Interview:„Jede Baustelle landet irgendwann im Klassenzimmer“

Aachen. Bob Blume ist „der Netzlehrer“. In der Jubiläumsausgabe "Was uns trägt – 80 Jahre Kirchenzeitung für das Bistum Aachen" fordert der Lehrer, Bildungsinfluencer und Autor mehr Investitionen in frühe Bildung, weniger Leistungsdruck durch Noten und einen verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Schule müsse junge Menschen befähigen, selbstständig zu denken und Demokratie zu leben. Deutlich kritisiert er überhöhte Erwartungen an Schulen bei fehlenden Ressourcen.
Demokratiebildung, Inklusion, Sprachförderung und künstliche Intelligenz: Die Aufgaben von Schulen wachsen, doch Zeit und Personal halten damit nicht Schritt. „Alles davon ist richtig. Aber es kommt hinzu, ohne dass etwas wegfällt und ohne dass Zeit oder Personal mitwachsen“, kritisiert Bob Blume. Lehrkräfte sollten Fachleute, Sozialarbeiter, IT-Administratoren und Verwaltungskräfte zugleich sein. Das führe zu einem „Dauer-Improvisationsmodus“ – nicht, weil die Menschen schlecht seien, sondern weil die Strukturen es nicht anders zuließen.
Grundlegende Probleme
Blume, der derzeit für seine Promotion vom Schuldienst beurlaubt ist, sieht grundlegende Probleme im deutschen Bildungssystem. Die soziale Herkunft entscheide noch immer zu stark über Bildungschancen. Statt Kinder nach der vierten Klasse früh zu sortieren, müsse Deutschland stärker in Kitas, Grundschulen und Sprachförderung investieren. „Schule ist bei uns zu oft Sortiermaschine und zu selten Aufstiegsversprechen“, sagt er. Auch die Verantwortung der Eltern dürfe nicht überstrapaziert werden: Wer auf sie verweise, verlagere Verantwortung dorthin, „wo die Ungleichheit am größten ist“.
Lernen statt Noten produzieren
Blume plädiert dafür, die Dominanz von Noten zurückzudrängen und das Lernen stärker in die Schule zu verlagern. Klassische Hausaufgaben verstärkten soziale Ungleichheiten, weil Kinder zu Hause sehr unterschiedliche Voraussetzungen hätten. Eltern seien zudem keine Hilfslehrer: Ihre wichtigste Aufgabe sei Beziehung, nicht Kontrolle. Entscheidend sei, dass Kinder Anstrengung als sinnvoll erleben und erfahren, dass sie sich durch eigenes Lernen weiterentwickeln können.
Das gilt für Blume auch im Umgang mit künstlicher Intelligenz. ChatGPT könne zwar Antworten liefern, entbinde Schülerinnen und Schüler aber nicht davon, diese zu beurteilen. „Wer alles auslagert, macht sich abhängig. Wer lernt, bleibt frei.“ KI könne das Lernen unterstützen, wenn sie wie ein Nachhilfelehrer genutzt werde – nicht als Ghostwriter, der die eigene Denkarbeit ersetze. Das Werkzeug müsse dem Lernziel dienen, nicht umgekehrt.
Demokratie muss im Schulalltag erfahrbar warden
Eine besondere Verantwortung komme Schulen bei der Demokratiebildung zu. Sie seien einer der letzten Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen und Lebensentwürfen zusammenkämen. Blume nennt das eine „konstruktive Zumutung“: mit Menschen auszukommen, die anders denken, leben oder glauben. Demokratie lerne man nicht allein durch Unterricht über das Grundgesetz, sondern indem Kinder und Jugendliche Entscheidungen treffen und deren Folgen erleben könnten. „Wer in der Schule nie Selbstwirksamkeit erfahren hat, wird sie später in der Demokratie kaum suchen.“
Blume kritisiert das Bildungssystem auch aus eigener Erfahrung. 15 Jahre lang habe er selbst Noten gegeben, Hausaufgaben aufgegeben und mitgeholfen, Schülerinnen und Schüler zu sortieren – obwohl er dieses Prinzip für falsch halte. Er habe versucht, innerhalb der bestehenden Strukturen neue Wege zu gehen. Als „Netzlehrer“ wolle er heute zeigen, dass Schule anders funktionieren könne, und Lehrkräften Mut machen, Veränderungen auszuprobieren. Denn auch wenn sich die großen Strukturen nicht allein verändern ließen, könne jeder einzelne Schritt etwas bewirken.
Lehrer, Autor, Podcaster und Influencer
Bob Blume (Jahrgang 1982) ist Lehrer, Bildungsexperte, Autor und Podcaster. Er unterrichtete 15 Jahre Deutsch, Englisch und Geschichte, zuletzt als Oberstudienrat an einem Gymnasium in Baden-Württemberg. Derzeit ist er beurlaubt und promoviert in den Erziehungswissenschaften. Als „Netzlehrer“ gehört er zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Bildungsdebatte. Sein Buch „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“ stieg nach dem Erscheinen auf Platz 3 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein.