Ansprache 4. Fastensonntag im Lesejahr A-2026.
Vor einigen Jahren haben Wissenschaftler der RWTH in Aachen Unmögliches möglich gemacht: Sie haben eine Weste für Blinde entwickelt. Diese ist mit einer sensiblen Kamera ausgestattet, so dass blinde Menschen mittels dieser Kamera und einem vibrierenden Geräusch informiert werden, wenn sie auf einen Gegenstand oder einen Menschen zugehen. Gut, dass wir Menschen uns immer zu helfen wissen, wenn uns ein Problem ereilt. Und das meine ich überhaupt nicht ironisch. Es ist wirklich ein Geschenk des Himmels, dass uns Menschen so viel Wissenskraft, Kreativität und Leidenschaft geschenkt ist, zum Wohle anderer Heil- und Hilfsmittel zu entwickeln. Geisteskräfte darin zu investieren ist allemal besser, als in all die vielen Dinge, die wir Menschen erfinden, um uns gegenseitig zu zerstören.
Wer immer auf diese geniale Idee gekommen ist, er oder sie muss eine Gabe gehabt haben, sich in die Lage eines blinden Menschen hineinversetzen zu können. Was kommt blinden Menschen in die Quere, wie können sie heil und unversehrt von einem Ausgangspunkt zu ihrem Ziel gelangen, das sind wohl die grundsätzlichen Fragen gewesen, die dann dazu geführt haben, auf die Idee zu kommen, diese Weste zu kreieren. Es ist ein schönes Gefühl, behilflich sein zu können, anderen Menschen eine Lebenserleichterung ermöglichen zu können, Gefährdungen auszuschließen und Erleichterungen zu schaffen für einen ansonsten komplizierten Lebensalltag.
Ich finde, das bringt es auf den Punkt und ist übertragbar auf unseren Glauben: Der Glaube möchte unser Leben berühren und es leichter, erträglicher, lebenswerter machen. Auch wenn es an einer Stelle der Heiligen Schrift heißt, dass, wer glaubt, immer sein Kreuz zu tragen hat, so ist doch der eigentliche Sinn und Zweck unseres Glaubens, dass unser Leben leicht, zumindest leichter werden möge. Natürlich trägt jede und jeder sein Kreuz und das kann einem keiner abnehmen: die Sorgen, die Fragen, die Enttäuschungen und Verletzungen. Aber wer würde sich einem Gott anvertrauen, dem daran liegen würde, das Leben eines Menschen beschwerlich machen zu wollen. Ein Glaube, zumal ein Glaube an den menschgewordenen Gott, macht doch nur neugierig, wenn er mit der Ahnung verbunden ist, dass dieser Gott uns Menschen Kraft schenken möchte, Kraft und Lebenssinn.
Aber die Tiefe des Verständnisses dieses Evangeliums ist noch nicht erreicht, wenn wir nur auf den Blinden schauen. All die Menschen um ihn herum haben zwei Dinge gemein: sie haben Angst; Angst vor einem Glauben, den sie nicht mehr kontrollieren können. Sie sind der festen Überzeugung, dass ein Glaube Sicherheit schenken muss. Und Sicherheit ist dann am ehesten gewährleistet, wenn es vorgegebene Regeln und Normen gibt, an denen man sich festhalten kann. Mein alter Chef sagte immer: Der Glaube ist wie ein Treppengeländer, an dem man sich festhalten kann. Ich habe dann immer geantwortet, dass ich es etwas anders sehe und denke, dass ein Glaube es den Menschen ermöglicht, frei und freimütig gehen zu können. Wer sein Leben alleine an Regeln festmacht, schaut – bildlich gesprochen – nach unten auf den Weg, der ihm Sicherheit bietet, aber nicht mehr in die Weite, die einen Großes und Unerwartbares erahnen lässt. Wer nur nach unten schaut, sieht nicht mehr das Gesicht des anderen, sieht nicht, wann er weint und wann er lacht. Das finde ich so unendlich schade, wenn Menschen aus dem Blick gerät, wenn andere weinen oder lachen.
Das heutige Evangelium lädt ein, Veränderung als Chance zu einem besseren, erfüllten Leben zu erkennen: dem Blinden wurde die Chance geschenkt, ausbrechen zu können aus all den Begrenzungen, die seine Behinderung ihm bereiten.
Den herumstehenden Menschen, die sich selbst eingeengt haben durch ihre strengen Glaubensgewissheiten, durch ihre Ichbezogenheiten, wurde die Chance geschenkt, sich unbeschwert freuen zu können am Wohl eines anderen.
Der Blinde hat seine Chance genutzt, die im Gesetz verhafteten nicht. Für mich ist die Botschaft dieses heutigen Evangeliums offensichtlich: Nutzen wir alle Chancen, um Menschen das Leben lebenswerter zu machen. Eine Aufgabe, die uns gestellt ist, aber auch unseren Kirchen.