Vierter Bericht der Freiwilligen Pia Hamm aus Ost-Timor:Eine fremde Kultur zu verstehen versuchen

Was ist eigentlich Armut? Die Frage hat mich in letzter Zeit oft begleitet.
Natürlich gibt es Statistiken, Zahlen und offizielle Definitionen. Aber woran erkennt man das eigentlich im Alltag? Sieht man einem Menschen an, dass er arm ist?
In unseren Vorbereitungsseminaren haben wir uns mit Armut auseinandergesetzt, aber Praxis ist meist anders als Theorie.
Wenn man hier lebt, vergisst man manchmal schnell, dass Timor-Leste zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Alle Menschen haben hier ein Dach über dem Kopf. Die Menschen lachen, die Kinder spielen draußen, man wird ständig freundlich begrüßt und oft mit einer Selbstverständlichkeit eingeladen, als würde man schon immer dazugehören.
Armut sieht hier nicht unbedingt so aus, wie ich sie zu kennen geglaubt hatte. Vielleicht auch, weil es für die Menschen hier normal ist, mit weniger auszukommen.
Viele Familien sind groß, die Häuser oft klein. Und auch wenn hier die Familie als sehr wichtig gilt und sich immer gegenseitig unterstützt, lernen viele Kinder sehr früh, selbstständig zu sein.
Die Arbeitsplätze in Timor-Leste sind begrenzt, die meisten davon staatlich: im Krankenhaus, in der Schule oder in der Verwaltung. Oder eben eigenständig als Fischer*in, Landwirt*in oder Kioskbesitzer*in. Arbeit gibt es viel: in der Schule, auf dem Feld, beim Fischen, im kleinen Kiosk und zusätzlich muss noch der Haushalt gemacht und sich um die Tiere gekümmert werden. Trotzdem reicht es oft nur gerade so. Viele Menschen versuchen deshalb auch, im Ausland Geld zu verdienen, oft mit harter Arbeit für wenig Lohn, damit sie ihre Familien unterstützen können.
Die meisten Kinder, denen ich hier begegne, leben mit vielen anderen zusammen und sind sehr viel draußen.
Manche übernehmen schon früh Verantwortung für ihre Geschwister, den Haushalt oder helfen ihren Eltern bei der Arbeit. Und ich finde, das merkt man ihnen an. Es beeindruckt mich immer wieder, wenn mir zum Beispiel Schüler*innen aus der dritten Klasse erzählen, dass sie gestern alleine (auf dem offenen Feuer) gekocht haben oder sich meine Grundschüler*innen sonntags zu mir in die Kirchenbank setzen und mir erzählen, dass sie alleine zur Messe gekommen sind.
Trotz allem ist die Gemeinschaft hier unglaublich stark und die Menschen unglaublich freundlich.
Wer hier Menschen besucht, dem/der würden die Gastgeber alles geben, damit es dem Gast gut geht, selbst wenn sie selber nicht viel haben. Es ist eine selbstverständlichke Gastfreundschaft, die uns Freiwillige meist auch achtsam bleiben lässt, wie oft wir irgendwo auftauchen.
Fast überall finden wir hier Baustellen und Projekte im Aufbau. Denn vieles, was im Krieg zerstört wurde, wurde bis heute nicht vollständig wieder aufgebaut. Noch gibt es nicht in allen Häusern fließendes Wasser oder Strom, viele Menschen tragen noch persönliche oder familiäre Kriegserfahrungen mit sich. Das Gesundheitssystem und das Bildungssystem werden Stück für Stück verbessert.
Und trotzdem leben die Menschen hier friedlich; gemeinschaftlich. Es ist die Fähigkeit, zu versuchen, aus allem das Beste zu machen und kreative Lösungen zu finden, die ich hier schon sehr oft beobachten durfte.
"Es ist Kultur"
Eins meiner Ziele war, die Kultur und das Land kennenzulernen.
Jetzt merke ich: Kultur zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Oft auch, weil Dinge einfach so sind, wie sie sind. "Es ist Kultur", wird hier oft gesagt. Die timoresische Kultur ist unglaublich interessant, aber manchmal auch schwierig zu verstehen. Durch die Kolonialzeit ist vieles verloren gegangen, gleichzeitig ist aber auch noch einiges von der ursprünglichen Inselkultur erhalten geblieben. Und genau das trifft heute teilweise auf moderne Denkweisen, die Kirche, den Einfluss des Internets und die Globalisierung.
