Europa und der Frieden

Weihbischof Johannes Bündgens zum 100. Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkriegs

Europa und der Frieden (c) Manos Meisen
Europa und der Frieden
Do., 22. Nov. 2018
Kirchenzeitung
100 Jahre ist es her, dass der Erste Weltkrieg beendet wurde. Der Aachener Weihbischof Johannes Bündgens zelebrierte am 11. November einen Gedenkgottesdienst in der Kathedrale von Reims, einer Partnerstadt von Aachen. Die KiZ dokumentiert seine Predigt in Auszügen.
Europa und der Frieden (c) Erzbistum Reims
Europa und der Frieden

Ein persönliches Bekenntnis vorweg:

Ich bin tief bewegt und aufgeregt. In meiner Biographie ist das einer der emotionalsten Momente. An diesem Tag in dieser Kirche vor diesem Altar zu stehen, erfüllt mich mit größtem Respekt. Meine Heimatstadt Aachen und mein Heimatbistum Aachen verstehen sich als Brücke und Scharnier zwischen Frankreich und Deutschland. Auch alle Last der Geschichte spüren wir. Mein Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg; und das Leben unserer Familie ist der menschlichen Behandlung der jungen Männer in der Kriegsgefangenschaft in Frankreich zu verdanken. Wenn er diesen Tag erlebt hätte, wäre er tief gerührt.


Im Ersten Weltkrieg wurde Reims von deutschen Kanonen großenteils zerstört.

Die Kathedrale wurde schwer beschädigt. Reims war Inbegriff des französischen Leidens unter deutscher Gewalt. Seit 1919 zählte sie zu den „Märtyrerstädten“.
Der Erste Weltkrieg ist ein Teil der gemeinsamen französisch-deutschen Geschichte und bestimmt auch nach 100 Jahren weiter unser Denken; aber jedes Land hat seine Art der Aufarbeitung. In der Literatur beider Länder gab es ein starkes Echo. 1925 besuchte Thomas Mann Paris und beobachtete den unverminderten Hass, unversöhnlich, sogar noch gesteigert, zwischen Franzosen und Deutschen. Heute braucht es eine neue transnationale Erinnerungskultur.


Es ist erstaunlich und dankenswert,

dass ich als deutscher Bischof heute dabei sein darf und dass wir dieses Gedenken im Geist der Versöhnung gemeinsam begehen. Ich bekunde meinen tiefen Respekt vor den Opfern, die das grauenhafte Unheil erleiden mussten, das deutsches Militär in Ihrer französischen Heimat angerichtet hat, und ich fühle die Scham über die Gräueltaten und darüber, dass auch Kirchenleute sie in nationalistischer Verblendung gerechtfertigt und glorifiziert haben. Ich bin dankbar für die Städtepartnerschaft der Krönungsstädte Reims und Aachen und für das viele Gute, das in Jahrzehnten gegenseitiger Gastfreundschaft besonders in der jungen Generation gewachsen ist.

Lebhaft erinnere ich mich an die Reise der Aachener Delegation im April 2017 zur Erinnerung an den Versöhnungsgottesdienst, den Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer, beide gläubige Katholiken, am 8.7.1962 hier in der Kathedrale von Reims gemeinsam mitgefeiert haben. Das war der emotionale Höhepunkt des Staatsbesuchs. Sie reichten einander die Hand und gaben ein Zeichen der Versöhnung. Sie wollten die Konflikte der Vergangenheit überwinden und erklärten die Bereitschaft ihrer Völker, die Zukunft Europas in Frieden zu gestalten.

So wie in Aachen die deutschen Könige gekrönt wurden, so ist Reims Krönungsort der französischen Könige seit Ludwig dem Frommen, dem Sohn Karls des Großen, und zuvor als Stadt der Taufe des Frankenkönigs Chlodwig – ähnlich wie Aachen in Deutschland eine französische Chiffre ist für die christlichen Wurzeln Europas und eine Ordnung der Gesellschaft nach den Werten des Evangeli- ums: Solidarität, Gerechtigkeit und Friede.


