Für ein Leben von morgen

Eine internationale Fachtagung im Nell-Breuning-Haus beschäftigte sich mit der Frage, wie traumatisierte Menschen angemessen gestärkt, begleitet, unterstützt werden können

Anke Reermann, missio-Diözesanreferentin beim Bistum Aachen mit Marly Capio von der philippinischen Hilfsorganisation PREDA, welche Traumaarbeit mit Opfern sexueller Gewalt leistet. (c) Thomas Hohenschue
Anke Reermann, missio-Diözesanreferentin beim Bistum Aachen mit Marly Capio von der philippinischen Hilfsorganisation PREDA, welche Traumaarbeit mit Opfern sexueller Gewalt leistet.
Mo 20. Mai 2019
Carina Delheit

Viele der Menschen, die zu uns flüchten, tragen tiefe Traumata in sich. Nicht nur die Erlebnisse im Heimatland und auf der Flucht haben sie im innersten erschüttert. Sondern auch hier bei uns warten oftmals demütigende, entwertende, gewaltreiche Erfahrungen auf sie. Der Alptraum hört so niht auf und erschwert einen gelingenden Neustart am Zufluchtsort.

Diesen Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern den Weg zu einem erfüllten, würdigen Leben zu ebnen, fordert Fachleute und Ehrenamtliche heraus. Die Wucht von Traumata birgt viele Klippen im Umgang mit den Geflüchteten. Um der Verantwortung gerecht zu werden, gilt es hier, die eigenen Haltungen, Erfahrungen und Mehtoden zu prüfen und meist auch zu erweitern.

Zu einer solchen selbstkritischen, interdisziplinär geöffneten Auseinandersetzung lud am 13. und 14. Mai 2019 eine internationale Fachtagung im Nell-Breuning-Haus Herzogenrath ein. Geballter fachlicher Input lenkte die Aufmerksamkeit der 150 Gäste auf zentrale Aspekte, in Workshops erprobten die Fachleute und Ehrenamtlichen bewährte Methoden der Traumaarbeit.

Die Größe der Herausfoderung skizzierte Prof. Dr. Jörg Baur von der KatHO NRW Aachen. Traumata wirkten unbewältigt wie chronisches Gift auf den Betroffenen selbst, aber auch in sein soziales Umfeld hinein, oft über Generationen. Damit gelte es qualifiziert, kultursensibel und persönlich umzugehen, ergänte Baurs Kollege Prof. Dr. Norbert Frieters-Reermann. Er warb dafür, auch die Ressourcen der Geflüchteten in den Blick zu nehmen und diese Kompetenzen mit Hilfe von Teilhabe und Partizipation wirken zu lassen.

Katharina Montens von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit griff den Faden auf. Wie das Wohlergehen von traumatisierten Personen gesichtert werden könne, sei hoch individuell. Viele Geflüchtete empfänden sich als Überlebende und wünschten sich, dass ihre Stärke anerkannt wird und sie autonom und selbstwirksam leben können. Andere empfänden sich als Opfer, die sich nach Anerkennung ihres Leids sehnen, nach Empathie, Sicherheit und Orientierung. Oft fielen beide Stränge auch in derselben Person zusammen.

Beispielhaft steuerten zwei Fachfrauen die Theorie zu ihren praktischen Ansätzen bei, mit traumatisierten Menschen zu arbeiten.  Dr. Patricia Cane aus den USA hat mit wissenschaftlich begründeten Methoden, über Körpererfahrungen Sicherheit, Stabilität und Vertrauen zu gewinnen, schon zahllosen Menschen in 45 Ländern geholfen. Befreiungspädagogisch setzt sie mit ihrem Ansatz "Capacitar" auf einen Schneeballeffekt, der hilft, die Gesellschaft zu verändern. Dabei stehen Selbstsorge und Selbstwirksamkeit im Mittelpunkt.

Der Ansatz zieht explizit die Helferinnen und Helfer ein, deren Erfahrungshorizont durch die bewusste Arbeit mit dem eigenen Körper erweitert wird. Auch Dr. theol. Habil. Brigitte Fuchs rückte den Blick auf eine solche Selbstreflexion. Die Privatdozentin an der Universität Würzburg skizzierte ihre Sicht auf die Seelsorge, die beim Umgang mit Traumata oft an ihre Grenzen stoße. Diese zu überwinden, erfordere, sich den eigenen tiefen Verletzungen und Ängsten zu stellen, um auf einer gefestigten Basis mit den traumatisierten Menschen zu arbeiten.

Fuchs stellte ihre Methode einer therapeutischen Meditation vor, die mittelalterliche christliche Mystik, tibetanischen Buddhismus und Psychoimmunologie miteinander verbindet. An körperlichen Reaktionen wie Zittern oder Hitze werde oft deutlich, dass man etwas von der Energie, welche die Traumata im Körper einschließen, loslasse. Auch bei diesem Ansatz, wie bei anderen wie Schrei- oder Spieltherapie, geht es um Selbstermächtigung, die bei den Ressourcen der Menschen ansetzt.

In Herzogenrath zeigte sich nicht zuletzt: Sich mit einem angemessenen Umgang mit traumatisierten Geflüchteten zu beschäftigen, gibt Fingerzeige für die Arbeit mit anderen Adressaten. Gar allzu oft liegen in den Biografien der Menschen, die zu Beratungsstellen, Praxen und Seelsorgern kommen, Traumata verborgen. Dies im Fall des Falles zu erkennen und damit sensibel umzugehen, ist eine Forderung, die noch im Alltag vieler Fachleute und Ehrenamtlichen ankommen muss.

Die Fachtagung "Für ein Leben von morgen. Resilienzförderung und Selbststärkung durch traumaresponsive Arbeit" wurde in Kooperation mit der Katholischen Hochschule NRW (KatHO NRW), dem Bistum Aachen, Capacitar International, missio Aachen, dem Transfernetzwerk Soziale Innovation - s_nn und dem Nell-Breuning-Haus durchgeführt.

Thomas Hohenschue