ob sie Trost finden im Blick auf Gott oder ob sie hadern und ringen mit einem Gott, der so etwas zulassen kann oder ob sie einfach nur verzweifelt sind angesichts dieses unvorstellbaren Leids. Und ich weiß auch nicht, wie all jene, die zwar unbeteiligt waren, aber diesen Tag ganz sicher so bald nicht vergessen werden, da aus Lebensfreude so abrupt ein Bangen und Fragen wurde, wie sie alle diesen abrupten Abbruch angesichts des tragischen Unfalls verarbeiten. So ein Geschehen kann man doch nicht einfach vergessen.
Ob sie die Frage nach Gott in diesem Augenblick gestellt haben? Ich weiß es nicht. Mir wird wieder einmal bewusst, dass Gott im Leben oft mehr Frage als Antwort ist.
Keine Antwort finden auf die bedrängenste Frage des Lebens, nämlich die Frage des „Warum“ und diese Erfahrung, diese Zeit aushalten. Davor habe ich großen Respekt.
Es ist so schwierig, das Leben nicht nur dann zu akzeptieren, wenn es schadlos und makellos ist. Und dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass es aller Mühe wert ist, Dankbarkeit wie auch Zuversicht im Leben nicht nur dann wahrzunehmen, wenn ich mittendrin stehe in einem ungefährdeten Leben, frei von Schicksalsschlägen und Rückschlägen.
Ich entdecke ein Gefühl von Achtung und Ehrfurcht in mir, wenn ich sehe, wie duldsam, tröstend, aber sicher auch stammelnd in den sozialen Netzwerken dieser Unfall reflektiert wird.
Die Versuchung ist groß und nur zu verständlich, Gott und die Welt verantwortlich zu machen für das tragische Schicksal, auf ihn einzudreschen angesichts dessen, dass der, der doch allmächtig sein soll, so etwas zulassen kann. Trägt Gott eine Mitverantwortung für alles Grausame und Ungerechte in unserer Welt.
Ich möchte mit Euch und Ihnen einen Antwortversuch wagen. Es bleibt ein Versuch, denn Gott bleibt bei aller Offenbarung immer auch ein verborgener Gott und ich hoffe, für mich und für uns, dass dieser Antwortversuch nicht nur eine vordergründige Vertröstung ist: Gott ist und bleibt ein Gott des Lebens und nicht der Vernichtung.
Er ist insofern verantwortlich für die Brüche des Lebens in dieser Welt, da er Urheber allen Lebens ist und die Welt nun einmal so ist, wie sie ist. Nicht das einzelne Schicksal eines Menschen hat Gott zu verantworten, wohl aber, dass die Welt endlich ist, brüchig und unvollkommen. Und diese Erfahrung der Endlichkeit verlangt von uns Menschen eine Entscheidung: Vertraue ich – im Wissen darum, dass auch mein Leben durchkreuzt werden kann – dem Gott, der leidenschaftlich um mich kämpft und der mir Leben in Fülle schenken möchte? Dieses Vertrauen ist nicht nur auf Zukunft ausgerichtet, sondern darauf, heute, hier und jetzt leben zu können in dieser verdammten Endlichkeit.
Vor genau diese Frage wurde auch Jesus gestellt. „Will ich sein, wie Gott, also der Endlichkeit, der weltlichen Enge ausweichen, oder vertraue ich dem größeren Geheimnis Gottes, der mich eben in diese Welt gesetzt hat, und das wohl nicht ohne Sinn und Grund ? Die Versuchung, wie Gott sein zu wollen, würde in dem Fiasko enden, das Leben auf dieser Erde beenden zu müssen, denn es wäre nicht mehr zu ertragen. Die Hoffnung, in Gott Vertrauen zu finden dagegen gibt dem Leben Sinn, auch wenn es immer wieder sinnlos erscheint.
Es ist wahrlich nicht leicht, immer, zu jedem Augenblick. In all den unterschiedlichen Lebensphasen, die wir durchlaufen, Gott zu vertrauen. Das heutige Evangelium hilft uns, durchzuhalten.
40 Tage hatte Jesus Zeit, in diesen Gott hineinzuwachsen, um ihn tiefer verstehen zu lernen. Ich glaube, dass auch uns Zeit geschenkt ist, um in allen Widersprüchen des Lebens, die uns auch von Gott entfernen können, doch eben auch Vertrauen zu knüpfen zu eben diesem Gott, der eines will: eine leidenschaftliche Verbundenheit mit uns Menschen. Meine Hoffnung ist da, dass auch die junge Frau und ihre Lieben wie auch der Busfahrer dies wahrnehmen dürfen.