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Karlspreisverleihung 2026:„Europa, du musst wissen, wer du bist und was du willst!“

Bischof Dieser würdigt Draghi als Mahner und Macher – klare Kritik an Weltmächten, Appell für ein handlungs- und dialogfähiges Europa.
Bischof Helmut Dieser
Datum:
Do. 14. Mai 2026
Von:
Abteilung Kommunikation

Aachen. Der Bischof von Aachen, Dr. Helmut Dieser, hat den neuen Karlspreisträger Mario Draghi als Mahner, Vordenker und Macher für Europa gewürdigt. Beim Festhochamt vor der Verleihung des Internationalen Karlspreises fand der Bischof am Himmelfahrtstag im Aachener Dom auch klare Worte zu den aktuellen “Machern” des Weltgeschehens.
Den Preisträger lobte er in seiner Predigt unter anderem für seine Weitsicht. „Sie stehen genau dafür, dass Europa neu zu wissen begreift, wohin es will, und den Wind dazu nutzt, egal woher er kommt“, hob der Bischof hervor. „Europa hat keinen Mangel an Werten, aber an Entschiedenheit für seine Werte und deshalb an Tempo und Konsequenz! Es braucht dringend Macher wie Sie, lieber Preisträger, Mahner und Vordenker!“  

„Sie haben das gesamte Europäische Projekt wieder flottgemacht und vorwärtsgebracht!“ 
Der Steuermann eines Segelschiffes müsse wissen, wohin er fahren wolle, und den Wind dazu ausnutzen, egal woher er wehe, betonte Dieser in seiner Ansprache. „Heute erhält unser Preisträger, Herr Prof. Mario Draghi, den Internationalen Karlspreis, weil er genau das für Europa und für sein Heimatland Italien in meisterhafter Weise getan hat und weiterhin tut“, lobte der Bischof. Wie das Karlspreisdirektorium in der Begründung der Preisverleihung an Draghi unterstrichen habe, gehe der Preis an einen „mutigen Entscheider und Macher“, der gerade dann Mut bewiesen habe, als der Wind der Öffentlichkeit und der anderen politischen Kräfte nicht nur ungünstig, sondern widrig, ja alles in Gefahr bringend gewesen sei. „Gegen den Wind haben Sie, lieber Preisträger, den Euro und die gesamte Europäische Integration durch die Anstrengung gemeinsamer Wirtschaftskraft gerettet und damit das gesamte Europäische Projekt inklusive Ihres Heimatlandes Italien als Gründungsmitglied und als unverzichtbaren Partner wieder flottgemacht und vorwärtsgebracht“, unterstrich Dieser die Verdienste des Preisträgers. „Und mit dem sogenannten Draghi-Report, den Sie im September 2024 vorgelegt haben, stehen Sie auch für die nächste schicksalhafte Ertüchtigung und kräftige Vorwärtsbewegung Europas ein, die wiederum mit und gegen den Wind aus Russland, aus China, ja auch aus Amerika unbedingt vorangebracht werden muss!“  - „Whatever it takes!“, so laute das mit einem berühmten Ausspruch aus Draghis eigenem Mund.

Scharfe Kritik an den “großen Machern” in der Welt
Ohne Namen zu nennen, ging der Bischof anschließend auf die “großen Macher” in der Welt oder solche, die sich gerne selber so sähen, ein. „Der Eine hält einen Angriffskrieg am Laufen, der Menschenleben in unvorstellbarer Zahl auffrisst mit unsäglichem Leid und die wirtschaftliche Grundlage des angegriffenen, aber auch seines eigenen Landes auf Jahre hin ruiniert“, kritisierte Dieser scharf.  „Ein anderer segelt schon lange geschickt mit den Winden, die andere erzeugen, und baut sein eigenes Land immer stärker zur aggressiven Weltmacht aus, die die eigene Bevölkerung minutiös überwacht und gängelt und, wo immer möglich, andere von sich abhängig macht“, prangerte er an. „Und der, der bis zum Überdruss der Erste und Größte der ihm noch Geneigten sein will, gebärdet sich zum unstetigsten und chaotischsten aller drei und reißt die gesamte westliche Reputation von Völkerrecht, regelbasiertem Handeln und multilateraler Verständigung und Friedensfähigkeit mit seinem eigenen Ansehen hinab in den Abgrund seiner eigenen Eitelkeiten und Unverschämtheiten“, charakterisierte der Bischof. „Mit Papst Leo möchte ich sagen: Europa muss aufhören, vor dieser Regierung Angst zu haben!“ Vielmehr gelte: Europa müsse wissen, wohin es wolle und wie es vorankomme - „auch mit und gegen diesen Wind aus der chaotischsten Regierung des Westens überhaupt!“, so Dieser. „Europa braucht eine neue wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit als Grundlage für politische Unabhängigkeit, als Voraussetzung für eine eigene Verteidigungsfähigkeit und als Bedingung für europäische Freiheit in Vielfalt und Integrationskraft und Vertrauen in die Zukunft.“ 
Einer der Werte und Stärken Europas ist nach Ansicht Diesers die immer durchzuhaltende geistlich-geistige Trennung von Staat und Kirche, von politisch-weltlichen Zielen und geistlich-geistigen Hoffnungen auf Vollendung und Allgeltung. All das stecke in der Tiefe zwischen dem hitzigen weltpolitischen Disput zwischen Papst und Präsident, den man vor kurzem habe erleben können, fügte der Bischof hinzu.  

