Ansprache 2. Weihnachtstag 2025
Hand aufs Herz: Wer von uns steht nicht staunend und bewundernd vor dem Lebenswerk des Hl. Stephanus. „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“, so bittet er im Augenblick seines gequält Werdens. Die Selbstlosigkeit und sein Gottvertrauen können mich nur beschämen.
Aber ich bin leider nicht wie Stephanus und je länger ich über das schreckliche Ende dieses frommen Mannes nachdenke, um so weniger möchte ich es auch sein.
Der Frieden in unserer Welt hängt buchstäblich am seidenen Faden; und ich meine nicht nur den schon am Boden liegenden Frieden in der Ukraine; vielmehr meine ich den Frieden zwischen uns. Rechtsradikale Kräfte plustern sich auf und spalten unsere Gesellschaft. Nicht selten wird auch unser Glaube missbraucht, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Soll ich dem Neonazi, der mir mit einer verstörenden Inbrunst von Überzeugung vermittelt, dass er den Ausländer, den Schwulen, den geistig Beeinträchtigten am liebsten aus unserer Gesellschaft eliminieren möchte, mit stoischer Ruhe und Gelassenheit gegenübertreten?
Politisch rechts Gesinnte und Traditionalisten verbünden sich gegen Schwächere und Freidenker. Das ist eine mehr als gefährliche Gemengelage. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, auch hier bei uns in Deutschland werden Kader geschmiedet und die Leidtragenden sind immer die sogenannten „Anderen, Fremden“. Und was noch infamer ist, sie erdreisten sich, ihre menschenverachtenden Überzeugungen mit ihrem christlichen Glauben zu untermauern. Und dann sind da die Mächtigen wie ein Herr Trump z.B., der Menschen dazu aufstachelt, ihren Glauben so gründlich missbräuchlich einzusetzen.
Andersdenkende und Andersglaubende werden beschimpft und als minderwertig abgestempelt. Rechtskonservative sektenhafte Glaubensgemeinschaften in den Staaten unterstützen solche ausgrenzenden Überzeugungen. Und inzwischen formieren sich auch bei uns derartige Glaubensbünde; der Fernsehsender ARTE hat in der vergangenen Woche darüber berichtet.
Wer diesen Radikalen und Unbelehrbaren, das Feld überlässt, der darf sich nicht wundern, wenn irgendwann die Luft zum freien Atmen ausgeht. Ich habe wirklich Angst um unsere freie Gesellschaft; mir macht es Angst, wenn Verantwortungsträger*innen in der Politik und auch in einzelnen Glaubensgemeinschaften wieder von der „reinen Rasse“ reden und damit den Nährboden bereiten für ein Aussondern von Menschen. Dass sie sich dabei auf unseren Glauben berufen, ist krank und gefährlich.
Einerseits staune ich ob der Friedfertigkeit und Gelassenheit dieses Stephanus seinen Peinigern gegenüber, andererseits frage ich mich, ob denn diese stoische Zugewandtheit wirklich einen Gesinnungswandel bei seinen Mördern bewirkt hat. Wer krankhaft besessen ist von seiner Überzeugung, von seinem Glauben, von seinen Traditionen, und unfähig, sich selbst und diese in Frage zu stellen, der wird schwerlich sein Handeln zu überdenken bereit sein.
Die Wirklichkeit, die das Evangelium im heutigen Text beschreibt, ist unsere Wirklichkeit. Der Starke wirft den Schwachen zu Boden und begründet wird das inzwischen nicht selten mit dem Willen Gottes.
Stephanus wird als der erste Märtyrer des christlichen Glaubens verehrt. So lange der Glauben Menschen sterben lässt – und das auch durchaus verstanden in einem übertragenen Sinne, dass Menschen in die Isolation gedrängt werden, dass ihnen ihr Richtig-sein abgesprochen wird, weil sie anders leben und glauben, dass ihnen ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, weil sie zweifelnd sind und unsicher, so lange haben wir es noch nicht gelernt, was es heißt, aus dem Glauben heraus zu leben.
Was sticht aus der Stephanus-Geschichte für mich in besonderer Weise hervor: Stephanus sprach mit „Weisheit und Geist“; die Zuhörerinnen und Zuhörer konnten seinen Worten nichts entgegensetzen, und dennoch empörten sie sich und knirschten mit den Zähnen. Ist das nicht paradox? Menschen nehmen Anteil am Leben eines anderen Menschen, sind von dem was er sagt und wie er lebt, in Bann gezogen; fühlen sich angesprochen, können dem, was der andere sagt, nichts entgegensetzen. Und anstatt dann Respekt und Dankbarkeit entgegenzubringen, empören sie sich und neiden ihm seine Klugheit und Lebenserfahrung.
Wo ist die Stimme der christlich motivierten Menschen in Politik und Gesellschaft, wo ist unsere Stimme, die das Gebrüll der Hasser und Neider übertönen? Ist uns Christinnen und Christen egal, wenn das Leben von Schutzsuchenden in unserem Land nichts mehr zählt??
Die Rede des Stephanus, seine aufschreckende Ausstrahlung kommt jenen in die Quere, die ihr Leben und ihren Glauben absolut setzen und die im letzten nicht leben, sondern gelebt werden und nicht der Lebendigkeit des Glaubens vertrauen. Leben ist aber nicht Routine, sondern Herausforderung. Ich kann sie annehmen, oder ich kann mich ihrer verweigern.
An dieser Engstirnigkeit ist Jesus gescheitert, wie später auch Stephanus. Aber bevor sie gestorben sind, haben sie gelebt. Sie haben ihrem Leben Sinn gegeben in einem offenen und klaren Aufbegehren gegen jegliche Art der Unmenschlichkeit und allen Tendenzen der Ausgrenzung. Wie sein Lehrer ist Stephanus seiner Überzeugung treu geblieben, dass Gott auf der Seite der Entrechteten steht, dass Leben nur als geteiltes Leben Sinn ergibt und Sinn schenkt und dass Gewaltlosigkeit eine Zukunft schenkt, die keine Waffengewalt je erzielen könnte. Dafür hat Stephanus seine Stimme erhoben und dafür wurde er bestraft. In diesem letzten Kampf ist er sich selbst treu geblieben: Gewalt und Hass ist keine Lösung; nie und nimmer!
„Lass mich gnädig sein, wie Stephanus, und ruhig bleiben gegenüber allen Schreihälsen und Wutschnaufern“. So habe ich den Gottesdienst mit Ihnen begonnen. Dieser Wunsch, diese Bitte steht immer noch im Raum. Wenn ich am Ende meines Lebens diese Gelassenheit in mir spüre, und ich mir dann selbst zusprechen kann, in meinem Leben zuvor mit meinem Ringen, mit meinem Zweifeln, auch mit meiner Ungeduld und womöglich auch mit meinem Aufbegehren einen lebendigen und lernenden Glauben weitergegeben zu haben, dann ist es gut so. Aber bis dahin wäre es in meinen Augen unredlich, die Hände in den Schoß zu legen und geduldig zu warten, bis auch der letzte dies kapiert hätte, dass Gewalt nie eine Lösung ist. Gott hat uns nicht nur die Geduld und die Demut ins Herz gelegt, sondern auch die Kraft des Wortes und die Gabe des Verstandes. Diese nicht zu nutzen wäre ebenso unredlich – und auch schuldbeladen – wie ein Gleichmut, alles mit Geduld und einer falsch verstandenen Frömmigkeit ertragen zu wollen.