Interview:Bernd Mathieu: „Kirche muss politisch sein!“

Aachen. Journalismus braucht mehr denn je gründliche Recherche, Faktenchecks und eine klare Trennung von Berichterstattung und Meinung. Davon ist Bernd Mathieu, langjähriger Chefredakteur der Aachener Zeitung, überzeugt. In der Jubiläumsausgabe "Was uns trägt - 80 Jahre Kirchenzeitung für das Bistum Aachen" warnt er vor einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung und der Macht von Desinformation. Zugleich sieht er Journalisten als wichtige Vermittler zwischen Politik und Gesellschaft. Auch die Kirche müsse sich stärker in den Alltag der Menschen einbringen, politisch Stellung beziehen und durch glaubwürdige Persönlichkeiten zeigen, was sie für die Gesellschaft leistet.
„Gründlicher Journalismus ist immer besser als schneller“, sagt Bernd Mathieu. Journalismus habe für ihn vor allem die Aufgabe, Menschen umfassend und objektiv zu informieren, damit sie sich eine eigene Meinung bilden könnten. Unterschiedliche Positionen müssten sichtbar werden. Dabei habe sich der Beruf durch Digitalisierung und soziale Medien grundlegend verändert. Junge Journalistinnen und Journalisten müssten heute nicht nur recherchieren und schreiben können, sondern auch mit Daten und Künstlicher Intelligenz umgehen, Podcasts und Videos produzieren und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.
Herausforderung für die Demokratie
Die Vielzahl digitaler Informationsquellen sieht Mathieu zugleich als Herausforderung für die Demokratie. Immer mehr Menschen fühlten sich von Politik und Gesellschaft abgehängt und hätten den Eindruck, weder gehört noch beteiligt zu werden. Journalismus müsse deshalb genauer hinschauen, wo soziale Probleme entstünden, und eine Vermittlerrolle zwischen politischen Entscheidern und Bürgerinnen und Bürgern übernehmen. „Journalismus ist zu einem großen Teil die Moderation gesellschaftlicher Phänomene, Zusammenhänge und Herausforderungen“, sagt er.
In dieser gesellschaftlichen Vermittlungsarbeit sieht Mathieu auch eine Aufgabe der Kirche. Sie müsse „politisch sein – nicht parteipolitisch, aber politisch“. Wenn sie für Menschenwürde und Menschenrechte eintrete und sich für Minderheiten und Schwache einsetze, müsse sie sich stärker in den Alltag der Menschen einbringen. Dabei komme es nicht allein auf Inhalte, sondern auch auf glaubwürdige und authentische Persönlichkeiten an. Als Beispiel nennt Mathieu einen Priester aus Baesweiler, der auf dem Wochenmarkt, bei Gottesdiensten und im Kontakt mit jungen Menschen präsent sei.
Positiv hebt Mathieu die Entwicklung der Kirchenzeitung hervor. Er sehe dort ein breites Meinungsspektrum und eine große thematische Vielfalt – von der Generation Z über queere Menschen bis hin zu Politik, Kultur und regionalen Themen. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen Kirche vor allem mit Missbrauch, Hierarchie oder Bürokratie verbänden, müsse die Kirche stärker sichtbar machen, was sie gesellschaftlich leiste – etwa in Krankenhäusern, der Pflege sowie in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und psychisch kranken Menschen.
Mehr Bildung Im Umgang mit digitalen Informationen
Das Leitwort „Was uns trägt“ anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Kirchenzeitung verbindet Mathieu mit der Frage, was eine demokratische Gesellschaft zusammenhält. Eine zentrale Rolle spielten für ihn die vielen ehrenamtlich engagierten Menschen. Gleichzeitig brauche es mehr Bildung im Umgang mit digitalen Informationen, Social Media und Künstlicher Intelligenz. Schulen müssten stärker vermitteln, wie man recherchiert und Desinformation erkennt.
Seinen Rat an junge Journalistinnen und Journalisten fasst Mathieu in drei Punkten zusammen: möglichst viele unterschiedliche Menschen kennenlernen, eine gesunde Skepsis bewahren und konsequent Fakten prüfen. Entscheidend sei außerdem, differenziert zu denken und Berichterstattung und Meinung zu trennen. Am Ende komme es darauf an, eine große Vielfalt an Quellen, Kontakten und Netzwerken aufzubauen und Nähe zu den Leserinnen und Lesern zu entwickeln. „Alle Menschen in diesem breiten Spektrum muss man gleich ernst nehmen. Sie sind es wert.“
Journalist, Ehrenamtler, Familienmensch
Bernd Mathieu ist auch im Ruhestand journalistisch aktiv und betreibt einen eigenen Blog (Media Mathieu). Als Aufsichtsratsvorsitzender der Medienakademie ProContent in Essen engagiert er sich in der journalistischen Nachwuchsförderung und ist Honorarprofessor an der FH Aachen. Er ist Kuratoriumsvorsitzender der Katholischen Stiftung Marienhospital Aachen und Vorsitzender des Rotary Club Aachen Hilfsfonds e.V. mit dem aktuellen Schwerpunkt Förderung von Jugendprojekten (Initiative „Jungsein in Aachen“) Mathieu reist gerne und ist als fünffacher Großvater „gut beschäftigt“.