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Was wird aus den alten Kirchen?:Wie die Neunutzung gelingt, zeigt eine Ausstellung in Heilig Kreuz Alt-Keyenberg

Noch immer kann der Kirchenraum imponieren. Eigentlich sollte es das Gotteshaus jetzt gar nicht mehr geben – genauso wie das ganze Dorf.
Auch fünf Jahre, nachdem sie profaniert wurde, ist Heilig Kreuz in Alt-Keyenberg imposant.
Datum:
Mo. 21. Sept. 2026
Von:
Garnet Manecke

Alt-Keyenberg. Im Oktober 2022 wendete sich das Schicksal der Kirche, als das Land Nordrhein-Westfalen und RWE bekannt gaben, dass das Dorf und die vier Nachbardörfer Kuckum, Berverath, Oberwestrich und Unterwestrich doch nicht abgebaggert werden. Für die Dorfbewohner und ihre Kirche kam die Nachricht zu spät. Jetzt ist die Frage, was aus den Gebäuden werden soll.

Zum letzten Mal wurde hier am 28. November 2021 Gottesdienst gefeiert. Es war ein schmerzhafter Tag für die Keyenberger, denn ihre Kirche wurde an dem Tag profaniert. Das war gefühlt der Schlusspunkt der Umsiedlung. Ohnehin waren die meisten Dorfbewohner schon in den neuen Ort gezogen, der jetzt Keyenberg heißt. Das verlassene Dorf heißt nun Alt-Keyenberg. Auch die Nachbardörfer haben ein „Alt“ vor ihren Namen gestellt bekommen.

Die Geschichte von Heilig Kreuz in Alt-Keyenberg ist zwar ungewöhnlich, ihr Schicksal teilt die Kirche aber mit vielen anderen Gotteshäusern in Deutschland. Das zeigt die Ausstellung „Kirche als Vierte Orte – Perspektiven des Wandels“, die noch bis Sonntag, 13. September, in der Kirche zu Gast ist. Allein in Nordrhein-Westfalen gebe es laut Landesdenkmalämter 6000 Kirchen, erfahren die Besucher dort. Prognosen gehen davon aus, dass die Hälfte davon langfristig nicht mehr sakral genutzt werden wird. Was soll man mit den Bauwerken, die aus verschiedenen Epochen von der Spätantike bis zur Gegenwart stammen, also machen?

Auf zwölf Tafeln gibt es zu dieser Frage Antworten. Dazu sind auf Bildschirmen Interviews mit verschiedenen Beteiligten an solch einem Umnutzungsprozess zu hören. Menschen der Kirche, aus Wissenschaft, Stadtplanung und Architektur sowie Nutzer von profanierten Kirchengebäuden geben Antworten auf die vielfältigen Fragen, die mit einer geplanten Umnutzung zusammenhängen. So ist eine der ersten Fragen, die den Besuchern begegnet, ob es möglich ist, ein Kirchengebäude von seiner religiösen Funktion zu trennen.

Für viele engagierte Christen aus betroffenen Gemeinden ist genau das unvorstellbar. Das zeigt die an vielen Orten gezeigte Abwehrhaltung, sobald publik wird, dass die Kirche aufgegeben werden soll. In Alt-Keyenberg und Alt-Kuckum protestierten Tagebau-Gegner und frühere Dorfbewohner einen Tag zuvor. In den Tagebau-Orten war der Protest auch in der Jahrzehnte andauernden Geschichte der Gegenwehr begründet. Die vorzeitige Entwidmung von Heilig Kreuz war zuvor vom Bistum Aachen gestoppt worden. Trotzdem wurden die Glocken im September 2021 ausgebaut. Die Dorfbewohner erfuhren davon erst, als die erste Glocke aus dem Turm heruntergelassen und verladen wurde. Nun läuten sie in der neuen Kirche St. Petrus im neuen Keyenberg/ Kuckum.

Aber auch in Gemeinden, die nicht dem Erdboden gleichgemacht werden sollten, regen sich Proteste, wenn Kirchen profaniert werden sollen. Kirchen sind eng mit Emotionen verbunden – unabhängig davon, dass die Gottesdienste oft nur spärlich besucht werden. Hier kommen die Menschen an wichtigen Stationen ihres Lebens zusammen: Taufe, Kommunion, Firmung, Hochzeit und Beerdigungen finden hier statt. In Zeiten höchster Not versammeln sich Menschen in Gotteshäusern genauso wie nach bestandenen Krisen. Kirchenglocken läuten zu besonderen Anlässen. In Mönchengladbach läuten alle Glocken am 9. November, um an die Pogromnacht und das Schweigen der Kirchen 1938 zu erinnern. Aber auch zu anderen Anlässen haben Glocken in der Stadt schon geläutet. 1970 ertönten sie von St. Elisabeth und St. Maria Rosenkranz zur Feier der ersten deutschen Meisterschaft der Borussia Mönchengladbach in der Fußball-Bundesliga.

