Ansprache zum 3. Fastensonntag im Lesejahr A 2026.
Irgendwie geht’s mir ein bisschen wie Jesus heute: ich fühle mich auch müde.
Nicht, dass ich gestern ausgiebig gefeiert hätte; das gar nicht. Ich bin abends noch mit meinen Hunden eine große Runde an der Rur entlang gelaufen. Hab entspannt meine Gedanken schweifen lassen und dann zuhause gemütlich noch was ferngesehen. Und dann bin ich gut gelaunt ins Bett gehüpft. Aber trotz der ruhigen Nacht fühle ich mich irgendwie müde und gerädert.
Am schlechten Schlaf kann es nicht liegen. Ich glaube, mir liegt ein wenig eine Mail im Magen. Die internationale Nachrichtenagentur CNA schrieb mich an, die christian national agency. Sie bezog sich auf die Ausstellung, die wir gerade in der Citykirche zeigen. Der Fotograf Martin Niekämper hat Menschen in den Kirchen, in denen sie arbeiten, fotografiert; Menschen, die sich vor vier Jahren in dem ARD Film „Wie Gott uns schuf“ als queer, also als nicht heterosexuell geoutet haben. Dazu stellte die Agentur mir schriftlich einige Fragen: Warum wir die Lebenswirklichkeit queerer Menschen so auffällig in den Fokus der Seelsorge stellen und gegen die Vorgaben der Kirche Segensfeiern gestalten würden und ob wir nicht mit dieser Ausstellung den Sinn der Fastenzeit entstellen und von der Verpflichtung, Buße tun zu sollen, ablenken würden.
In diesen Fragen verklausulierte der Journalist offensichtlich seine Überzeugung, wir würden in der Citykirche unseren pastoralen Auftrag verfehlen und von Wesentlichem des Glaubens ablenken.
Mich macht müde, dass wieder einmal eine Lehre der Kirche, die sich auf Fundamente beruft, die wissenschaftlich längst widerlegt sind, als unantastbar dargestellt wird. Eine Lehre, die Menschen ausgrenzt, sie missachtet, ja sogar als sündig darstellt, nur weil sie für sich in Anspruch nehmen, was göttlicher Wille ist: nämlich sich selbst zu lieben und den Nächsten bzw. die Nächste wie sich selbst. Seit Jahren und Jahrzehnten weiß die Kirche, dass ihre Lehre Menschen Unrecht zufügt, aber sie beharrt auf einer Lehre, im Wissen darum, wieviel Schaden sie Menschen zufügt. Schöne Bilder mit dem Papst, der huldvoll einen Transmenschen zum Mittagessen zusammen mit den Bedürftigen der Stadt Rom einlädt, können eben nicht verstecken machen, dass sie weiterhin ausgrenzt und stigmatisiert.
Nicht jene, die sich in dieser Ausstellung zeigen, und wir, die wir dies veröffentlichen, grenzen sich von der Kirche ab, sondern Kirche grenzt sich ab von Menschen, die guten Willens und guten Glaubens sind.
Meinen Groll über diese böswilligen Unterstellungen habe ich einige Tage mit mir herumgetragen, bis ich ein wenig aufmerksamer die Gäste der Citykirche durch mein Büro heraus beobachtet habe, wie sie sich den fotografischen Arbeiten gestellt haben; behutsam, respektvoll und neugierig. Mir schien, als würde sich zwischen den Menschen in der Kirche und den fotografierten Personen ein stiller Austausch zeigen.
Schauen wir auf das heutige Evangelium: Jesus lässt sich auch auf ein unerwartetes Gespräch ein mit dieser fremden Frau am Brunnen, die zudem auch noch andersgläubig ist. Ich vermute mal, dass ihm das ähnlich gut getan hat, wie den Gästen der Citykirche, die unerwartet mit dem Glauben fremder Menschen konfrontiert wurden.
Erinnern wir uns: Jesus damals ist ja nicht von ungefähr nach Sychar gegangen. Abgehauen ist er, weil ihm die Pharisäer wieder einmal nachgestellt sind und ihm blöde Vorhaltungen gemacht haben. Diesen neunmalklugen Frommen ging es, wie Jesus das ja schon kannte, keineswegs um einen wahrhaftigen Austausch, die wollten mal wieder nur Zoff mit ihm.
Die christliche Presseagentur, das ist meine Vermutung: Ihr ging es mit dieser Anfrage auch nur darum, Aufsehen zu erregen und ihre Klicks in den sozialen Netzwerken zu erhöhen. Sonst hätten sie anspruchsvoller und mit einem angemessenen Niveau ihre Fragen gestellt.
Jesus damals ist abgehauen, weil er das Gequatsche und Genörgel und das hinterhältige Anschleimen der Pharisäer satt hatte; er wollte in Sychar neu zur Ruhe finden. Da ist er dann dieser Frau am Jakobsbrunnen begegnet und mit ihr hat er sich prächtig unterhalten. Die beiden haben sich zweifelsohne gut verstanden, obwohl sie sehr unterschiedlich waren. Das war weiß Gott kein oberflächliches Geplänkel; nein: das war ein Gespräch, wo sich beide offen und ehrlich eingebracht haben mit ihren Lebenserfahrungen und Überzeugungen. Es war – im wahrsten Sinn des Wortes – ein Glaubensgespräch. Glauben findet sich im Gespräch, der fällt ja nicht vom Himmel.
Glaube wächst und Glaube wird, indem Menschen von ihren Hoffnungen und Sehnsüchten erzählen. Glaube trägt das Leben, wenn Menschen einander anvertrauen. Und noch eines wird mir klar: Glaube der Kirche kann nur der Glaube der Menschen sein. Glaube überzeugt, wenn ein Mensch, so wie die Frau am Jakobsbrunnen, eine Hoffnung in sich trägt: „Ich weiß, dass der Messias kommt“, sagt sie. Anders formuliert: ‚Ich habe die unverrückbare Hoffnung in mir, dass mein Leben gut wird, dass ich eine Zukunft habe, dass jemand mich halten und auffangen wird‘; und ich weiß, irgendwann werden alle meine Fragen beantwortet werden‘. In diesem Augenblick offenbart sich Jesus der Frau: „Ich bin es, der mit dir spricht“.
Beide, die Frau wie auch Jesus sind einander in Achtung und Respekt begegnet. Keiner hat versucht, den anderen über den Tisch zu ziehen. Aus dieser Ehrfurcht voreinander ist so etwas wie Freundschaft entstanden, die Vertrautheit zulassen kann. "Ich bin der Messias", so offenbart sich Jesus der Fremden.
Ich habe der Presseagentur übrigens bis heute nicht geantwortet; vielleicht schicke ich ihr einfach meine heutige Predigt zu. Und unserer Kirche wünsche ich, dass sie in den unzähligen Gespräche in noch unzähligeren Arbeitsgruppen endlich einmal zu einem Ergebnis kommt und ihre Lehre den Erkenntnissen heutiger Zeit angemessen erneuert.
Meine Hoffnung wäre: Wenn der einseitig fragende Journalist wie unsere Kirchenleitung sich die Begegnung der Frau am Jakobsbrunnen mit Jesus einmal meditierend anschauen, könnten sie erkennen, dass der Glaube der Kirche erst da relevant wird, wenn er sich erweist als der Glaube der Menschen, die in wunderbarer Vielfalt die Gaben des Glaubens einander erzählen und anvertrauen.