Religion keine Begründung für Gewalt und Krieg:„Religion geht kaputt, wenn sie nur in der Hand von Menschen liegt“

- Bischof Dr. Helmut Dieser ruft zur Umkehr, Verantwortung und Hoffnung auf
- Religion keine Begründung für Gewalt und Krieg
- Glaube verankert sich nicht in Ideologie und Parteilichkeit
- Ostern eine Botschaft der Verwandlung
Aachen. In der Osternacht deutet Bischof Dr. Helmut Dieser die Osterbotschaft als geistliche und gesellschaftliche Kraft, die Menschen aus Dunkelheit, Zynismus und Gleichgültigkeit herausführen kann. Ausgehend vom Osterfeuer und der Weitergabe des Lichts erinnerte er daran, dass der Ursprung dieses Feuers nicht beim Menschen liegt: „Dass ich schon brenne, ist ein Zeichen dafür, dass das Osterfeuer nicht von euch, sondern von Gott ausgeht.“
Ob ein uralter Ritus wie die Osternacht heute noch wirklich verwandeln könne? Der Bischof antwortet darauf mit einem klaren Ja. Gerade in einer Zeit, in der Krieg, politische Gewalt, digitale Entwürdigung und gesellschaftliche Spaltung den Alltag prägen, sei die Botschaft von Ostern keine bloße Tradition, sondern eine lebensverändernde Hoffnung. Mit Blick auf die Lage in der Ukraine, auf die Gewalt im Nahen Osten und auf die Zersetzung öffentlicher Sprache durch soziale Medien sprach Dieser von einer Welt, in der „die Dunkelheit immer mehr von Herz zu Herz, von Land zu Land“ greife.
Bischof Dieser verwies darauf, dass der russische Aggressionswille ungebrochen sei. „Unschuldige Menschen sterben und sterben.“
Sorgen bereitet ihm, dass Europa immer wieder angegriffen und in Frage gestellt werde. „Von außen, aber auch von den Zweiflern und Kritikern im Inneren.“
Klare Worte findet er gegenüber dem Krieg im Nahen Osten. Die Religion werde missbraucht, um Gewalt und Krieg zu begründen. Im Iran und von den Islamisten, aber auch in manchen Kreisen Amerikas und Israels. Die Religion gehe kaputt, wenn sie allein in den Händen der Menschen läge, so der Bischof.
Kritisch beleuchtete er auch die Fehlentwicklung der vermeintlich Sozialen Medien. „In der digitalen Welt sind die Sozialen Medien alles andere als ein Hort von Aufklärung, Demokratisierung des Wissens und von Meinungsfreiheit, sondern sie entwickeln sich zu einem Raum von Zivilisationsverlust, Gesetzlosigkeit, Gewaltverbreitung und nie endender Lüge, Schmutz und Verfremdung. Unsere Gesellschaft ringt um die Eindämmung von deep fakes und entwürdigender Pornographie. Und sie ringt mit der Frage, wie wir Kinder und Jugendliche davor schützen und Schäden in ihrer Gehirnentwicklung, in der Sprach- und Kommunikationsfähigkeit und durch neue Süchte verhindern können.“
Von der Dunkelheit ins Licht. Will das alte Ritual uns nur ablenken? Die drei jungen Erwachsenen, die in der Osternacht getauft, gefirmt und erstmals zur Heiligen Kommunion geführt wurden, würdigte der Bischof, in dem er auf Ihren freien Willen hinwies. Ihr Schritt sei ein Ausdruck bewusster Entscheidung und kein bloß privates religiöses Geschehen. „Sie haben entdeckt, dass der Glaube etwas Anderes aufmacht“, sagte der Bischof. Er eröffne „eine andere Einschätzung, einen anderen Blick auf die Welt und das eigene Leben“ und verankere nicht in parteilichen oder ideologischen Lagern, sondern „an das Zentrum von allem, an den Sinn der Welt, an die Hoffnung für die gesamte Wirklichkeit“.
Bischof Dieser betonte, dass im Osterereignis ein echter Perspektivwechsel angelegt sei. Die biblische Botschaft von Ostern sei eine Botschaft der Verwandlung: Gott selbst nehme „das Herz von Stein“ aus der Brust des Menschen und gebe „ein neues Herz und einen neuen Geist“. Das leere Grab, der Engel und die Frauen am Ostermorgen zeigten, dass die Macht des Todes nicht das letzte Wort habe. Der Auferstandene selbst rufe den Glaubenden zu: „Fürchtet euch nicht!“ und sende sie in die Welt zurück.
Besonders nachdrücklich wandte sich der Bischof gegen die Vorstellung, Glaube sei eine reine Privatsache. „Dieser Glaube ist nichts rein Privates“, sagte er ausdrücklich. Wer sich zu Christus hin umdrehe, könne ihm begegnen und werde in die Gemeinschaft der Glaubenden hineingenommen. Die Kirche sei „katholisch, also offen für alle, sie ist heilig und sie ist über sich hinausschreitend, also apostolisch“. In dieser Gemeinschaft wirke Gott selbst weiter an der Rettung der Welt.
Aus der Osterbotschaft leitete der Bischof konkrete Konsequenzen für Gesellschaft und persönliches Leben ab. Der Glaube habe die Kraft, „dass wir nicht zynisch werden“, dass wir „nicht lahm und gleichgültig uns zurückziehen“, sondern „trotz der Übergröße der Probleme konkret Gutes tun für andere Menschen“. Ebenso ermutigte er zum Gebet für politische, mediale, militärische und ökonomische Verantwortungsträgerinnen und -träger und zu einer Sprache, die nicht verroht und nicht entwürdigt. Wer sich zum Auferstandenen umdrehe, so der Bischof, könne „anders reden“ und sich gegen Gewaltlogik, Verfremdung und Lüge stellen.
Die Taufentscheidung deutete er schließlich als Absage an jede Verführung durch das Böse und als Bekenntnis zum dreieinigen Gott. In der Taufe und im gemeinsamen Glaubensbekenntnis wirke der Heilige Geist weiter und mache das Leben heilig für Gott und die Gemeinschaft der Heiligen. Die Osternacht sei deshalb nicht nur ein feierlicher liturgischer Moment, sondern ein Aufruf, die eigene Existenz neu auf Christus auszurichten: „Vollziehen wir das Wunder der Umkehr zu Jesus, dann werden wir gerettet und retten andere.“