Diese Emotionalität und die Besonderheit des sakralen Raums machen Kirchengebäude zu Orten, die prägend für das Quartier sein können. Auch nach ihrer Profanierung können sie Menschen in Not auffangen, sie im Alltag unterstützen und Orte der Begegnung sein. „Kirchen sind Möglichkeitsräume, öffentliche Räume, die die Gesellschaft mehr nutzen sollte“, sagt Stefanie Lieb, Professorin am Kunsthistorischen Institut der Universität Köln. Lieb leitet das Teilprojekt Kunstgeschichte des Forschungsprojekts Transara. Das interdisziplinäre Projekt mit Teilprojekten unterschiedlicher Fachrichtungen analysiert Transformationsprozesse von Kirchengebäuden in Ost- und Westdeutschland.

Im Advent erwacht die Kirche Heilig Kreuz in Alt-Keyenberg für einen Abend zu neuem Leben. Seit zwei Jahren findet in dem Gotteshaus ein Adventskonzert statt, bei dem das Publikum auch mitsingen kann.

In der Ausstellung gibt es zahlreiche Beispiele unterschiedlicher Umnutzungskonzepte. Die Kirche Heilige Familie in Oberhausen wird seit 2007 von der Oberhausener Tafel als Ausgabestelle genutzt. Aus der Dreifaltigkeitskirche Münster wurde ein Haus, in dem pflegebedürftige Obdachlose eine Unterkunft finden. Ein Anbau an die Kirche erlaubte neben dem Wohnungslosen-Projekt auch die Schaffung von Mietwohnungen und Büroräumen. In die Martin-Luther-Kirche in Hagen, in St. Johannes Telgte und die Johanniskirche in Leverkusen zogen nach dem Umbau Kindertagesstätten ein. Aus der Dreifaltigkeitskirche Köln wurde ein Aikido-Dojo. Aikido ist eine Kampfkunst. Ein Dojo ist ein Raum für Ruhe, Einkehr und Selbstfindung.

Auf der Suche nach dem geeigneten Nutzungskonzept für die Kirchenräume ist ein Faktor entscheidend: Gibt es eine Nachfrage für das Angebot? „Einer der Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Umnutzung ist oft ein urbanes Umfeld mit genügend Interessenten, die es nutzen“, sagt Sven Bienert, Wirtschafts- und Immobilienwissenschaftler. „Es gibt immer viele Ideen, aber man muss auch schauen, wie die Kosten sind, welche Nachfolgekosten es gibt und wer der Träger ist.“

Die Kletterkirche Mönchengladbach ist so ein Erfolgsmodell: Seit 2010 erklimmen Gipfelstürmer die Wände mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In Ermangelung von Bergen treffen sich Kletterbegeisterte nun hier – vom Anfänger bis hin zum fortgeschrittenen Könner. Auch die erste Grabeskirche in der Stadt gehört zu den erfolgreichen Umnutzungskonzepten. Anfangs wurden die Pläne für St. Elisabeth in Eicken auch skeptisch gesehen. So etwas gab es noch nicht in der Stadt. Auf der anderen Seite traf sie aber auf eine hohe Nachfrage. Schnell mussten weitere Urnenplätze geschaffen werden. Inzwischen hat Mönchengladbach mit St. Josef in Rheydt und St. Matthias Günhoven zwei weitere Grabeskirchen. Dazu kommt das Kolumbarium in St. Kamillus.

Nicht immer muss eine Kirche profaniert werden, bevor sie eine andere Nutzung erhält. Die Citykirche in Mönchengladbach ist zu einem Ort der Kunst und Kultur geworden. Hier finden neben den regelmäßigen Gottesdiensten Ausstellungen und Konzerte sowie andere Veranstaltungen statt. In der Sakramentskapelle gibt es nach wie vor die Möglichkeit, sich im Gebet zurückzuziehen.

In Heilig Geist Geistenbeck hat sich aus einem Bücherverkauf auf einem Pfarrfest die Idee zur Bücherkirche entwickelt.

Auch die Gemeinde Heilig Geist hat für ihre Kirche eine Form des Zusatznutzens gefunden, die Menschen zusammenbringt. Weil der Kirchenraum für die Gottesdienste zu groß wurde, entwickelte sich aus einem Angebot bei einem Pfarrfest 2003 das Konzept der Bücherkirche. Montags, mittwochs und donnerstags wird die Kirche zum Bücherladen.

Lesebegeisterte können hier stöbern und ihre Lieblingslektüre für kleines Geld erwerben. Die Bücher stammen aus Spenden. Der Lesestoff wird in Regalen auf Rollen präsentiert, die schnell in die Kirche geschoben werden können. Das Einzugsgebiet erstreckt sich inzwischen über die ganze Stadt. Mit dem Bücherangebot kommt die Gemeinde mit Menschen ins Gespräch, die bisher keinen Kontakt zur Kirche haben.

Weitere Termine:

Das Museum der Baukultur NRW rückt von 24. September bis 25. Oktober 2026 in der Ausstellung „Kirchen als Vierte Orte – Perspektiven des Wandels“ Menschen in den Mittelpunkt, die sich aus unterschiedlichen Gründen mit dem Thema Kirchentransformation beschäftigen. Präsentiert wird die Ausstellung in der Kirche St. Peter und Paul in Wegberg. Die Eröffnung findet am Dienstag, 22. September, um 19 Uhr statt. Öffnungszeiten sind: donnerstags von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 12.30 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am Montag, 12.10.2026, um 19 Uhr findet im Rahmen der Ausstellung eine Infoveranstaltung der Pfarrei St. Martin statt. 

Weitere Informatione: Kirchen als Vierte Orte – Perspektiven des Wandels