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Interview:„Mit Feinden sucht man keine Kompromisse“

Kriege, Krisen, Polarisierung: Prof. Nicole Deitelhoff erklärt, was Frieden ausmacht, wie Angst Konflikte verschärft und warum der Mensch Hoffnung gibt.
Prof. Nicole Deitelhoff erklärt, was Frieden ausmacht, wie Angst Konflikte verschärft und warum der Mensch Hoffnung gibt.
Datum:
Mo. 21. Sept. 2026
Von:
Abteilung Kommunikation

Kriege, Krisen, gesellschaftliche Polarisierung: Frieden wirkt derzeit alles andere als selbstverständlich. Zum Weltfriedenstag spricht die Friedens- und Konfliktforscherin Prof. Nicole Deitelhoff darüber, warum Frieden weit mehr bedeutet als die Abwesenheit von Krieg, weshalb Angst Konflikte verschärfen kann, und warum ihr ausgerechnet der Mensch Hoffnung macht.

Frau Professorin Deitelhoff, wenn wir von Frieden sprechen, denken viele zunächst daran, dass kein Krieg herrscht. Wie definiert die Friedens- und Konfliktforschung heute Frieden?

Die Friedens- und Konfliktforschung unterscheidet zwischen einem negativen und einem positiven Frieden, wobei der positive Frieden eher als ein Ideal verstanden wird, das wir zu erreichen trachten, an das wir uns realiter aber immer nur annähern können.

Der negative Frieden beschreibt nur die Abwesenheit von systematischer Gewalt. Allerdings ist das „nur“ nicht zu unterschätzen, denn oftmals eröffnet erst ein Ende der Gewalt überhaupt die Chance für einen nachhaltigen Frieden – und das heißt den Pfad hin zu einem positiven Frieden. Dazu gehören die Aufarbeitung der Konfliktursachen, Versöhnung, sozialer Ausgleich und nachhaltige Lebenschancen für alle.

Die internationale Ordnung steht derzeit unter erheblichem Druck. Was destabilisiert sie aus Ihrer Sicht besonders stark?

Regelbrüche, die nicht mehr geahndet und vor allem nicht mehr kritisiert werden. Regeln wurden natürlich immer gebrochen. Aber was wir in den letzten Jahren erleben, ist, dass diese Regeln und die internationalen Organisationen, die über ihre Einhaltung wachen sollen, einfach beiseitegeschoben und für irrelevant erklärt werden – insbesondere von den Großmächten.

Und immer mehr Staaten begehren nicht mehr dagegen auf. Das ist es, was die Ordnung über kurz oder lang in die Knie zwingen wird, wenn die Mehrheit der Staaten, die an der internationalen Ordnung festhalten wollen, kein Mittel dagegen findet.

Auch innerhalb unserer Gesellschaft erleben wir starke Gegensätze und Polarisierung. Wann wird aus einer lebendigen politischen Auseinandersetzung eine Gefahr für die friedliche Lösung von Konflikten?

Polarisierung ist an sich nichts Schlimmes. Wenn wir zu politischen Fragen entgegengesetzte Positionen einnehmen, belebt das zunächst Debatten. Die Alternativen werden klarer und oftmals werden auch neue Alternativen entdeckt. Davon lebt die Demokratie.

Problematisch wird es, wenn Polarisierung über Positionsunterschiede hinausgreift und die Person des anderen miteinschließt – wenn wir also diejenigen, die eine andere Position vertreten, abzuwerten beginnen. Das kann so weit gehen, dass wir unsere politischen Gegner zu Feinden erklären.

Mit Feinden sucht man nicht nach Kompromissen, man versucht sie zu besiegen und zu zerstören. Das ist natürlich drastisch und stellt den Endpunkt einer solchen Entwicklung dar. Aber wir sehen erste kleine Schritte in diese Richtung: Kompromisse werden zusehends verächtlich gemacht oder als Verrat an der eigenen Sache gewertet, politischen Gegnern wird die Moral abgesprochen.

Viele Menschen fühlen sich heute unsicher, obwohl sie selbst nicht unmittelbar von Krieg betroffen sind. Woher kommt dieses Gefühl?