“Es braucht unbedingt den Glauben an die Grenzen eigener Macht.”
Im weiteren Verlauf seiner Predigt führte Dieser aus, dass ein Macher, der nicht Chaos und unlenkbare Gewaltspiralen auslösen wolle, unbedingt den Glauben an die Grenzen seiner Macht brauche, zugleich aber auch eine Hoffnung auf ein Jenseits seines Machens, das von Rechenschaft, Verantwortungsbereitschaft gegenüber Gott und dem unverzichtbaren Anerkennen des Beitrages der Anderen lebe. „Nicht für sich selbst, sondern für das Wohl aller soll der Macher stark sein“, mahnte der Bischof. „Und das Wohl aller liegt in noch mehr als in politischer Stabilität und wirtschaftlicher Wohlfahrt. Es liegt auch in der Hoffnung auf die höhere Macht Gottes, die nie nur den eigenen Zielen und nie nur den eigenen Leuten oder den Gleichgesinnten gilt, sondern immer allen.“  
Europa kenne diese Hoffnung aus dem Evangelium. So sage das Fest Christi Himmelfahrt, dass Christus auf den Platz zur Rechten Gottes erhoben sei, also der Mensch, der von Gott gekommen sei und das Chaos aller Weltmächte und Einzelindividuen in das Scheitern und Sterben seiner Kreuzigung hineingetragen habe. Unbegrenzbare Hoffnung aber komme aus der Verkündigung der Auferstehung dieses Gekreuzigten. Trennung von Kirche und Staat bei gleichzeitiger Religionsfreiheit, unantastbare Würde und Freiheit des einzelnen Menschen, Schutz des Lebens als Grundauftrag des Staates in einem freiheitlichen Rechtsstaat und das Gebot der Friedfertigkeit der Staaten untereinander, die Idee des Gemeinwohls, zu dem alle im Gemeinwesen beizutragen hätten, das allen zugutekomme, das aber niemand für sich allein ausbeuten dürfe: Alle diese zivilisatorischen Errungenschaften Europas werden nach Ansicht Diesers durch das Evangelium in ihrem Gewicht befördert und nicht etwa geschwächt oder relativiert. 

„Wir brauchen politische Macher, die Europa weltweit handlungs-, verteidigungs- und dialogfähig machen”
Der Bischof erinnerte in seiner Predigt auch an Karl den Großen, unter dem der Auftrag, das Evangelium zu verkünden und die Menschen aller Völker zu taufen, zu einer ersten kreativen Integration Europas geführt habe, die bis heute wirksam sei. Und die weltweite Ausdehnung der Kirche und damit des Evangeliums heute könne in allen Teilen der Welt in ähnlich integrativer Weise wirken wie auf unserem Kontinent. „Doch es bleibt dabei: Europa, du musst wissen, wer du bist und was du willst! Dann kannst du wirksam handeln!“, hob Dieser mit Nachdruck hervor.  Die geistliche Vollmacht des auferstandenen Christus, die Macht und Stärke seines Evangeliums begrenzten die Allmachtsversuchungen aller seiner politisch Handelnden, und zugleich frischten sie den Wind auf zu immer neuen Veränderungen für mehr Menschlichkeit, für mehr Verständigungsanstrengungen und Integration, für größere Dialogfähigkeit weltweit, so dass die Geschwisterlichkeit aller Menschen vor diesem Gott erfahrbar werde. Die Frage sei, ob wir in Europa weiter Ursprungskontinent dafür sein wollten, für diese Werte des Evangeliums, die jedem Gemeinwesen und seinen Individuen gleichermaßen zugutekämen. „Dann brauchen wir zweierlei: Menschen, die an das Evangelium Jesu Christi glauben, und politische Macher, die Europa als ein solches Original weltweit handlungs-, verteidigungs- und dialogfähig machen“, forderte der Bischof abschließend. „Macher also wie unser diesjähriger Preisträger, die ihre Kraft und Stärke auch aus der Hoffnung auf den schöpfen, den Gott als Ersten aller Menschen auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat.“