CORONA LIVE

Folge 7 des Blogs "WELTEN - SPRÜNGE. Eifel, Amazonas und zurück" von Friederike Peters

Afrofrauen in Coca (c) Friederike Peters
Afrofrauen in Coca
Datum:
So 15. Nov 2020
Von:
Friederike Peters

Während ich mir im Eifelherbst eine heiße Schokolade aus ecuadorianischem Bio-Kakao mit Amazonas-Zimt koche, denke ich an eine Begebenheit im Bildungshaus der AfroecuadorianerInnen in der Stadt Ibarra, im Bergland von Ecuador.

Sozialarbeiterinnen am Napofluss - Corona live (c) Friederike Peters
Sozialarbeiterinnen am Napofluss - Corona live

Mit meiner Afrokollegin, die das Haus leitet, haben wir gerade eine Versammlung beendet, natürlich - wie immer - mit einem gemeinsamen Abendessen. Natürlich und wie immer gab es Hähnchenschenkel, DIE Lieblingsspeise der Frauen. Einige Frauen helfen uns beim Aufräumen und Spülen. Schon beim Zusammenräumen der Teller spüre ich, wie Unruhe und Spannung aufkommt. Die Hähnchenknochen müssen alle zusammen in eine Schüssel gepackt und an die Seite gestellt werden. "Du hast letztes Mal die Knochen mitgenommen. Heute bin ich dran! Du weißt, ich brauch sie für die Hunde!", sagt Nela zu Mayra. "Nein!!! Heute ist zuerst Alba dran; frag Feli, die hat die Liste. Da haben wir das genau aufgeteilt!!!" - "Ja, du warst dieses Jahr schon zweimal dran!", bestätigt Alba. Der Ton wird immer lauter und schärfer bis Feli die Liste rausholt und nachsieht.

Merkwürdig, warum gibt es darüber solchen Streit? Als alle gegangen sind, frage ich meine Kollegin Feli. Weil die Knochen, bevor sie den Hunden gegeben werden, als erstes einmal eine leckere Hühnersuppe für die ganze Familie bedeuten, erklärt sie mir. Kinder und Verwandte haben seit Tagen oder Wochen kein Fleisch gesehen, vielleicht eine Mahlzeit aus Bananen und Maniok am Tag. An dem Tag kann ich mit Händen greifen, was Hunger bedeutet - - -

Die Mütter sind Hausangestellte oder Tagelöhnerinnen, die Väter oft unterwegs im ganzen Land, um irgendwo Arbeit zu finden und irgendwann Geld nach Hause zu schicken. Viele AfroecuadorianerInnen sind auf ihrer Suche in Coca gelandet, DER großen Erdölstadt im Amazonasgebiet. Aber die Erdölindustrie braucht keine Tagelöhner. Die illegalen Goldschürfkompanien hier nehmen die verzweifelten Männer jedoch gerne. Sie dringen in Naporunaland ein, packen Naporunaerde in Säcke und schaffen sie weg, zur Goldwäsche in illegale Lager. Der Goldpreis ist auf unermessliche Höhen gestiegen, das ist jedes Risiko wert. Da bleibt auch Geld, den ein oder anderen zum Schweigen zu bringen. Die Afroecuadorianer sind die Lastenträger im Geschäft, 12 bis 17 Euro am Tag. Für 31 Gramm Gold (so schwer wie 1/3 einer Schokotafel) bekommt der Broker an der Börse in New York 1625 Euro. Den Naporuna verschwindet der Boden unter den Füßen - - -

Alles ist möglich - denn wir leben in Zeiten von Corona. Da sind die Autoritäten mit anderen Dingen beschäftigt. Der Staat ist pleite, Angestellte im öffentlichen Dienst, Lehrer, Ärzte, Krankenpflegerinnen ohne Lohn, Fabrikarbeiter entlassen, Märkte teilweise geschlossen. Immer mehr Menschen sind wieder und weiter auf den Straßen unterwegs, mit und ohne Mundschutz. Sie suchen Arbeit und Essen - täglich.

"Hier sterben wir am Coronavirus oder am Coronahunger!!!"