Der Unsicherheit begegnen

Pro Futura hat eine Handreichung für seine Einrichtungen im Falle eines schweren AKW-Störfalls erstellt

Tihange Nachricht (c) Traumrune / Wikimedia Commons / CC BY 3.0
Di 23. Jan 2018
Andrea Thomas
Was tun, wenn es zu einem Zwischenfall kommt? Eine Frage, die sich in der Städteregion Aachen immer mehr Menschen stellen angesichts der Nähe zu den beiden belgischen Kernkraftwerken in Tihange und Doel.
Notfallplan (c) www.pixabay.com

Pro Futura, Träger von 33 katholischen Kindertageseinrichtungen in der Region, suchte nach einer Antwort. Immer wieder seien sie in den letzten zwei, drei Jahren von Eltern angesprochen worden: „Habt ihr ein Konzept, wenn es zu einem Störfall in Tihange oder Doel kommt?“, berichtet Geschäftsführer Heinz Zohren. Damit hätten sie sich anfänglich überfordert gefühlt. „Wir haben daher die offizielle Information der Stadt Aachen abgewartet, die gut und informativ ist, aber wenig konkret dazu sagt, wie man sich verhalten kann oder soll. Danach war uns klar, dass uns das nicht hilft und wir selbst aktiv werden müssen.“ Ein paar Dinge gebe es nämlich durchaus, die sie tun könnten für einen höchstmöglichen Schutz ihrer Kinder, erklärt Heinz Zohren.

Ein erster Schritt war eine Informationsveranstaltung zu Gefahren und den zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen mit Wilfried Duisberg und Odette Klepper von der Initiative „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ letzten Sommer. Daraus entstand die Überlegung, eine Handreichung mit Leitlinien für Mitarbeiterinnen und Eltern zu entwickeln. Eine Gruppe aus Vertretern der Eltern, Mitarbeiterinnen, Leitungsteams und der Geschäftsführung von Pro Futura entwickelte, unterstützt von Wilfried Duisberg, in den vergangenen Monaten eine solche Handreichung, die nach Abstimmung mit den Leitungen nun an die Eltern verteilt werden wird. Bei allen Überlegungen sei von Anfang an klar gewesen, dass es nicht möglich ist, auf alle Eventualitäten eines schweren Störfalls in einem der Kernkraftwerke reagieren zu können. „Eine wirkliche Sicherheit gibt es nicht, aber wir können damit bei allen Beteiligten für ein bisschen mehr an Sicherheit sorgen, echte und gefühlte“, sagt Heinz Zohren.

Ob und wie das im hoffentlich nie eintretenden Ernstfall klappt, weiß keiner, aber „wenn man auf gar nichts vorbereitet ist, dann funktioniert auch gar nichts“. Mit der Handreichung könnten sie nun dem Gefühl der Ohnmacht etwas entgegensetzen und das Thema für sich vorerst abhaken. Zentrale Fragen sind: Wie kommen die Kinder möglichst schnell und sicher zu ihren Eltern? Wie können wir die Kinder versorgen, die nicht sofort abgeholt werden? Bereits jetzt müssten Eltern überlegen und festlegen, wer das Kind in der Kindertagesstätte abholen kann, auch, wenn überall Stau herrscht oder sie selbst dies aus beruflichen oder anderen Gründen nicht sofort leisten können. Pro Futura hat dazu eine Sonder-Abholberechtigung entwickelt, die nur in diesem Fall greift.

 

Notfallkisten für alle 33 Pro-Futura-Einrichtungen

Der Verbleib der Kinder in den Einrichtungen nach einer Warnung sollte, schon mit Rücksichtnahme auf die Mitarbeiterinnen, die ebenfalls zu ihren Familien wollten, nicht länger als vier Stunden andauern, erläutert Heinz Zohren. Wer bei den Kindern bleibe, müssten die Teams untereinander in den jeweiligen Einrichtungen klären. Diese Mitarbeiterinnen sollen sich mit den verbleibenden Kindern in einen möglichst fensterlosen Raum zurückziehen, bis alle Kinder abgeholt oder sicher untergebracht werden konnten. Eltern und andere Personen sollen das Gebäude nach einem Alarm nicht mehr betreten. Zur Abholung und Übergabe der Kinder werde eine Schleuse eingerichtet. „Das kann je nach Einrichtung ein Windfang oder auch ein Gruppenraum sein.“ Dieser Punkt sei eine der kompliziertesten Fragen bei der Erarbeitung der Handreichung gewesen und müsse individuell vor Ort nach den bestehenden baulichen Möglichkeiten gelöst werden.

Jede Pro-Futura-Kindertagesstätte bekommt außerdem eine Notfallkiste. Sie enthält ein Radio, Jodtabletten für Kinder und Mitarbeiter (auch hierzu wurde eine Einverständniserklärung für die Eltern erarbeitet), Atemschutzmasken für die Mitarbeiterinnen, Stofftücher, die Eltern ihren Kindern bei der Übergabe vors Gesicht halten können, um möglichst wenig einzuatmen (Atemschutzmasken für Kindergartenkinder gibt es nicht), Schutzanzüge und Überschuhe für die Kinder und die verbleibenden Mitarbeiterinnen sowie für jedes Kind einen Riegel Schokolade, um die Gefahr einer stressbedingten Unterzuckerung zu vermeiden. Die Kosten für die Notfallkisten liegen bei 8000 Euro für alle 33 Pro-Futura-Einrichtungen. „Legt man das um, sind das pro Kind etwa vier Euro. Die sind uns unsere Kinder wert“, sagt Heinz Zohren. Zumal das Anschaffungen für die nächsten Jahre seien.

Die Handreichung, die auch in Englisch übersetzt werden soll, stellt Pro Futura über seine Internetseite (www.pro-futura-aachen.de) auch den Eltern, aber auch anderen Interessierten zur Verfügung. „Wenn andere sich dadurch auch mit dem Thema beschäftigen, ist das ein gern gesehener Nebeneffekt. Alle Überlegungen und die Handreichung dürfen und sollen aber nicht davon ablenken, dass unser Hauptanliegen die sofortige Abschaltung der beiden Atomkraftwerke ist und bleibt“, unterstreicht Heinz Zohren.

Tihange (c) Traumrune / Wikimedia Commons / CC BY 3.0