Impuls Juni 2015

In Alltag und Arbeit kontemplativ beten

Spirale (c) Karin Jung/pixelio.de
Datum:
Mo. 1. Juni 2015
Von:
Georg Lauscher

In Alltag und Arbeit kontemplativ beten

Unser Alltag kommt uns manchmal wie das Leben in einer Zentrifuge vor. All unsere körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte werden nach außen gedrängt und gezogen, ja manchmal regelrecht nach außen geschleudert wie in einer Zentrifuge.

Wir können da kaum noch in Kontakt mit unserer inneren Mitte, dem inneren Lot unseres Lebens bleiben. Wir fliehen – das bedeutet das Wort Zentri-fuge – wir fliehen die Mitte.

Eine jüdische Erzählung thematisiert diese Schwierigkeit. Darin ergreift der Rabbi, der Gemeindeleiter das Wort: „Wenn einer eine Aufgabe angeht, müssen alle nötigen Dinge da sein: ein Gebäude und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der Versucher und reißt den innersten Punkt heraus, aber alles andre bleibt wie zuvor. Und das Rad dreht sich weiter. Nur der innerste Punkt fehlt." Und mit erhobener Stimme schließt der Rabbi: „Aber Gott helfe uns: man darf´s nicht geschehen lassen!"

Wie oft bemerke ich mitten im alltäglichen Getriebe und Gedränge: ich habe diesen innersten Punkt meines Lebens verloren. Ich spüre ihn nicht mehr. Bin mir seiner nicht mehr bewusst. Und genau darum lasse ich mich von allem Möglichen treiben und drängen! Alles läuft. Alles funktioniert irgendwie. Ich selbst auch. Nur: irgendetwas fehlt. Nein, nicht bloß irgendetwas. Das Entscheidende fehlt: der Dreh- und Angelpunkt. Und dann lerne ich vermissen. Eine eigenartige Wendung: ich beginne mich zu sehnen nach dem, was mir fehlt. Ich beginne, mich nach Gott zu sehnen, mitten drin in meinem Leben und Arbeiten, meinem Lieben und Leiden. Ich habe den Christus-Kontakt verloren. Ihn möchte ich wieder finden.

Im ersten Schritt müssen wir – wie beim persönlichen Beten – radikal bei uns selbst beginnen. „Habitavit secum." „Er wohnte ganz bei sich selbst", schreibt Gregor der Große in der Vita über den Hl. Benedikt. Wenn ich nicht bei mir selbst wohne, wie soll ich dann bei Gott, mit Gott zusammen wohnen und leben im „Tempel meines Leibes"? Wenn Menschen sagen: „Gott ist mir fern.", dann scheint oft der Grund dafür hier zu liegen: sie sind sich selber fern. Sie sind zu wenig nüchtern, ehrlich, liebend wahrnehmend bei sich selbst. Wenn ich selbst „außer Haus" bin, wie soll mich Gott dann antreffen? Er klopft und klopft an meine Tür, doch ich bin weg – fern von mir und fern von Ihm!
Der islamische Mystiker Rumi (1207-1273) bringt dies wunderbar ins Wort: „Ich habe die ganze Welt auf der Suche nach Gott durchwandert und Ihn nirgendwo gefunden. Als ich wieder nach Hause kam, sah ich Ihn an der Türe meines Herzens stehen, und Er sprach: 'Hier warte ich auf dich seit Ewigkeiten.´ Da bin ich mit Ihm ins Haus gegangen."

Ich verstehe das kontemplative Beten als ein Gebet der Hingabe. Ich bete nicht etwas. Ich bete mich selbst, mein ganzes Sein und Leben auf Gott hin. Ich schenke mich Ihm und bitte, dass Er durch mich wirkt, was und wie Er wirken will. Auf dass ich – ganz ich selbst – frei werde von mir selbst und ich Ihm mit meinem engen Ego nicht den Weg verstelle zu den Menschen, zu denen Er will.

Ganz bei sich selbst – frei von sich selbst sein: das scheint ein Widerspruch zu sein. Aber dies ist genau das Geheimnis kontemplativen Betens.

Es ist ein Beten, das sich selbst kaum noch als Beten erkennt! So verborgen und still ist es. So eingefügt in Alltag und Arbeit, im Leiden und Lieben. Dieses Gebet ist vergleichbar dem Grundwasser: keiner sieht es, doch es ist immer da.

Georg Lauscher