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Gottesdienst zum 2. Sonntag in der Fastenzeit 2026 - Lesejahr A

Ansprache zum 2. Fastensonntag im Lesejahr A 2026.

 

„In achtzig Tagen um die Welt“: Was für Jules Verne noch ein Abenteuer war, ist heute ein Kinderspiel. Ein lieber Freund von mir, Massimiliano, hat als Lehrer an einem Gymnasium ein Sabbatjahr genommen, um mit seinem Partner in dieser Zeit Lateinamerika zu erkunden. Regelmäßig schickte er WhatsApp-Nachrichten. Heute aus Guatemala, davor aus Nicaragua, auch aus Panama erreichten mich seine Nachrichten. Dann schrieb er mir aus Paraguay und aus Peru. Zwischendurch reisten die beiden kurz in die Vereinigten Staaten, wo ein lieber Freund geheiratet hat, um dann bald wieder in den Flieger zu steigen und ihre Jahresreise fortzusetzen.

 

Mobilität ist heute nicht nur das selbstverständlichste von der Welt, es ist nahezu Grundvoraussetzung für ein zielführendes Leben. „Jesu Einladung „Geht hinaus in alle Welt“ stößt scheinbar bei sehr vielen auf offene Ohren. Allerdings in den seltensten Fällen, um zu taufen und zu predigen, eher, um die persönlichen Fähigkeiten einzubringen und zu erweitern. Wir dürfen alle wohl dankbar sein für diese Möglichkeit, uns frei bewegen und entwickeln zu können und zu dürfen.

 

Mobilität ist ein Geschenk, wenn: Ja wenn sie einem freien inneren Antrieb entspringt. Erzwungene Mobilität dagegen, die Notwendigkeit, fliehen zu müssen aus Angst, Leben und Zukunft zu verlieren, ist eine entsetzliche Qual.

 

Was mir auffällt, wenn ich mit Menschen im Gespräch bin, die „d-u“ sind, also dauernd unterwegs, gleich ob beruflich oder privat, es bleibt ein tiefes Bedürfnis nach einer Verortung, nach einem Ort, wo sie sich zuhause fühlen können. Wir Menschen brauchen einfach ein Zuhause.

Diese tief im Herzen verwurzelte Sehnsucht nach Heimat verbindet unsere mobile freie Welt mit den Menschen, die auf der Flucht sind. Alle suchen ein Zuhause. In diesem Spannungsfeld spielt sich unser Leben ab: frei sein wollen und ebenso verortet sein.

 

So unterschiedlich unsere Lebensentwürfe auch sein mögen; wir auf der einen Seite, die wir uns frei fühlen dürfen und jeder Punkt auf dieser Weltkugel für uns zugänglich ist und zugleich um ein Zuhause wissen, das uns Halt und Geborgenheit schenkt; und jene, denen dieser Halt genommen wurde und sich gezwungenermaßen auf den Weg machen müssen ins Ungewisse: Gemeinsam kennen wir diese tiefe Sehnsucht nach Heimat. Jenen, die dieses Geschenk nicht zuteil ist, sie erinnern uns daran, dass wir Wanderer sind – Pilger sagt die Heilige Schrift. Wir leben und wir sind Menschen auf dem Weg.

 

Auch wenn wir, die wir hier heute Abend sitzen, um einen warmen Ofen wissen, der uns immer wieder wärmt und zu dem wir immer zurückkehren können, wir sind dennoch Nomaden; wir sind Reisende, Menschen unterwegs. Dies sollte uns tiefer verbinden mit jenen, die fliehen müssen, weil sie ihrer Heimat beraubt worden sind. Wir sind zur Freiheit berufen, wie es Paulus einmal schreibt, aber wir sind ihr auch unweigerlich ausgesetzt. Wir kommen an einem Leben unterwegs, einem Leben auf dem Weg nicht vorbei.

 

Die meisten von uns können wählen, so wie Massimiliano und sein Partner, andere können es nicht.

 

„Zieh weg aus deinem Land“, so fordert Jahwe Abram auf. Ich höre darin weniger eine Aufforderung. Ich erkenne darin die Erinnerung an eine unwiderrufliche Lebenswirklichkeit: Wir sind dem Paradies - der Heimat - entrissen, Wir alle leben in irgendeiner Weise in der Fremde. Wir leben in der Fremde aber – und das sagt Gott den Menschen zu - wir dürfen als Gesegnete auf unsere Lebenswanderschaft gehen. Und das heißt: Das, was uns trägt, was uns in der Unsicherheit der Wirklichkeit Sicherheit gewährt, was uns Geborgenheit schenkt, ist nicht ein Ort, ist nicht ein „greifbar Ding“, wie Martin Luther vielleicht sagen würde, sondern ist eine Wirklichkeit in uns drin.

