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Pastoralreferent Georg Nilles geht in den (Un)-Ruhestand:„Als Kirche leiden wir oft daran, dass wir uns an Bedarfen vorbei orientieren“

Georg Nilles
Pastoralreferent Georg Nilles geht in den (Un)-Ruhestand. Im Interview fordert er dazu auf, weiterhin mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und bei der Gestaltung des kirchlichen Lebens mit anzupacken.
Datum:
28. März 2026
Von:
Stephan Johnen
Georg Nilles

Niemals geht man so ganz, sang einst Trude Herr. Ein bisschen ist das auch bei Georg Nilles so, der im Juni seinen 66. Geburtstag feiern und das Rentenalter erreichen wird. Zwei Mal, 2018 und 2023, wurde der Pastoralreferent von Bischof Dr. Helmut Dieser in das Regionalteam Eifel berufen. In Monschau, wo er vor 2018 bereits tätig war, wird er in Zukunft noch einige Aufgaben übernehmen. Ein bisschen Unruhestand also. „Wir haben uns mit vielen Menschen auf den Weg gemacht“, blickt Georg Nilles auf mitunter auch steinige Wegstrecken bei der Umsetzung des synodale Gesprächs- und Veränderungsprozess im Bistum Aachen („Heute bei Dir!“) zurück. Als Stadtkind habe er sowohl privat als auch beruflich die Eifel kennen und schätzen gelernt – und immer versucht, die Interessen und Besonderheiten einer ländlich strukturierten Region in Richtung Aachen zu vertreten, sagt er im Interview mit unserer Newsletter-Redaktion.

Herr Nilles, statt Ruhestand steht Unruhestand auf dem Programm?

Georg Nilles: Ich habe zwar mit meinem Geburtstag in Juni das Rentenalter erreicht und steige aus dem Regionalteam aus, bleibe aber in Teilzeit noch im Pastoralen Raum Monschau aktiv, um die Gremien weiterhin zu begleiten. Der endgültige Ruhestand kann noch etwas warten.

Was reizt Sie an der Arbeit in Monschau?

Georg Nilles: Im September 2014 bin ich erstmals nach Monschau gekommen, in eine GdG ohne ortsansässigen priesterlichen Leiter, die zuletzt immer nur Administratoren gehabt hat. Dieses Leitungsmodell haben wir in Monschau sozusagen von Anfang an eingeübt in der gleichberechtigten Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt. 2018, im Rahmen des Heute-bei-Dir-Prozesses, wurde ich gefragt, ob ich die Stelle des hauptamtlichen Mitarbeiters im Regionalteam Eifel übernehmen könne. Ich habe mir zunächst Bedenkzeit ausgebeten, aber nach kurzer Zeit zugestimmt.

Hatten Sie Angst vor Veränderung?

Georg Nilles: Keine Angst vor der Veränderung. Entscheidend war folgender Gedanke: „Es ist einfach, von außen das zu bewerten, was andere in der Entwicklung des Prozesses machen.“ Ich habe die Gelegenheit bekommen, selbst Impulse zu setzen und mich und die Anliegen der Region Eifel in den Prozess einzubringen. Diese Chance habe ich ergriffen und war ab Herbst 2018 erstmals Mitglied im Regionalteam Eifel.

Georg Nilles

Wie haben Sie als Aachener den Weg in die Eifel gefunden?

Georg Nilles: Ich bin gebürtiger Aachener und in Burtscheid aufgewachsen. Dort fängt die Berufungsgeschichte mit Pfarrer Hugo Bauermann an, der mein Interesse an einem Beruf in der Kirche geweckt hat. Aber es war nie das Priesteramt, ich wollte immer schon Pastoralreferent werden. Nach dem Abitur 1980 habe ich ein Studium der Theologie in Bonn angefangen und ein Betriebspraktikum sowie ein Sozial-, Schul- und Gemeindepraktikum absolviert. Das hat meine Entscheidung gefestigt und bestätigt. Nach dem Studium gab es jährlich nur vier Ausbildungsstellen, insgesamt waren nur zwei Bewerbungen möglich. Da mir als Diplom-Theologe die Religionspädagogik nicht fremd war, bin ich zunächst im Rahmen des ersten „Orientierungsjahrs für Theolog:innen“  an das Katechetische Institut gekommen und habe dort erste Berufs- und Praxiserfahrung gesammelt. Die Ausbildung zum Pastoralreferenten startete ich sieben Jahre nach dem Diplom. Im Anschluss war ich elf Jahre lang in der Schulseelsorge in Aachen Brand, der nächste Einsatz war in Kornelimünster-Roetgen, ab 2014 war ich in Monschau.

Sie haben sich also langsam herangetastet…

Georg Nilles: Dieses Thema ist mir ein echtes Anliegen: Ich habe die Eifel kennen und schätzen gelernt, ich habe hier sehr gerne gearbeitet. Die Menschen sollten ihre Region noch viel stärker und viel positiver bewerben. Die Lebensqualität ist hoch, die Leute haben eine positive Haltung – was ich hier getan habe, hatte immer einen direkten Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen.

Wie sieht denn das Bild der Eifel in Aachen aus?

