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23. Sonntag im Jahreskreis // Zum Evangelium

Datum:
Fr 4. Sep 2020
Von:
Annette Jantzen

Wenn dein Bruder oder deine Schwester sich gegen dich verfehlt, geh' hin und kläre den Konflikt zwischen euch unter vier Augen. Wenn du gehört wirst, hast du einen Bruder oder eine Schwester gewonnen. Wenn du nicht gehört wirst, nimm eine oder zwei Personen mit, damit über jeden Konflikt aufgrund der Zeugenaussage von zwei oder drei Personen entschieden werden kann. Wenn ihr nicht gehört werdet, sage es derGemeindeversammlung. Wenn diese nicht gehört wird, soll dir der Bruder oder die Schwester zur Außenstehenden werden wie die Leute, die betrügerisch Abgaben kassieren, oder die Andersgläubigen. Wahrhaftig, ich sage euch: Alles, was ihr auf der Erde bindet, soll im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde löst, soll im Himmel gelöst sein. Und ich sage euch auch: Wahrhaftig, wenn zwei von euch sich auf dieser Erde in einer Sache einigen, wird ihnen alles, um das sie gemeinsam bitten, von Gott geschenkt werden, für mich Vater und Mutter im Himmel. Wo zwei oder drei in meinem Namen in Gemeinsamkeit zusammenkommen, bin ich mitten unter ihnen.

Matthäus, Kapitel 18, Verse 15-20

Verfehlen: Das hängt wesentlich mit ungerechter Herrschaft zusammen, oder anders gesagt, mit Machtmissbrauch. Ungerechte Herrschaft gibt es nicht nur im Großen, auch im Kleinen: Gewalt und Lüge, aber auch Manipulation, Hinter-dem-Rücken-Reden, Bloßstellen. Überall, wo jemand verzweckt wird: Um sich selbst besser zu machen oder zu fühlen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, um einem Konflikt auszuweichen. Wo Menschen nicht geachtet werden, wo es Sexismus gibt, Rassismus, Nicht-Anerkennung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Denn Sexismus, Rassismus, Nicht-Ankerkennung sind nicht anonym. Sie wirken in Strukturen des Zusammenlebens, aber es sind Taten konkreter Menschen an konkreten Menschen. Ein Unrecht bleibt ein Unrecht, und es bleibt adressierbar.

Bringt es letztlich vor die Gemeindeversammlung, heißt es im Text. Das Wort dafür: Ekklesia, Versammlung, oder auch: Kirche. Wo ist der freie Mensch-von-Gott in der Kirche? Im beschriebenen Idealfall ist die Versammlung ein Raum ohne ungerechte Herrschaft. Ein Raum ohne strukturelle Sünde, ohne Machtmissbrauch, ohne Sexismus, ohne spirituelle und erst recht ohne körperliche oder sexualisierte Gewalt.

Die Versammlung sollte ein Raum sein, in dem Unrecht nicht wegdiskutiert, Getanes nicht verschleiert, Schuld nicht auf anonyme Strukturen geschoben wird. Ein Raum, in dem ein*e Geschädigte*r Gerechtigkeit einklagen kann und die gesamte Gruppe sich nicht blenden lässt: in der die Hinzugerufenen nicht den Täter, die Täterin in Schutz nehmen. Ein Raum, in der die höhere Stufe der Hierarchie sich um Gerechtigkeit bemüht, nicht um Konfliktvermeidung.

Und wenn jemand sich weigert, Schuld und Verantwortung anzuerkennen, dann soll sie oder er wie jemand außerhalb der Gemeinschaft sein: Prinzipiell umkehrfähig. Gibt es dann noch hoffnungslose Fälle? Gibt es Sünden, die bis in Ewigkeit zerstörerische Folgen haben, für die Täter*innen genau wie für ihre Opfer? Der Text schließt es nicht aus. Es gibt Dinge, die werden auf dieser Erde nicht mehr gut. Aber man darf einen einzelnen Text nicht überstrapazieren: Hier geht es im Letzten nicht um die Geltung von Taten und Verfehlungen über ein einzelnes Leben hinaus, sondern um die Möglichkeit des gelösten Lebens in Freiheit hier und jetzt. Es geht darum, auch Grenzen zu ziehen und keine Angst vor Abgrenzung zu haben.

Das Gegenteil von ungerechter Herrschaft ist Freiheit. Wenn zwei sich einigen: Wenn sie zusammenklingen, heißt das griechische Wort, es ist das gleiche Wort wie in „Symphonie“. Wenn zwei sich einigen, dann ist gelöstes Leben möglich. Das ist kein Wunschkonzert und keine Magie, sondern das heißt, wo Menschen klar und aufrecht bleiben, können sie in Freiheit zusammenklingen. Da ist keine konfliktfreie Zone, aber da öffnet sich mitten in einer Welt voll scheinbar unüberwindlicher ungerechter Herrschaftsstrukturen ein Raum für Gerechtigkeit und Vergebung. Wenn das nicht gelingt, dann zerstört nicht der Konflikt, nicht der Bruch das Zusammenklingen in Freiheit, sondern das Zusammenklingen wird zerstört, wenn die Geschädigten kein Gehör, keinen Glauben, keine Solidarität erfahren.

Und obwohl es die gesamte Gemeinde gibt, es braucht sie nicht für die Erfahrung des Zusammenklingens in Freiheit und auf Freiheit hin. Zwei oder drei, die klar und aufrecht bleiben. Die übereinstimmen in ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Freiheit, die aus Gott kommen. Da ist keine Rede vom Geschlecht. Solidarität braucht es, und Anerkennung. Menschen, die sich nicht auseinanderdividieren lassen. Schwestern. Und ja, Brüder auch.

So soll der Auferstandene ja auch schon gesichtet, gehört, erfahren worden sein, wo keine kirchliche Hierarchie,  keine Weihe, kein Amt das sichergestellt haben. Der Auferstandene soll schon gesichtet, gehört, erfahren worden sein, wo Menschen sich zusammentun im Vertrauen auf Gerechtigkeit und Freiheit, die aus Gott kommen. Wo sie füreinander einstehen, auf Herrschaft übereinander verzichten, einander frei sein lassen und teilen, was sie zum Leben brauchen: Vertrauen, Brot,  Hoffnung, im Himmel wie auf Erden.

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