 

In der Citykirche sind die Bilder des Kreuzweges in dieser Fastenzeit nicht wie gewohnt zur stillen Betrachtung in der Sakramentskapelle zu sehen; vielmehr können die Gäste der Kirche den Kreuzweg in den nächsten Wochen im Kirchenraum abschreiten. Die einzelnen Stationen sind verschiedenen prägnanten Orten der Kirche zugesellt und geistliche Texte laden zur Andacht ein. Wir sind auf dem Weg, der nicht selten auch für uns und für uns liebe Menschen ein Kreuzweg ist. Wir müssen unser Kreuz tragen, und manchmal, wenn es uns zu schwer wird, sind wir dankbar, wenn uns jemand zur Seite steht und unser Kreuz mittragen hilft. Und wir müssen erkennen, dass Menschen unter der Last ihres Kreuzes zuweilen zusammenbrechen und zu Boden fallen. (Häme, Ausgrenzung, Not der Vereinsamung – manche Protagonisten der Ausstellung, die wir hier sehen, sind diese Erfahrungen nicht fremd).

 

Mein Freund Massimiliano führt mir vor Augen, wie wunderbar es ist, unterwegs zu sein; gleichzeitig weiß ich um die Not, die Mühe und die Angst, die mit dem Unterwegssein verbunden ist, daran erinnern mich manch liebe Freunde, denen nicht das gleiche gesicherte Leben vergönnt ist wie mir.

 

Sie, die Heimatsuchenden, die Vergessenen und Übersehenen bewahren uns davor, die geschenkte wie auch auferlegte Freiheit auszunutzen. Denn wir sind gesegnet, um zum Segen für andere zu werden. Für die drei Freunde Jesu durfte der Berg Tabor so etwas wie eine Tankstelle sein auf ihrem Weg. Sie durften an Leib und Seele Kraft schöpfen – für einen Augenblick; sie durften sehen, fassen, was Heimat und wie Heimat ist. Danach ging’s wieder runter und weiter, immer weiter.

 

 

 

 

Datum:
So. 1. März 2026
Von:
Christoph Simonsen

Ansprache zum 2. Fastensonntag im Lesejahr A 2026.

 

„In achtzig Tagen um die Welt“: Was für Jules Verne noch ein Abenteuer war, ist heute ein Kinderspiel. Ein lieber Freund von mir, Massimiliano, hat als Lehrer an einem Gymnasium ein Sabbatjahr genommen, um mit seinem Partner in dieser Zeit Lateinamerika zu erkunden. Regelmäßig schickte er WhatsApp-Nachrichten. Heute aus Guatemala, davor aus Nicaragua, auch aus Panama erreichten mich seine Nachrichten. Dann schrieb er mir aus Paraguay und aus Peru. Zwischendurch reisten die beiden kurz in die Vereinigten Staaten, wo ein lieber Freund geheiratet hat, um dann bald wieder in den Flieger zu steigen und ihre Jahresreise fortzusetzen.

 

Mobilität ist heute nicht nur das selbstverständlichste von der Welt, es ist nahezu Grundvoraussetzung für ein zielführendes Leben. „Jesu Einladung „Geht hinaus in alle Welt“ stößt scheinbar bei sehr vielen auf offene Ohren. Allerdings in den seltensten Fällen, um zu taufen und zu predigen, eher, um die persönlichen Fähigkeiten einzubringen und zu erweitern. Wir dürfen alle wohl dankbar sein für diese Möglichkeit, uns frei bewegen und entwickeln zu können und zu dürfen.

 

Mobilität ist ein Geschenk, wenn: Ja wenn sie einem freien inneren Antrieb entspringt. Erzwungene Mobilität dagegen, die Notwendigkeit, fliehen zu müssen aus Angst, Leben und Zukunft zu verlieren, ist eine entsetzliche Qual.

 

Was mir auffällt, wenn ich mit Menschen im Gespräch bin, die „d-u“ sind, also dauernd unterwegs, gleich ob beruflich oder privat, es bleibt ein tiefes Bedürfnis nach einer Verortung, nach einem Ort, wo sie sich zuhause fühlen können. Wir Menschen brauchen einfach ein Zuhause.

