In der Trauer Leben suchen

Pfarrer Anton Straeten stellt sich zur Verabschiedung von seiner diözesanen Beauftragung dem Gespräch

Anton Straeten (c) Stephan Johnen
Anton Straeten
Di 3. Apr 2018
Trauerpastoral
Langjähriger Seelsorger am Krankenhaus Düren, Mitbegründer der Hospizbewegung im Kreis Düren und des Vereins Lebens- und Trauerhilfe und Diözesanbeauftragter für die Trauerpastoral:

Pfarrer Anton Straeten (70), den Wegbegleiter nur als Toni kennen und schätzen, hat sein Leben der Begleitung und Unterstützung von Kranken, Sterbenden und Trauernden gewidmet. Mitte März wurde der seit 1982 in Düren lebende Straeten von seiner diözesanen Beauftragung verabschiedet. Die KirchenZeitung hat sich mit Toni Straeten über seine Berufung und die Pläne für die Zukunft unterhalten. Soviel sei verraten: Der Gemeinde St. Marien und dem Verein Lebens- und Trauerhilfe bleibt der beliebte Seelsorger erhalten.

 

Wer Toni Straeten kennt, kennt sein besonderes Lachen. Herr Straeten, was bedeutet Lachen für Sie?

Befreiung. Erleichterung. Lebenselixier. Ich brauche mich selbst nicht zu überwinden, ich lache einfach gerne. Ich bin mit drei Geschwistern auf dem Bauernhof großgeworden, mit Gottvertrauen und einer sehr positiven Lebenseinstellung. Beides habe ich von meinen Eltern übernommen, diese Haltung zum Leben trage ich nach wie vor in mir. In Gesprächen suche ich im Gegenüber immer nach etwas Erfreulichem, etwas Überraschendem, nach einem Grund, gemeinsam lachen zu können.

 

Lachen wir zu wenig im Alltag?

Gehen Sie doch mal durch die Fußgängerzone und schauen Sie in die vielen langen Gesichter. Das ist traurig. Zu Ostern gibt es bei mir eine Tradition: Nach der Messe sitzen viele Freunde und Mitstreiter bei mir auf dem Fußboden im Wohnzimmer und wir singen – erst Osterlieder, dann Karnevalslieder, es wird viel gelacht. Nicht nur an Ostern sollten wir Freude spürbar werden lassen. Lachen ist gesund, heißt es nicht ohne Grund.

 

Kann man Lachen trainieren?

Wenn Sie auf Lach-Yoga anspielen – davon halte ich nicht viel. Für mich geht es hier eher um eine Grundeinstellung zum Leben. Meine lautet: volle Kanne leben! Und wenn es mal nicht gut läuft, das Leben so gelassen wie möglich ertragen. Meine Mutter hat immer gesagt: Was nicht geht, wird getragen. Sie hat das gelebt, sich trotz vieler Rückschläge und Einschränkungen nie in eine Abwärtsspirale begeben, sondern stets das Gute gesehen und sich darüber gefreut. Sie sind ein lebensfroher Mensch.

 

War das der Schlüssel zum Einstieg in die Trauerarbeit?

Ein Erlebnis als Kaplan in Aachen sollte mein ganzes Leben prägen. Ich habe erlebt, wie ein Junge aus meiner Jugendgruppe innerhalb von acht Tagen überraschend an akuter Leukämie gestorben ist. Ich hatte Angst, zu den Eltern zu gehen. Dabei wäre es meine Aufgabe gewesen, den Menschen Trost und Hoffnung zu spenden. Stattdessen geriet ich in eine ernste Lebens- und Glaubenskrise. Eine intensive Auseinandersetzung mit Tod und Sterben hat mich Schritt für Schritt wieder zum Leben geführt. Auch später als Krankenhausseelsorger wurde mir immer bewusster, dass auch die Verwandten und Freunde von Verstorbenen viel mehr Hilfe und Unterstützung brauchen, als sie im Krankenhaus bekommen können. Ein Großteil dieser Arbeit wurde früher in Familien geleistet, doch die Zeiten haben sich geändert. Es fehlten Angebote, die Unterstützung leisten konnten. So kam ich zur Trauerarbeit.

 

Wann empfinden Sie selbst Trauer?

Wenn ein Kind stirbt. Die Begleitung von verwaisten Eltern gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Diese Trauerarbeit geht allen Beteiligten an die Substanz. Bei mir werden zudem die Erfahrungen aus meiner Kaplanzeit immer wieder lebendig. Mich stimmt auch die Entwicklung unserer Kirche oftmals sehr traurig. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Wie gehen Sie selbst mit Trauer um?

Ich versuche, Trauer bewusst wahrzunehmen und Worte dafür zu finden. Ich bin aber auch ein Mensch, der schnell die Ablenkung sucht, rausgeht, etwas Gutes für sich selber tut. Es ist wichtig, auch in der Trauer immer wieder das Leben zu suchen, das Leben immer wieder zu genießen, sonst geht man am Leben kaputt. Natürlich ist auch die Spiritualität wichtig, die Verankerung im Glauben. Ich versuche, mir Zeit für Meditation und Gebet zu nehmen.

 

Was stimmt Sie wütend?

Faule Säcke, die sich sowohl beruflich als auch privat auf Kosten anderer durchschlängeln. Darüber ärgere ich mich ebenso wie über viel Gerede und nichts dahinter.

