- Sonntag im Jahreskreis A-2026
Evangelium nach Matthäus (Mt 21,28-32)
Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr - und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.
Ansprache:
„Alle Menschen werden Brüder“, so erklang es Freitag hier in der Münsterkirche. Ähnliches schreibt uns Paulus ins Lebensbuch: „Seid einander in Liebe verbunden; seid eines Sinnes; tut nichts aus Streitsucht“. Das Leben könnte so schön sein.
Aber leider sind Worte noch keine Taten. Reden und Handeln in Einklang zu bringen ist eben gar nicht so einfach. Das wissen wir wohl alle auch aus eigener Erfahrung. Ich selbst muss mir immer wieder da an die Nase packen, wenn ich im Nachklang eines Gottesdienstes zum Beispiel noch einmal reflektiere, was ich in der Predigt gesagt habe und merke, dass da noch viel Luft nach oben ist, was die eigene Glaubwürdigkeit –angeht. Andererseits ist ja wohl auch wahr, dass wir gnädig mit uns selbst sein dürfen, denn als Menschen sind wir eben keine Engel. Es ist also gut, dass wir heute die Worte Jesu auch mit ein wenig Nachsicht uns selbst gegenüber hören; Worte, die uns einladen, selbstkritisch wie auch gnädig zugleich immer wieder neu zu prüfen, ob unsere Worte und unser Handeln im Einklang miteinander stehen.
Am vergangenen Montag hatten wir mit den Kolleginnen und Kollegen unseres neuen pastoralen Raumes eine verpflichtende Fortbildung. Ausgangspunkt war die Aufgabe, strategische Ziele für den neuen pastoralen Raum miteinander zu entwickeln. Dabei sollen Richtschnur für alle Überlegungen sein, die Botschaft des Evangeliums mit den existentiellen Lebenswirklichkeiten der Menschen zusammenzuführen.
Das ist die herausfordernde Aufgabe für uns Christ*innen: Die Botschaft des Evangeliums mit der Wirklichkeit unseres Lebens zu verknüpfen. Es ist die Herausforderung, an die uns das heutige Evangelium erinnert: Wort und Tat, Evangelium und Leben miteinander so nahe beieinander zu halten, wie es uns möglich ist.
Während dieser Tagung habe ich vom Alltag in der Citykirche erzählt. Dass uns dort jeden Tag Menschen besuchen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen und denen das Nötigste zum Leben fehlt. Begegnen wir ihnen in der Realität wirklich immer so, dass das Wort des Evangeliums und unser Reden und Handeln im Einklang stehen?
Künstler*innen stellen teils provokante Werke in der Citykirche aus, die die Betrachtenden zuweilen verunsichern, weil die Bilder und Skulpturen nicht immer nur einfach schön und fromm und ruhig zu betrachten sind, sondern ab und zu auch verunsichern, verstören, vielleicht sogar provozieren.
Ich denke an die vergangene Ausstellung mit Arbeiten des Mönchengladbacher Künstlers Werner Hübner, der zum Beispiel auf einem Bild zeigt, wie Jesus ein Maschinengewehr zerstört oder ein anderes Bild, wie Jesus an einem Kreuz hängt, das mit Geldscheinen ummantelt ist. So verständlich es ist, dass manch Unbedarfter, der die Kirche besucht, dann fragt, ob das denn unbedingt sein muss, ob das nicht der besonderen Atmosphäre einer Kirche widersprechen würde, so können diese zuweilen provokanten Arbeiten auch eine Einladung sein zu überdenken, wie nahe bei uns persönlich Wort und Tat, Glaube und Leben beieinander liegen.
Jesus wählt das Bild von den Zöllnern und Dirnen, denen er mehr Vertrauen entgegen bringt als den Etablierten seiner damaligen Gesellschaft, um uns zu erinnern, dass es manchmal trügerisch ist, den Abgesicherten vorbehaltlos zu begegnen und andererseits vorschnell die Abgesonderten auszusondern.
Wir tun in unserer Gesellschaft gerade alles, um gerade jenen, die in Unsicherheiten leben, das Leben schwerer zu machen: In der Politik durch noch härtere Einschnitte der sozialen Hilfen und im kleinen privaten Leben oft durch Ignoranz und einem hilflosen Achselzucken, das anzeigt, wir hätten mit uns selbst genug zu tun.