Georg Nilles: Ich habe immer probiert, ein Stück weit Anwalt für die Eifel zu sein. Da muss man auch dicke Bretter bohren, wenn es darum geht, beispielsweise die besondere Situation der ländlich geprägten Eifel zu verdeutlichen. Weder beim Zuschnitt der Pastoralen Räume, noch bei Entscheidungen der Pastoral können wir hier 1:1 von städtischen Voraussetzungen ausgehen, es gibt weite Wege, kein gut ausgebautes ÖPNV-System. Rückblickend schaue ich schon eher auf das halb volle Glas. In meinem Erleben und in der Aufgabe hat es mir immer sehr geholfen, auf diese Verortung in der Eifel-Pastoral und auf die Praxiserfahrung in der Region zurückgreifen zu können. Ich habe mich mit den Menschen, die trotz aller Herausforderungen und manchmal auch Widerstände versuchen, christlichen Glauben zu gestalten, auf den Weg gemacht. Nicht alles war immer von Erfolg gekrönt.

Was haben Sie in zwei Amtszeiten bewirken können?

Georg Nilles: Wir haben zuletzt als Regionalteam deutlich machen können, dass wir nicht nur willfährige Erfüller von Vorgaben des Bistums sind. Wir haben in der Arbeit immer Wert drauf gelegt, dass es eine Identifikation mit der Eifel gibt, wollten ein Wir-Gefühl herbeiführen. Auch, wenn dies in der Umsetzung nicht immer leicht war. Früher gab es Regionaltage, ein Zusammenkommen von haupt- und ehrenamtlich Engagierten, Vereinen und Verbänden. Das zu revitalisieren ist ungeheuer schwierig. Ob Beheimatung, Finanzen oder kirchliches Erleben – vieles wird heute eher als Verlust empfunden. Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur die Kirche, sondern auch den eigenen Sozialraum, die gesamte Gesellschaft. Herausforderung und Schwierigkeit gleichermaßen ist es, diese kirchlichen Räume weiter zu gestalten, damit sie eine Relevanz für möglichst viele Menschen haben.

Wo sehen Sie eine Stärke der Eifel?

Georg Nilles: Auch wenn im familiären Alltag oder im Beruf jeden Tag weite Strecken zurückgelegt werden müssen, gibt es noch ein dörflich geprägtes Leben und Arbeiten. Der dörfliche Zusammenhalt ist groß, die Menschen engagieren sich miteinander und füreinander, ein starkes Vereinsleben ist zum Teil überlappend mit dem kirchengemeindlichen Leben. Es gibt noch eine Bereitschaft zur Mitarbeit an und in Kirche, Menschen übernehmen Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Ortes und der Kirchengemeinde. Wenn wir es auch als Kirche schaffen, Sinnhaftigkeit zu vermitteln, packen die Leute auch mit an. Nur auf noch einen Arbeitskreis hat niemand mehr Lust.

Was raten Sie den Menschen angesichts der Veränderungen in Kirche?

Georg Nilles: Je weiter etwas von meinem persönlichen Lebensumfeld entfernt ist, desto irrelevanter scheint es. Deswegen sind Begriffe wie „Region“ und „Pastoraler Raum“ auf den ersten Blick eher eine anonyme Größen. Wir Menschen neigen zu dieser Sichtweise. Mein Appell lautet: Packt mit an! Es ist im eigenen Interesse, als erstes überhaupt einmal die eigenen Interessen zu formulieren. Wir müssen weg von der Sorge hin zur Selbstsorge. Sucht euch Gleichgesinnte und artikuliert einen Bedarf. Als Kirche leiden wir oft daran, dass wir uns an Bedarfen vorbei orientieren. Und darunter leiden dann alle. Wir brauchen offene Ohren und offene Augen.

Was kann Kirche in Zukunft nicht mehr leisten?

Georg Nilles: Wir werden uns definitiv von kirchlichen Serviceleistungen verabschieden müssen, die über Jahrzehnte selbstverständlich waren. Die Ressourcen werden massiv und drastisch zurückgefahren, das ist absehbare Entwicklung. Es wird Zeit, dass wir Anwalt für das eigene Interesse und den eigenen Glauben werden und mit dem, was bleibt, das zu gestalten und umzusetzen, was unser Leben trägt. Glaube lebt aus Beziehung und in Beziehung. Das lässt sich nicht ersetzen. Das aktive Zuhören, der Beistand, Besuche und Treffen – ohne die Beziehung geht es auch in Zukunft nicht. Aber nach außen hin werden wir immer weniger wahrnehmbar, sind auf dem Rückzug. Nicht gewollt, aber aus der Not heraus. Wir müssen neue Formen finden. Ich sehe heute schon Initiativen und Erfolge, kleine Pflänzchen, wie die Aukirchen-Gottesdienste in Monschau. Hier begegnen sich Menschen und treten in eine Beziehung, die sich in den konventionellen Angeboten nicht beheimatet fühlen. Wie lauten die Fragen der Menschen, für die wir da sind? Darauf müssen wir uns einlassen.

Was macht Ihnen Sorge mit Blick in die Zukunft der Region Eifel?

Georg Nilles: Ihre erste Frage handelt vom Unruhestand. Eigentlich war bei mir der zunächst der komplette Ruhestand angedacht. Aber es fehlen Nachfolgerinnen und Nachfolger. Wir bluten hauptamtlich aus. Es gibt schon lange keinen regionalen Jugendseelsorger, keinen Mitarbeiter im Regionalteam. In den kommenden Jahren werden die nächsten Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand gehen. Wir arbeiten dort, wo andere Urlaub machen. Das klingt wie ein Klischee, aber ich habe es wirklich so erlebt. Es ist keine Strafversetzung, in der Eifel zu arbeiten und zu leben.