 

Wie geht es im Leben von Toni Straeten weiter?

Meine Entscheidung war ein ganz bewusster Schritt, auf Diözesanebene habe ich eine Nachfolgerin empfohlen und alles für eine Nachfolge geregelt. Ich habe die Arbeit immer sehr gerne gemacht, werde aber auch froh sein, weniger Druck und weniger Aufgaben zu haben. Meine Patenkinder und deren Familien sind in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen, da habe ich einiges aufzuholen.

 

Gibt es ein Leben ohne Trauerarbeit?

(lachend) Ich gelte doch als Trauer-Toni. Im Verein Lebens- und Trauerhilfe werde ich als Vorsitzender weitermachen. Allerdings suchen wir Verstärkung – und mir ist auch daran gelegen, einen Nachfolger zu finden, der meine Aufgaben einmal übernehmen kann. Ich hätte gerne größere Freiräume als bisher. Ich blicke dankbar rückwärts auf viele Begegnungen und Freundschaften, mutig vorwärts und glaubend aufwärts. Es fehlt mir etwas liebend seitwärts. Dafür möchte ich mehr Zeit haben.

 

Was werden Sie vermissen?

Ich mache das alles wirklich sehr gerne und arbeite mit tollen Menschen zusammen. Wie gesagt: Da ich im Verein weiter mitarbeite, wird vermutlich die Zeit fehlen, etwas zu vermissen. Aber ich hoffe, dass ich es schaffe, mir Freiräume zu nehmen, um mich mehr um die Menschen zu kümmern, die mich ein wenig vermissen.

 

Was ist der wertvollste Moment ihrer Arbeit?

Die Gründung der ersten Trauer-Hilfe-Gruppe im Bistum Aachen 1985 in der Dürener Pfarre St. Marien und die Entwicklung des Konzepts der Trauerpastoral für das Bistum Aachen mit anderen. Schritt für Schritt sind in den Pfarreien und in den Regionen des Bistums Trauernetzwerke mit vielen Begleitungsangeboten für trauernde Menschen entstanden. Das Bistum hat meine Arbeit als Trauerseelsorger in den ersten Jahren nicht unterstützt, man sah keinen Bedarf. Ich war sauer darauf und habe aus Wut heraus den Verein „Lebens-und Trauerhilfe“ gegründet, der als regionale Beratungsstelle die diözesane Ebene wesentlich getragen und gestaltet hat. Privat ist ein wertvoller Moment meines Lebens, dass ich vor zwölf Jahren meine Herz-OP so gut überstanden habe.

 

Wie lautet Ihr größer Wunsch für die Zukunft?

Dass ich weiter gut leben und arbeiten kann.

 

Wie startet Toni Straeten seine Tage im Ruhestand?

Wie immer, mit einem Morgenritual. Mein Tag beginnt damit, dass ich aufstehe, die Zeitung hole und mir ein Frühstück mache. Mittlerweile habe ich mehr Zeit für die Lektüre der Zeitung und genieße das auch. Danach nehme ich mir nach Möglichkeit 15 Minuten für Gebet und Meditation. Zu einem perfekten Tag gehören dann eine warme Mahlzeit und abends ein Gläschen Rotwein.

 

Das Gespräch führte Stephan Johnen

 

Info

Entwicklung der Diözesanen Kontaktstelle für Trauerpastoral

Die erste Trauerhilfegruppe im Bistum Aachen wurde 1985 im Turmzimmer der Pfarre St. Marien in Düren gegründet. Mitbegründer war Pfarrer Toni Straeten, der spätere Leiter der Diözesanen Kontaktstelle für Trauerpastoral und Trauerbegleitung im Bistum Aachen. 1991 wurden die Dienste von ehren- und hauptamtlichen Laien als Begräbnisleiter und -leiterinnen zugelassen. Die regionale Kontaktstelle für Trauerpastoral in Düren wurde 1998 gegründet. Im gleichen Jahr nahm der Diözesane Gesprächskreis zur Trauerpastoral mit Mitgliedern aus allen Regionen seine Arbeit auf. Im Jahr 2010 wurde das „Konzept der Trauerpastoral für das Bistum Aachen“ von Bischof Heinrich Mussinghoff veröffentlicht. Bereits seit 2008 gab es „Tage der Trauerpastoral“ im Bistum. In der Region Düren gab es seit dem Jahr 2000 sechs Weiterbildungskurse für den Begräbnisdienst durch Laien, auf Bistumsebene gab es vier Kurse für Gemeinde- und Pastoralreferenten.

Das erste Jahresprogramm der Trauerpastoral, in dem alle Angebote und Ansprechpartner genannt sind, entstand 2004 in der Region Düren, später für das gesamte Bistum. Im Regionalen Netzwerk der Trauerpastoral in der Region Düren wird beispielsweise bei Fortbildungs- und Kulturveranstaltungen mit der Hospizbewegung Düren-Jülich eng zusammengearbeitet. Teil des Netzwerks sind auch die katholische Krankenhausseelsorge (Düren, Lendersdorf, Birkesdorf) und die Evangelische Gemeinde zu Düren. Die Kontaktstelle ist zudem Mitträgerin der „Initiative Sorgekultur – solidarisch und gerecht sorgen in Stadt und Kreis Düren“.