Im Oktober sind wieder unsere buddhistischen Freunde aus dem Tibet zu Gast. In geradezu stoischer Weise legen sie ein Sandmandala in unsere Kirche. Viele Stunden am Tag hocken sie auf dem Boden und tun nichts anderes, als Sandkörner zu einem wunderschönen, farbenfrohen Bild zusammenzufügen, das ihrer Gottheit huldigen möchte und sie persönlich daran erinnert, dass in der Verbundenheit mit Gott, Freundlichkeit in gleicher Weise wie Verantwortung das Leben prägen. Tiefer Friede und eine gelassene Fröhlichkeit zeichnen die Mönche dabei aus.
Die Fremdartigen, die uns Fernstehenden, sie können uns Vorbild darin sein, zu erkennen, dass es möglich ist, Wort und Tat, Glauben und Leben spürbarer für andere zu verknüpfen.
Das gerade gehörte Evangelium berührt genau die zwei Ebenen, in denen wir uns täglich bewegen: Die eine spricht die alltäglichen Erfahrungen unseres Lebens an; und die andere, fordert uns auf, daraufhin die Grundsätze unseres Glaubens zu überprüfen. So nähern wir uns dem Anspruch Jesu an, alltägliches Leben und unsere Glaubensfundamente zusammenzufügen.
Jesu Botschaft ist revolutionär; so revolutionär wie manche Kunstwerke in der Citykirche, wenn ich zum Beispiel an die Arbeit von Klaus Locher denke am Eingang der Citykirche, der nichts anderes tut, als nüchtern den Paragraphen des Grundgesetztes über das Asylrecht, wie die Väter und Mütter des Grundgesetztes ihn formuliert haben, dem gegenüberstellt, wie verwässert nachfolgende Generationen diesen Paragraphen der Menschlichkeit und des Mitgefühls aufweichen. Für Jesus sind die Übersehenen, die Vergessenen und Verdrängten die wirklichen Weltgestalter.
„Ehrlich währt am Längsten“, heißt es in einem Sprichwort; nur ein ehrlicher Mensch weiß um die Notwendigkeit des Lernens und um die Kraft einer persönlichen Schuldfähigkeit. Der zweite Sohn im vorgestellten Gleichnis könnte uns ein heilsamer Lehrmeister sein, bei aller eigener Unvollkommenheit an sich immer wieder neu zu arbeiten. Reden und Handeln zusammenzufügen.
- Sonntag im Jahreskreis A-2026
Evangelium nach Matthäus (Mt 20,1-16)
Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.
Ansprache:
Ab und an treffe ich mich mit lieben Menschen auf ein Kölsch, wobei man sagen muss, bei einem bleibt es dann nie. Wir treffen uns gern im Päffgen, dem alteingesessenen Brauhaus in der Friesenstraße. Die Köbesse sind da besonders Kölsch, - das heißt: besonders liebenswürdig schnodderig - wenn ich das so sagen darf; da wird nicht lang gefackelt, wenn das Glas leer ist, wird da ein neues hingestellt, ohne lang zu fragen „darfs noch ein Kölsch sein“; du musst dich schon ziemlich zur Wehr setzen, wenn du keins mehr haben willst. Der Köbes will halt immer nur Gutes für den Gast.
Natürlich will er auch verdienen, denn nach altem Brauch sind die Köbesse in den Kölschen Brauhäusern ja nicht einfach Angestellte in einer Gaststätte, denen am Ende des Monats ein festes Gehalt zukommt, sie verkaufen das Kölsch in eigener Verantwortung. Sie kaufen dem Brauhaus eine bestimmte Menge von Bierfässern ab und verkaufen sie dann weiter an den Gast in der Kneipe zum eigenen Verdienst weiter.
Das ganze hat eine Geschichte, die sich schon in der Berufsbezeichnung widerspiegelt. D‘r Köbes, wie sich die Kellner in den Kölner Brauhäusern bezeichnet, das war früher einer, der auf dem Weg nach Santiago de Compostella war zum Grab des Apostels Jakobus, einer, der auf dem Jakobsweg gepilgert ist. Und ihren Pilgerweg verdienten sie sich dadurch, dass sie auf den Zwischenstationen zeitweise gearbeitet haben. D’r Köbes, das war also der, der auf dem Jakobsweg war, denn „Köbes“, dat is op kölsch d’r Jakob. Nicht, um sich zu bereichern, haben sie gearbeitet, sondern – im übertragenen Sinn – um dem Himmel – sinnbildlich - ein wenig näher zu kommen. Das braucht es, nicht mehr.
Auf der Speisekarte eines Brauhauses findet sich immer auch das kölsche Leibgericht: „Himmel und Ääd“? Dieses manchmal etwas weniger appetitlich aussehende Gericht, das Kartoffeln und Äpfel miteinander vermengt und mit gebratener Blutwurst serviert wird.
