„Wir müssen Europa seine Ausstrahlung und Kraft zurückgeben“

Pontifikalamt im Aachener Dom zu Christi Himmelfahrt

Karlspreis 2019 (c) Bistum Aachen - Andreas Steindl
Karlspreis 2019
Do 30. Mai 2019
iba

Aachen, (iba) – Europa seine Ausstrahlung und seine Kraft, Europa seine uralte Mission als Anstifter zu Dialog und Integration der Völker zurückgeben, dazu hat der Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser in seiner Predigt während des Pontifikalamtes am Fest Christi Himmelfahrt aufgerufen. Mitzelebrant war der apostolische Nuntius (ständiger Vertreter des Vatikans in Deutschland) Erzbischof Dr. Nikola Eterovic. Am Pontifikalamt nahm auch der diesjährige Träger des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen, António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, teil.

Als Bischof der Europastadt Aachen habe sich Helmut Dieser gerne einem Brief angeschlossen, den neun Bischöfe aus vier Ländern der Euregio im Vorfeld der Europawahlen geschrieben haben. „Europa ist nicht aus einer gewalttätigen und unmittelbaren Revolution entstanden, sondern aus einer allmählichen Verwandlung unter der Wirkung gemeinsamer Prinzipien“. An diesen Prinzipien werde so etwas wie die „Seele Europas“ erkennbar, und dazu gehöre „zuerst die Würde des Menschen in seiner individuellen Freiheit und in der Achtung der Rechte jedes Einzelnen; sodann die Gleichheit des Wesens aller Menschen und damit der Gedanke universeller Geschwisterlichkeit und Solidarität mit allen; und schließlich der Vorrang der inneren Werte, die allein den Menschen veredeln“. Wenn in diesen Prinzipien wirklich die „Seele Europas“ erkennbar werde, dann dürften die Völker Europas sie niemals nur für sich selbst und nur in den eigenen europäischen Grenzen in Anspruch nehmen wollen, sondern sollten sie in der Welt verbreiten und auch allen anderen Menschen zugute kommen lassen. Genau das aber, das Vertrauen in die humanitäre Kraft der eigenen Prinzipien, schwinde derzeit in Europa, so Bischof Dieser. „Nationalismen und populistisch vereinfachende Lösungen im Rückzug ins Eigene mit verschlossenen Türen gegen Fremde werden derzeit von nicht Wenigen als vermeintlich bessere Strategie favorisiert. Damit verstößt Europa aber gegen sich selbst und sein eigenes Koordinatensystem: Woher komme ich, wer bin ich mit anderen und will ich für sie sein?“

Die heutigen Herausforderungen drängten uns Europäer geradezu dazu, es ganz neu mit dem Christentum zu versuchen, denn daraus komme die humanitäre Kraft seiner Prinzipien und damit seine Seele. Das Christentum habe Europa von Anfang an verpflichtet auf eine Universalität seiner Seele: Das Evangelium befreie Europa von der Vergötzung des Staates, oder der eigenen Gruppe und Nation und von der menschlichen Überheblichkeit.

An Generalsekretär Guterres gewandt sagte Dieser: „Als langjähriger portugiesischer Ministerpräsident haben Sie Ihr eigenes Land demokratisiert und fest in Europa verankert, als Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen haben Sie die anwachsende Dramatik der weltweiten Flucht- und Migrationsprobleme immer neu in die internationale Politik eingebracht und nach einer Politik gesucht, die sowohl die Würde und die Menschenrechte der Einzelnen achtet als auch auf Zusammenarbeit und internationale Verantwortung zur Bewältigung der Probleme abzielt. […] Und ein weiteres Problemfeld, das damit eng verbunden ist, tragen Sie als Generalsekretär ohne Unterlass in die Internationale Politik ein, das ebenfalls nur multilateral angegangen werden kann: die existentielle Bedrohung durch den Klimawandel, die für viele Menschen und für ganze Staaten zu einer Frage von Leben und Tod werden kann. Für dieses unermüdliche Engagement für eine multilaterale Zusammenarbeit, die allein die anstehenden Probleme bewältigen kann, erhalten Sie heute hier in Aachen den Internationalen Karlspreis, und dafür gebührt Ihnen unser aller Respekt und unsere Dankbarkeit!“

Der Aachener Domchor unter Leitung von Domkapellmeister Berthold Botzet sang die Missa festiva von Alexander Gretchaninow. An der Orgel spielte Domorganist Prof. Michael Hoppe Toccata und Fuge d-Moll von Johann Sebastian Bach. (iba/Na 039)

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