Zuallererst kommt es aus mehr als zwei Jahrzehnten Krisen, denen unsere Gesellschaft ausgesetzt war: angefangen mit der internationalen Finanzkrise 2007 und der europäischen Schuldenkrise, die daraus folgte, über das, was wir heute Migrationskrise nennen, 2015 und 2016, bis zur Covid-19-Pandemie 2020, die noch nicht vorbei war, als Russland 2022 die Ukraine überfiel.

Zwischen diesen Krisen gab es keine Atempausen mehr. Das hat viele Menschen in ihrem Grundvertrauen in den Staat und die öffentliche Ordnung erschüttert. Das Zutrauen, dass der Staat die Krisen schon managen werde, hat über die Zeit deutlich abgenommen. Russlands Drohungen gegenüber den NATO-Staaten verschärfen das.

Angst und Wut prägen viele gesellschaftliche und politische Debatten. Welche Rolle spielen solche Emotionen für die Entstehung und Verschärfung von Konflikten?

Emotionen spielen eine große Rolle in allen Konflikten. Angst verengt unser Blickfeld und nimmt uns die Fähigkeit, unsere Alternativen in Ruhe einzuschätzen. Sie führt auch häufig dazu, dass wir aggressiv reagieren, also Konflikte noch anheizen. Angst dürfte ein Treiber der gegenwärtigen Polarisierung sein, die wir erleben.

Frieden ist nicht nur eine Aufgabe von Regierungen. Welche Verantwortung tragen demokratische Institutionen und die Zivilgesellschaft dafür, Frieden aktiv zu gestalten?

Demokratische Institutionen sind natürlich zentral. Menschen müssen sie als effektiv erleben, damit sie erkennen können, dass es sich lohnt, ihre Konflikte in Institutionen zu lösen und nicht außerhalb.

Das wird umso schwieriger, je länger Krisen anhalten, weil deren Definitionsmerkmal ist, dass Institutionen sie nicht einfach so lösen können. Hier kommen zivilgesellschaftliche Akteure ins Spiel. Sie können Institutionen schützen und stützen, indem sie sie bei ihrer Aufgabenerfüllung unterstützen und demonstrieren, wie man trotz Krisen weiterkommt.

Darum ist es auch so wichtig, dass wir verhindern, dass zivilgesellschaftliche Akteure immer stärker in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden.

Wenn Sie auf die aktuelle Weltlage schauen: Welche Entwicklung bereitet Ihnen derzeit besonders große Sorge?

Ganz kurz und knapp: Dass Gewalt wieder alltäglich zu werden droht. Und das gilt nicht nur international. Auch in unseren Gesellschaften nehmen Gewaltandrohungen und Gewaltanwendung zu.

Zum Weltfriedenstag gehört neben der Sorge um den Frieden auch die Frage, woher Hoffnung kommen kann. Was gibt Ihnen trotz all dieser Entwicklungen Hoffnung?

Der Mensch! Menschen haben in Krisen immer wieder fürchterliches Verhalten gezeigt, aber auch großartiges. Darauf setze ich.

Krisen setzen kreative Kräfte frei, sie aktivieren neben allem anderen auch zu Höchstleistungen. In der Covid-19-Pandemie haben wir erlebt, wie in kürzester Zeit ein völlig neuer Impfstoff entwickelt wurde. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat es die EU geschafft, entgegen aller Annahmen Putins, geeint und stark zu reagieren.

Die Ukraine widersteht dem konventionell viel mächtigeren Russland seit Jahren, eigentlich sogar schon viel länger. Das zeigt, dass in Krisenzeiten viel möglich ist.

Zur Person: Prof. Dr. Nicole Deitelhoff ist Politikwissenschaftlerin und eine der profilierten deutschen Stimmen in der Friedens- und Konfliktforschung. Sie ist Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Peace Research Institute Frankfurt (PRIF). Dort leitet sie außerdem den Programmbereich Internationale Institutionen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören internationale Institutionen und Normen, Krisen der Weltordnung sowie Konflikte, Polarisierung und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Demokratien.