Diese tief im Herzen verwurzelte Sehnsucht nach Heimat verbindet unsere mobile freie Welt mit den Menschen, die auf der Flucht sind. Alle suchen ein Zuhause. In diesem Spannungsfeld spielt sich unser Leben ab: frei sein wollen und ebenso verortet sein.

 

So unterschiedlich unsere Lebensentwürfe auch sein mögen; wir auf der einen Seite, die wir uns frei fühlen dürfen und jeder Punkt auf dieser Weltkugel für uns zugänglich ist und zugleich um ein Zuhause wissen, das uns Halt und Geborgenheit schenkt; und jene, denen dieser Halt genommen wurde und sich gezwungenermaßen auf den Weg machen müssen ins Ungewisse: Gemeinsam kennen wir diese tiefe Sehnsucht nach Heimat. Jenen, die dieses Geschenk nicht zuteil ist, sie erinnern uns daran, dass wir Wanderer sind – Pilger sagt die Heilige Schrift. Wir leben und wir sind Menschen auf dem Weg.

 

Auch wenn wir, die wir hier heute Abend sitzen, um einen warmen Ofen wissen, der uns immer wieder wärmt und zu dem wir immer zurückkehren können, wir sind dennoch Nomaden; wir sind Reisende, Menschen unterwegs. Dies sollte uns tiefer verbinden mit jenen, die fliehen müssen, weil sie ihrer Heimat beraubt worden sind. Wir sind zur Freiheit berufen, wie es Paulus einmal schreibt, aber wir sind ihr auch unweigerlich ausgesetzt. Wir kommen an einem Leben unterwegs, einem Leben auf dem Weg nicht vorbei.

 

Die meisten von uns können wählen, so wie Massimiliano und sein Partner, andere können es nicht.

 

„Zieh weg aus deinem Land“, so fordert Jahwe Abram auf. Ich höre darin weniger eine Aufforderung. Ich erkenne darin die Erinnerung an eine unwiderrufliche Lebenswirklichkeit: Wir sind dem Paradies - der Heimat - entrissen, Wir alle leben in irgendeiner Weise in der Fremde. Wir leben in der Fremde aber – und das sagt Gott den Menschen zu - wir dürfen als Gesegnete auf unsere Lebenswanderschaft gehen. Und das heißt: Das, was uns trägt, was uns in der Unsicherheit der Wirklichkeit Sicherheit gewährt, was uns Geborgenheit schenkt, ist nicht ein Ort, ist nicht ein „greifbar Ding“, wie Martin Luther vielleicht sagen würde, sondern ist eine Wirklichkeit in uns drin.

 

In der Citykirche sind die Bilder des Kreuzweges in dieser Fastenzeit nicht wie gewohnt zur stillen Betrachtung in der Sakramentskapelle zu sehen; vielmehr können die Gäste der Kirche den Kreuzweg in den nächsten Wochen im Kirchenraum abschreiten. Die einzelnen Stationen sind verschiedenen prägnanten Orten der Kirche zugesellt und geistliche Texte laden zur Andacht ein. Wir sind auf dem Weg, der nicht selten auch für uns und für uns liebe Menschen ein Kreuzweg ist. Wir müssen unser Kreuz tragen, und manchmal, wenn es uns zu schwer wird, sind wir dankbar, wenn uns jemand zur Seite steht und unser Kreuz mittragen hilft. Und wir müssen erkennen, dass Menschen unter der Last ihres Kreuzes zuweilen zusammenbrechen und zu Boden fallen. (Häme, Ausgrenzung, Not der Vereinsamung – manche Protagonisten der Ausstellung, die wir hier sehen, sind diese Erfahrungen nicht fremd).

 

Mein Freund Massimiliano führt mir vor Augen, wie wunderbar es ist, unterwegs zu sein; gleichzeitig weiß ich um die Not, die Mühe und die Angst, die mit dem Unterwegssein verbunden ist, daran erinnern mich manch liebe Freunde, denen nicht das gleiche gesicherte Leben vergönnt ist wie mir.

 

Sie, die Heimatsuchenden, die Vergessenen und Übersehenen bewahren uns davor, die geschenkte wie auch auferlegte Freiheit auszunutzen. Denn wir sind gesegnet, um zum Segen für andere zu werden. Für die drei Freunde Jesu durfte der Berg Tabor so etwas wie eine Tankstelle sein auf ihrem Weg. Sie durften an Leib und Seele Kraft schöpfen – für einen Augenblick; sie durften sehen, fassen, was Heimat und wie Heimat ist. Danach ging’s wieder runter und weiter, immer weiter.