Das Außergewöhnliche liegt im Gewöhnlichen.
So machten es alle damals: "Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein"; das war damals so wie bei uns heute bei der "Taufe", oder "Erstkommunion". Ein Ritual halt, allen vertraut. Natürlich verband man damals mit dem Gestus auch eine innere Gesinnung. Das Zeichenhafte versichtbart einen Wert, eine Überzeugung: Eine Dankbarkeit zum Beispiel für das Geschenk des Lebens und eine Erinnerung daran, dass das Geschenk des Lebens einen wunderbaren liebevollen Ursprung hat: Gott. Rituale haben vielleicht ein vergleichbares Gegenüber in der Musik oder in der Kunst: Sie bringen etwas zum Ausdruck, was man nicht in Worte zu fassen vermag. Sie vermitteln eine Wirklichkeit, die das Rationale und das Greifbare übersteigen.
Gottesdienste sind in vergleichbarer Weise Rituale, die etwas versichtbaren möchten, was nicht in Worte zu fassen ist:
Wir dürfen erfahren, dass wir uns entwickeln können im Licht Gottes. Wir dürfen erfahren – wie es so schön flapsig heißt – was in uns steckt. Wir dürfen erfahren, dass wir aus unserem Leben Großes machen können. Wir dürfen erfahren, dass uns eine Gabe zu eigen ist, die die Welt verändern kann.
Das Außergewöhnliche liegt im Gewöhnlichen; ja, so ist es. In uns liegt Außergewöhnliches; in uns liegt etwas, was die Welt zu verändern vermag; in uns liegt ein Herz, das fähig ist, Mitgefühl zu zeigen.
Ein Schwert würde durch Marias Seele dringen, sagt Simeon. Da, wo Menschen einander offenherzig zeigen, wo sie SICH zeigen und nicht etwas von sich, da gerät unsere geordnete und geregelte Welt aus den Fugen genauso wie damals zur Zeit Jesu. Simeon sagt der Maria eine Leidensfähigkeit voraus an der Verletzbarkeit der anderen. Und so ist es wohl bis heute: Da, wo Menschen sich in ihrer Verletzbarkeit zeigen, da sticht es jedem ins Herz, der kein Herz aus Stein hat.
Dieses Fest des heutigen Tages nennt die katholische Kirche das "Fest der Darstellung des Herrn". In einer Welt, die nicht selten vom Schein und vom Scheinerfolg lebt, da ist es Gang und Gebe, sich in voyeuristischer Weise darzustellen.
Aber so offenbart man ausschließlich eine Freude an sich selbst und diskreditiert die anderen. In der Welt, die Gott meinte, da zeigt sich der Mensch in einer verschenkenden, ja sich selbst verströmenden Weise. So lebte Jesus und so war und ist er bis heute Anstoß für alle, die sich ausschließlich um ihrer selbst zeigen wollen. Aber zugleich schenkt er allen einen heilsamen Anstoß für das Leben all denen, die sich selbst eben nicht genügen.
Das Außergewöhnliche liegt im Gewöhnlichen. Ein gewöhnlicher Gottesdienst, ein gewöhnlicher Sonntag, dem eine gewöhnliche Woche folgen wird. Aber jede und jeder von uns ist ein außergewöhnlicher Mensch, wenn wir bei allem gewöhnlichen des Lebens das Außergewöhnliche nicht aus dem Blick verlieren: Den Auftrag Gottes, an einer Welt zu bauen, in der alle Menschen frei und würdevoll ihr Inneres, ihr eigentliches, ihr wirkliches Leben zeigen dürfen: verletzlich und gerade deshalb stark. Und genau das bemühen wir uns hier und heute zu feiern, symbolisch, zeichenhaft in der Zuversicht, dass uns genau dies auch in unserem Leben morgen gelingen möge.