Für mich ist diese Zusammenfügung von Himmel un Ääd, von Himmel und Erde, ein den Glauben stärkendes Synonym dafür, dass Himmel und Erde zusammengesehen, zusammengelebt werden möchten und in dieser Vermengung erst uns Menschen gut tut. Das Leben auf der Erde wäre fad und perspektivlos ohne die Ahnung eines Himmels; und der Blick in den Himmel wäre – im wahrsten Sinn des Wortes – bodenlos ohne die Erfahrungen, die wir Menschen hier auf der Erde machen.
Himmel und Erde bezeichnen nicht ein oben und unten, ein hier und da; Himmel und Erde sind zwei Wirklichkeiten, die sich miteinander verweben und so erst eine heilende und heilsame Botschaft in sich tragen: Wir sind auf einem guten Weg. Auf diesem Weg dürfen wir erkennen, dass es so etwas wie eine größere Gerechtigkeit gibt; eine Gerechtigkeit, die sich nicht bemisst nach Leistung und Erfolg, sondern nach dem, ob wir das, was wir tun, was wir leben, mit innerer Freiheit und Begeisterung tun und leben. Diese Gerechtigkeit tut uns gut, und täte der Welt gut. Der Gutsbesitzer hat allen den gleichen Lohn ausgeteilt, denn nicht wie lange sie gearbeitet haben ist ausschlaggebend, sondern ob sie ihre Arbeit gut und gerne gemacht haben.
Jakobspilger machen sich auf den Weg, um für sich genau das neu zu entdecken. Köbesse damals, wie auch heute wieder viele Menschen gehen den Jakobsweg, um für sich eine tragfähige Lebensmitte zu finden. Sie machen sich auf den Weg, weil sie den Himmel neu in sich entdecken wollen; weil sie sich in der eindimensionalen Welt des Hier und Jetzt verloren fühlen.
Was sie im Brauhaus anbieten, das deutet schon auf ihre Überzeugung hin, weswegen sie sich auf den Weg zum heiligen Jakob machen. Himmel und Ääd. Kartoffeln alleine mögen zwar sättigen, aber sind doch ziemlich geschmacksneutral; es braucht die saftige Säure eines Apfels, damit der Gaumen zu lachen beginnt. Oder anders: es braucht den Glauben an eine größere Gerechtigkeit als den an einer innerweltlichen Wirklichkeit, wo nur der Erfolg gekrönt wird, aber weniger die Leidenschaft, die einen antreibt.
Die Köbesse damals und die Pilgerinnen und Pilger heute machen sich deshalb auf den Weg, weil sie für sich erkannt haben, dass ihnen etwas mangelt, was sie in der Betriebsamkeit des Lebens nicht finden oder nicht mehr finden. Sie machen sich auf den Weg, weil ein „immer mehr, immer schneller, immer effektiver“ sie nicht mehr erfüllt und sie nach dem „warum“ fragen: ‚Warum spüre ich keine Leidenschaft mehr in mir? Warum drängt sich mir das Gefühl auf, dass ich nicht mehr ich selbst bin? Warum fühle ich nicht mehr mit den anderen?
Die Köbesse damals, sie haben so viel gearbeitet, bis sie genügend Proviant kaufen konnten, um bis zum nächsten Ziel zu gelangen auf dem langen Weg nach Santiago. Der eine brauchte mehr, ein anderer weniger, aber alle hatten den gleichen Weg vor sich, und das gleiche Ziel, das zu erreichen sie so manche Mühe auf sich genommen haben.
Mit Überzeugung und mit Leidenschaft haben sie in den Kneipen der Stadt gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen. Nicht, um noch mehr Aktien erwerben zu können; nicht, um sich den Pool hinterm Haus leisten zu können; nicht, um anderen zeigen zu können, was für ein toller Hecht man doch ist. Sondern einzig darum, in einer echten Wahrhaftigkeit vor sich selbst und in einer stillen Demut Gott gegenüber zu erkennen, dass sie nicht mehr sind als alle anderen auf der Welt.
Wir leben in einer Welt, in der wir zu oft bewerten nach dem, was man hat. Und je mehr man hat, um so mehr zählt man in unserer Leistungsgesellschaft. Die Köbesse, die, die sich auf den Weg machen, weil ihnen diese Überzeugung keine Befriedigung mehr schenkt, sie ahnen etwas von dieser göttlichen Gerechtigkeit, in der alle gleich sind, so unterschiedlich sie auch in ihren Persönlichkeiten und Wesensarten sind. Vor Gott sind alle gleich.