Pflegenotstand Deutschland:„Bingo, Pisspott, Waschlappen – mehr ist das nicht?“
Aachen. Der Pflegenotstand in Deutschland ist nach den Worten der Bundestagsabgeordneten Claudia Moll kein überraschendes Phänomen, sondern das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse. „Der Pflegenotstand war schon da, nur ist diese Erkenntnis außerhalb des Systems lange Zeit nicht angekommen“, sagt die examinierte Altenpflegerin und ehemalige Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung im Interview mit der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen. Sie fordert mehr politische Entschlossenheit, eine gerechtere Finanzierung und deutlich mehr gesellschaftliche Anerkennung für Pflegeberufe und pflegende Angehörige.
Besonders eindringlich warnt die SPD-Politikerin vor einer Überlastung der Familien. „Sie sind der größte Pflegedienst, den wir haben. Wenn uns das zusammenbricht, bricht das ganze System zusammen.“ Politik dürfe nicht länger voraussetzen, dass Angehörige die Versorgung selbstverständlich übernehmen könnten.
Solidarischere Finanzierung
Kritisch sieht Moll auch den gesellschaftlichen Blick auf Pflege. Aussagen wie „Pflegen kann jeder“ würden dem Beruf bis heute nicht gerecht. „Bingo, Pisspott, Waschlappen – mehr ist das nicht?“, beschreibt sie ihre Reaktion auf frühere Äußerungen, die den Pflegeberuf auf einfache Tätigkeiten reduzierten. Pflege bedeute Verantwortung, Fachwissen und hohe Professionalität.
Als Ausweg fordert Moll eine solidarischere Finanzierung der Pflege, den weiteren Abbau bürokratischer Hürden und mehr Unterstützung für pflegende Angehörige. Gleichzeitig müsse das Netz niedrigschwelliger Hilfsangebote gestärkt werden – von Nachbarschaftshilfe über Begegnungsangebote bis hin zu ehrenamtlichen Initiativen, die vielerorts von den Kirchen getragen werden.
„Wir brauchen mehr Köpfe, mehr Menschen und mehr Ideen“, sagt Moll. Ihr Appell an Politik und Gesellschaft: „Wir sollten uns alle ein bisschen mehr um alle kümmern.“