Im Gespräch: Schwester Mechthild im Aachener Karmel

Sr. Mechtild (c) Thorsten Aymanns
Sr. Mechtild
Datum:
Mi 25. Mär 2020
Von:
Thorsten Aymanns

Durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus machen viele Menschen eine ganz neue Erfahrung. Freunde können nicht wie bisher miteinander ausgehen, Oma und Opa bekommen keinen Besuch mehr von den Enkelkindern. Es gibt keine Gottesdienste mehr, zu denen wir uns in der Kirche versammeln können. In den Medien werden wir aufgefordert uns unbedingt an alle Maßnahmen zu halten.

Kirchenleute sagen uns, wir sollten die stillere Zeit und das Alleine-Sein auch als geistliche Chance begreifen. Das ist nicht leicht, denn den meisten von uns fehlt dazu einfach die Übung.

Ich habe mit Schwester Mechthild von den Aachener Karmelschwestern gesprochen. Sie hat sich mit ihrem Eintritt in den Orden der Karmelitinnen für ein sehr zurückgezogenes Leben entschieden. So ist sie eine Fachfrau für den geistlichen Rückzug in die Stille. 

Thorsten Aymanns: Schwester Mechthild, Sie leben schon viele Jahre in der Zurückgezogenheit einer kleinen Gemeinschaft. Ist das mit der Situation von Social-Distancing, also der Einschränkung persönlicher Begegnungen, zu vergleichen? 

Schwester Mechthild: Nein, unsere Situation als Karmelitinnen ist ganz anders, da es eine frei gewählte Zurückgezogenheit ist und zwar auf ein Ziel hin: ein intensives Leben des Gebetes und der Begegnung mit Gott. 

Thorsten Aymanns: Wo ist für Sie der größte Unterschied zu Ihrem Leben und der Isolation, die jetzt manche erleben? 

Schwester Mechthild: Von außen auferlegt ist dies viel schwerer. Von daher muss ich gut überlegen, was ich sagen kann. 

Thorsten Aymanns: Sicher haben Sie aber doch einen guten Hinweis aus Ihrer Erfahrung. 

Schwester Mechthild: Es ist gut, sich für diese Zeit ein Ziel zu setzen. Ich kann neu entdecken, was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Für was bin ich dankbar? Ich kann mir mehr Zeit nehmen für mich, das Gebet und für Gott, für meine Nächsten (nah und fern). Wobei die tiefere Begegnung mit sich selbst nicht immer einfach ist. 

Thorsten Aymanns: Sie haben viel Zeit zum Gebet. Um was beten Sie für die Menschen, denen jetzt die Decke auf den Kopf fällt. 

Schwester Mechthild: Sie mögen entdecken: Gott ist immer nahe, anders nahe. Das ist das, was ich für viele wünsche und bete. 

Thorsten Aymanns: Ich weiß, dass Sie und Ihre Mitschwestern nicht nur fromm, sondern auch ganz praktisch veranlagt sind. Auch für die Welt außerhalb des Klosters haben sie offene Augen und Ohren. Haben Sie auch eine Anregung für unseren Alltag jetzt? 

Schwester Mechthild: 
Fürs Praktische gilt bei uns im Kloster: Geistig aktiv sein auf irgendeinem Gebiet, das mich interessiert. Wir strukturieren den Tag. Wo mehrere zusammenleben wie auch in einer Familie und in der Partnerschaft braucht es Zeiten des Rückzugs für den Einzelnen. Und natürlich ist es wichtig körperliche Aktivität nicht zu vergessen; was in der Klosterzelle geht, das geht auch im Wohnzimmer. 

Thorsten Aymanns: Liebe Schwester Mechthild, herzlichen Dank für das Gespräch. 

Schwester Mechthild: Sehr gerne! Allen Lesern eine gesegnete Zeit trotz aller Sorgen und herzliche Grüße aus dem Karmel.