Eine 100-Jahr-Feier ist ein schwieriges Gedenken.

Es gibt keine lebenden Augenzeugen mehr. Die Historiker haben sich des Themas bemächtigt. Das Trauma der Generation von Deutschen, der ich angehöre, ist eher der Zweite Weltkrieg: der Bombenkrieg und die Zerstörung der Städte, die Vertreibung der Bevölkerung und die Flüchtlingsströme aus dem Osten, die Konzentrationslager und die Shoah, die Kriegsgefangenenlager in Sibirien und die späte Heimkehr einer verlorenen Generation. Dieses kollektive Trauma hat die Erinnerung an die früheren Schreckenszeiten überlagert und verdrängt. Wir müssen versuchen zu verstehen, wie anders als für uns der „große Krieg“ für unsere französischen Freunde und Nachbarn die große Zäsur der Geschichte mit der Überschrift „nie wieder“ ist.

Auch für die unvorstellbaren Katastrophen finden die Historiker rationale Erklärungen. Der deutsche Generalstab, so sagen sie, verfolgte seit Anfang des Jahrhunderts einen perfiden Plan. Dieses  zynische Kalkül setzte alle geltenden und bis dahin von allen respektierten Regeln des internationalen Rechts außer Kraft. Vermutlich war er schon ein Symptom der eigenen Unterlegenheit aus dem Gefühl, in Europa isoliert und umzingelt zu sein. Preußen hatte die Kriege der Reichseinigung im 19. Jahrhundert immer nach derselben Methode gewonnen: schneller Aufmarsch, Entscheidungsschlacht, Waffenstillstand, Friedensvertrag. Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke ahnte am Ende seines Lebens, dass diese Art von Kriegsführung der Vergangenheit angehörte und dass ein neuer Krieg ein endloses Blutvergießen würde. Wir denken 2018 auch an den Dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren begann und wo die Auseinandersetzung mit Frankreich in Deutschland geführt wurde. Diesen Krieg hatte Moltke als Schreckgespenst vor Augen, ein endloses Gemetzel, das nach jedem Sieg und nach jeder Niederlage immer neu aufflackerte, am Ende mit einem Erschöpfungsfrieden ohne Sieger und Verlierer. Einen solchen Krieg musste man unter allen Umständen vermeiden. Moltke wollte darum einen Krieg überhaupt verhindern, sein Nachnachfolger Graf Schlieffen dagegen arbeitete einen Kriegsplan aus, der auf ganz andere Weise verhindern sollte, dass sich ein Dreißigjähriger Krieg in Deutschland wiederholen sollte: Er entwarf für den sich abzeichnenden Krieg um die Hegemonie in Europa eine Offensivstrategie, die das Kriegsgeschehen weit ins Land des Feindes tragen und dort eine schnelle Entscheidung erzwingen sollte. Er hielt es dazu für erforderlich, gegen alle Regeln des internationalen Rechts durch die neutralen Staaten Belgien und Luxemburg hindurchzumarschieren, um die französischen Armeen im Rücken zu packen, gegen ihre eigenen Festungssysteme zu werfen und sie dort zu zerschlagen.

Im August 1914 begann man mit der Umsetzung dieses eiskalten Plans, aber die Verletzung der Neutralität Belgiens führte schnell zum Kriegseintritt Großbritanniens. Das Kräfteverhältnis veränderte sich, und der blutige Stellungskrieg und der verschleißende Bewegungskrieg wurden für alle extrem verlustreich. Die schizoide Fixierung auf das Trauma des Dreißigjährigen Krieges hatte eine Verengung des Blickfeldes bewirkt und genau das herbei geführt, was man vermeiden wollte. So wurden erfahrene Politiker und fähige Militärs Opfer ihrer Kurzsichtigkeit und Komplizen dessen, was sie eigentlich verhindern wollten.


Der Krieg ging 1918 zu Ende.

Die Verträge von Versailles und Saint Germain wurden geschlossen. Aber es kam kein Friede. In den besiegten Ländern wie Deutschland, aber auch in Siegermächten wie Italien wurde die Gesellschaft militarisiert. Es bildeten sich Parteien, die mehr bewaffnete Milizen als politische Organisationen waren. Das gesellschaftliche Leben war von Gewalt dominiert. Morde an politischen Exponenten waren an der Tagesordnung. Seit 1990 vertrat George Lachmann Mosse, z.B. in Fallen Soldiers, die These, dass durch den Krieg die Gewalt ihren Weg in die politische Auseinandersetzung gefunden hatte. Der Wert des Lebens wurde mit Füßen getreten. Man war abgestumpft gegen das massenhafte Sterben. Allerdings ist diese These zu pauschal. Andere Historiker wie Robert Gerwarth und John Horne haben vor kurzem nachgewiesen, dass diese Brutalisierung der Politik nicht durchgängig war, z.B. in Frankreich und England keine Rolle spielte. Es war also mehr die Art, wie die militärische Niederlage von bestimmten Kräften instrumentalisiert wurde. Die beiden irischen Forscher vertreten die suggestive These, dass die Völker zwar während des Krieges die massenhafte Gewalt von Millionen von Menschen organisiert und unterstützt hatten, dass dann aber das Leben dieser Völker die so aufgebrauchte Gewalt auch wieder absorbierte und neutralisierte: durch die Unverletzlichkeit des Territoriums und der Grenzen, durch die staatliche Autorität und durch das Prestige des Militärs. In den besiegten Ländern dagegen dankten die Regierungen ab.

Das staatliche Gewaltmonopol schwebte im luftleeren Raum. Milizen und Freischärlerkorps nahmen sich das Recht heraus, die öffentliche Ordnung zu garantieren. Ihre Gewaltbereitschaft war eine Art, die Niederlage zu kompensieren und die erlittene Demütigung auszugleichen. Viele Soldaten, besonders viele Offiziere der niederen Dienstränge, schafften nicht die Rückkehr ins zivile Leben und kämpften in solchen Formationen weiter. Die Jungen wollten noch radikaler sein als die Veteranen; und es entstand eine neue Spirale der Gewalt. Faschisten und Nazis kanalisierten diese soziale Bewegung in politische Konzepte. Die paramilitärischen Milizen schützten vor sozialer Isolierung und boten Raum, die eigene Wut und Frustration in einem permanenten Aktivismus auszutoben. Der Antibolschewismus wurde zur kollektiven Psychose und verband sich mit dem Hass auf die Juden und alle Eliten. Die Grenzgebiete waren oft der Kontrolle der Regierung entzogen und entwickelten sich zu Brandherden des nationalistischen Revanchismus.



Die Militärs waren überfordert.

Auf allen Seiten waren sie in der Tradition des Blitzkriegs erzogen, wie er bisher praktiziert worden war: Mobilisierung aller verfügbaren Kräfte, schneller Aufmarsch, tiefes Eindringen in Feindesland, Neutralisierung des Gegners durch militärische und wirtschaftliche Schwächung auf absehbare Zeit, Waffenstillstand und Friedensschluss. Aber die Entwicklung der Waffentechnik hatte dieses Erfolgsmodell des 19. Jahrhunderts zum Scheitern verurteilt. Offensive Strategie war gegenüber der Defensive klar in Nachteil geraten. Wenn ein Verteidiger Maschinengewehre und Flammenwerfer einsetzte, konnte er mit ein paar Mann in einer befestigten Stellung ganze Regimenter von Angreifern aufreiben. Die militärischen Führer, erzogen in den Traditionen des 19. Jahrhunderts, haben unendlich lange gebraucht, um diesen einfachen Zusammenhang zu verstehen. Die Dummheit und Sturheit, die diesen Lernprozess so lange hinausgezögert haben, haben Millionen von Soldaten das Leben gekostet.



Die Europäische Union ist entstanden als ein Narrativ des Friedens.

Unserer Generation ist es aufgetragen, Europa als Narrativ des Friedens neu zu erfinden.