Ansprache 2. Advent 2025
Die Frage aller Fragen in diesen Tagen, die viele von uns umtreibt; sei es, dass wir sie lieben Menschen stellen oder dass sie uns gestellt wird: „Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?“ Meine Mutter löchert mich seit Tagen mit dieser Frage. Was soll ich da antworten? Eine geläufige Antwort, die Sie sicher auch kennen: „Ach, ich hab doch alles. Aber welche Mutter gibt sich mit dieser Antwort schon zufrieden? „Junge, du brauchst doch sicher irgendwas“. In unserer Familie denkt man immer praktisch. ‚Das Hundegitter im Auto ist abgenutzt, da bräuchte ich ein Neues, und mein Bücherregal quillt über, das müsste unbedingt erweitert werden.‘ Warum nicht das Fest der Liebe mit nützlichen Dingen versüßen. Aber ist das wirklich wichtig, brauche ich das wirklich lebensnotwendig? Ist nicht vielmehr wichtig, nicht das, was ich brauche, sondern das, was ich ersehne?
Die Menschen, die damals zu Johannes an den Jordan kamen, waren von einer inneren Unruhe getrieben, von einer nagenden Unzufriedenheit. Wie sonst wäre zu verstehen, dass sie sich so von diesem Johannes angezogen gefühlt haben.
Aber diese Unruhe der Menschen damals war eine andere die jener, die heute alles miesmachen und die Ursachen für die Missstände bei den anderen suchen. Die Menschen damals haben nicht die anderen verantwortlich gemacht, sie haben zuerst sich selbst in Frage gestellt.
„Kehrt um“, so hat Johannes gepredigt. Wenn ich das Wort „Umkehr“ höre, dann denke ich an schwere Sünden, die ein Mensch bereut oder an nicht wieder gut zu machende Verfehlungen, die die Seele eines Menschen auffressen.
Aber waren das damals alles Schwerverbrecher, die da den Weg in die Wüste zu Johannes angetreten sind? So Typen, die sich ihre Verbrechen als Erfolgserlebnisse in den Arm eingeritzt haben? Und was ich mich auch frage: Wieso hat sich bitte Jesus so hingezogen gefühlt zu Johannes? Hatte der auch was auf dem Kerbholz, das er loswerden wollte?
Wohl kaum! Menschen wie ihr und ich haben sich da auf den Weg gemacht, Menschen, die Familie hatten, Freunde, die einer geregelten Arbeit nachgingen. Normalos pur.
In einem wesentlichen Punkt haben sie sich dann doch von uns unterschieden: Diese Menschen haben sich etwas bewahrt, was uns Heutigen vielleicht abhandengekommen ist. Sie haben sich der Frage gestellt, ob das, was ist, der Weisheit letzter Schluss ist. Ob das, was ihr Leben ausmacht, sie auch wirklich ausfüllt. Die Menschen, die damals zu Johannes gepilgert sind, sehnten sich nach einer Radikalität, die uns heute abgeht. Das Wort „radikal“ ist heute mit vielen negativen Konglomeraten verknüpft; Radikalität ist widerspruchslos gleich gesetzt mit Gewalttätigkeit, Verbohrtheit, Extremismus, mit Ausgrenzung und Abschottung. Ganz anders bei den Menschen damals. Sie suchten nach einer Radikalität des Ganz-seins, des Mensch-seins. Sie suchten nach einer Radikalität, die sie auf ihre Wurzeln zurückführt. Sie suchten nach dem Ursprung, was Leben Leben sein lässt.
Die Menschen, die damals mit Jesus zu Johannes gepilgert sind, sie signalisieren mir, dass Umkehr für alle Menschen eine Lebensbewegung ist, nicht nur für Sünder (obwohl wir natürlich alle auch Sünder sind). Das griechische Wort für Umkehr heißt „metanoia“. Und das bedeutet wörtlich übersetzt: Umdenken. Umkehr ist ein zutiefst rationaler Prozess; Umkehr beginnt im Kopf. Es geht nicht darum, moralisch perfekter sein zu sollen als zuvor; es geht nicht um eine Leistung des Gut-seins. Es geht um Mensch-werdung. Es geht darum, sich bewusst zu werden, was Mensch-sein bedeutet.
Dies alles beginnt damit, dass Menschen aus der Anonymität heraustreten. Sie machen sich auf den Weg und solidarisieren sich. Der Weg zur Menschlichkeit beginnt mit der Bereitschaft zur Veränderung des Ist-Zustandes und dem inneren Willen zur Vergemeinschaftung. Mensch-werdung, Mensch-sein schließt unweigerlich Wertschätzung und Gleichwertigkeit ein. Und dies alles ist, wie gesagt, keine sentimentale „gut-sein-wollen-Gesinnung“, es ist die Besinnung auf das Eigentliche, auf das Wesentliche, auf das Essentielle. Ohne dieses Heraustreten des Menschen aus dem Gewohnten gibt es keine Taufe, und auch keine Mensch-werdung.
Die Frage meiner Mutter habe ich nicht beantwortet mit dem Wunsch nach einem neuen Hundegitter fürs Auto. Ich habe mir einen Gedichtband gewünscht von Hilde Domin. Mal schauen, ob mir der Wunsch erfüllt wird. Gedichte sind gebündelte Sehnsucht. Und davon möchte ich mich gerne anstecken lassen.