Kultur ist ein sensibles Thema. Deshalb überlege ich oft, ob und wie ich etwas erzählen kann. Etwas so zu erklären, dass es nicht falsch verstanden wird, ist manchmal gar nicht so einfach. Ohne das eigene Erleben wirken manche Dinge von außen ungewöhnlich oder befremdlich.
Ich treffe hier auf sehr viele Dinge, die ich vorher so nicht kannte. An manche kann ich mich schnell gewöhnen, andere kollidieren ein bisschen mit meinen Werten und Erfahrungen. Aber für mich steht fest, dass die timoresische Kultur, wie jede andere Kultur auch, etwas Einzigartiges und Interessantes ist, von dem man lernen kann. Vielleicht sogar gerade von den Dingen, die man nicht gutheißt.
Was mir schnell aufgefallen ist: Kultur (also kulturelle Werte und Traditionen) hat einen sehr hohen Stellenwert für die Timoresen. Oft sogar einen höheren als Politik oder Kirche. Die katholische Kirche hat hier zwar einen großen Einfluss, aber gleichzeitig wird der katholische Glaube üer die Jahre immer mehr in die eigentliche timoresische Kultur mit ihrem ursprünglichen Glauben integriert.
Ein Beispiel dafür sind die sogenannten Uma Lulik.
Das sind traditionelle Häuser aus Holz und Palmwedeln, die von jeder Familie selbst gebaut werden. Der Bau ist aufwendig und dauert oft lange. Traditionell gelten sie als Ort der Identität einer Familie. Ein Ort, der die Familiengeschichte bewahrt und an dem heilige bzw. spirituelle Gegenstände aufbewahrt werden. Früher waren das traditionelle Opfergaben oder zeremonielle Gegenstände. Heute finden dort z. B. auch katholische Symbole wie Marienstatuen oder Rosenkränze ihren Platz.
Ich selbst war bisher noch nie in einem richtigen Uma Lulik, sondern kenne vieles nur aus Erzählungen, weil die Häuser oft weiter außerhalb liegen. Aber wenn ich noch die Möglichkeit bekomme, eines zu besuchen, würde mich das sehr freuen. Auch weil ich weiß, dass das eine besondere Einladung wäre.
Wie man vielleicht schon ein bisschen heraushört, ist Spiritualität hier sehr präsent. Nach dem traditionellen Glauben Timors können auch Gegenstände eine besondere Naturenergie enthalten und gelten deshalb als heilige Objekte. In Atabae nennt man kulturelle Traditionen oft "Lian". Dahinter steckt häufig der Glaube an spirituelle Energien oder an den Schutz durch Vorfahren. Für viele Timoresen ist das ganz selbstverständlich. Es geht dabei oft darum, dass alles gut läuft und die Ahnen respektiert werden. Gleichzeitig schwingt manchmal auch die Angst mit, dass etwas Schlechtes passieren könnte, wenn bestimmte Traditionen nicht eingehalten werden.
Am Anfang hatte ich ein paar Missverständnisse und war überrascht, wenn zum Beispiel von schlechter spiritueller Energie gesprochen wurde, beim Frühstück gesagt wurde, dass das nächtliche Heulen eines Hundes ein schlechtes Omen sei, dass wir vorsichtig sein müssten, um die Natur nicht zu verärgern, oder dass Krokodile nur die Menschen angreifen würden, die die Natur oder andere Menschen nicht respektieren.
Als wir letzten Monat bei einer Segnung für ein Auto eingeladen waren, hat der Lian Nain (Experte im Dorf für spirituelle Fragen und Konflikte) anhand der Magenschleimhaut eines Schweins gelesen, ob das Auto und die Reisen seines Besitzers unter guten oder schlechten Vorzeichen stehen.
Das hat meine bisherigen Glaubensansätze ein bisschen über den Haufen geworfen und mich danach noch beschäftigt. Aber je länger ich hier bin, desto mehr merke ich: Es geht gar nicht darum, ob ich alles genau verstehe oder ob ich persönlich alles genauso glauben würde. Sondern darum, dass diese Dinge für die Menschen hier eine wichtige Bedeutung haben.
Außerdem: wenn ich hier über kulturelle Zeremonien rede, hört sich das erstmal sehr aufwendig an. In Wirklichkeit ist es meistens aber viel alltäglicher, als man sich das vielleicht vorstellt. Der eigentliche Ritus, der meist auf einer kleinen Matte auf dem Boden stattfindet, um die sich alle irgendwie herumquetschen, um zuzuschauen, ist oft nur der kürzeste Teil, obwohl man viel Zeit dort verbringt. Viel wichtiger ist das gemeinsame Zusammensitzen, Essen, Reden, Lachen, Menschen Treffen und gemeinsam Zeit Verbringen.