Interview mit Dr. Annette Jantzen zu ihrem neuen Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“:„Ich stelle fest, dass Frauen großflächig unsichtbar gemacht wurden“

Wie entstand die Idee zu diesem Buch?
Die Idee kam von meiner Lektorin. Sie schlug nach einem Weihnachtsbuch vor, etwas zur Leseordnung zu machen. Zuerst zögerte ich, weil ich dachte, das sei ein zu spezielles Thema. Aber dann stellte ich durch Zufall fest, dass in der Geschichte von Hagar – einer sehr verletzlichen, versklavten und schwangeren Frau – ihre zentrale Gotteserfahrung „Du bist der Gott, der mich sieht“ in der Werktagslesung einfach rausgestrichen wurde. Das hat mich so fassungslos gemacht, dass ich beschlossen habe, mir das System der Leseordnung genau anzusehen. Ich habe das ganze letzte Jahr kontinuierlich daran gearbeitet.
Was hat Sie neben der Geschichte von Hagar noch beschäftigt?
Vor allem die schiere Masse. Es ist im Grunde ein Buch über alle biblischen Frauen, außer Maria von Nazareth, die von der katholischen Leseordnung diskriminiert werden. Es gibt mehr als 60 Frauen mit einer eigenen Geschichte im Alten Testament. Davon kommen an den Sonntagen im Laufe von drei Jahren gerade einmal zweieinhalb Frauen vor. An Werktagen sind es 20, was immer noch keine gute Ausbeute ist.
Oft fehlen die wichtigsten Sätze oder die Enden tragischer Geschichten, wodurch die Erinnerung an diese Frauen getilgt wird. Ein Beispiel ist Miriam: Sie wird nur an einer schwierigen Stelle erwähnt, wo sie bestraft wird. Aber dass sie das Volk durch das Rote Meer führte, kommt nie vor. In der Gesamtmenge ist das ein Desaster.
Könnte man sagen, das ist der rein männliche Blick auf die Liturgie?
Ich habe die Motive der Kommission, die die Leseordnung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erstellt hat, nicht untersucht. Aber ich stelle fest, dass Frauen großflächig unsichtbar gemacht wurden. Viele Menschen wissen gar nicht, dass im Gottesdienst nur eine Auswahl aus dem sogenannten Lektionar und nicht die vollständige Bibel gelesen wird. Das Tragische ist, dass die Leseordnung eine enorme Macht hat. Sie prägt die Spiritualität von Priestern und Gläubigen. Wer nur die Leseordnung kennt, erlebt Frauen zwangsläufig als Randfiguren. Sogar das Buch Rut, das aus Frauensicht geschrieben ist, wird so zusammengestückelt, dass am Ende der Mann als Hauptakteur erscheint.
Sind Sie die einzige Theologin, der das aufgefallen ist? Gab es Austausch mit anderen?
Ich habe dazu kaum Literatur gefunden, die die feministische Exegese direkt mit der Leseordnung verknüpft. Es gab eine Vorarbeit einer US-amerikanischen Benediktinerin, Ruth Fox, aus den 90er Jahren, auf die ich zurückgegriffen habe. Aber eine systematische Untersuchung für die ganze Bibel und die ganze Leseordnung gab es bisher wohl nicht.
Was bedeutet das für die Darstellung der Männer?
Wenn Frauen gestrichen werden, fehlen oft auch die sozialen Bezüge der Männer. Sie werden zu „einsamen Helden“ stilisiert, was dem biblischen Realismus widerspricht. Bei Figuren wie Abraham oder David werden durch die Kürzungen auch dunkle Seiten oder Machtmissbrauch ausgeblendet. Das schadet auch den Männern, weil ihnen Vorbilder vorenthalten werden, die fehlbar sind.
Welche Rückmeldungen bekommen Sie zu Ihrem Buch?
Oft ist es großes Staunen. Wenn ich bei Lesungen die Texte zeige, was alles rausgestrichen wurde, bleibt den Besucherinnen und Besuchern der Mund offenstehen. Eine Ordensschwester reagierte zum Beispiel sehr emotional, als sie von der Prophetin Hulda hörte, die sie in 40 Jahren Klosterleben nie in der Liturgie wahrgenommen hatte. Sie fühlte sich um etwas betrogen.
Wie geht es jetzt weiter? Werden Sie in die Archive gehen und die Motive der Kommission untersuchen?
Archivarbeit ist zeitaufwendig und teuer. Ohne Forschungsfinanzierung ist das schwierig. Ich würde es aber heutigen Promovierenden gönnen, das Thema kirchenhistorisch in Rom zu untersuchen.
Ist die Leseordnung denn überhaupt änderbar?
Alles ist veränderbar, aber in der katholischen Kirche ist das ein extrem langsamer Prozess. Die aktuelle Ordnung wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil festgelegt. Es wäre klug gewesen, sie bei der Einführung der neuen Einheitsübersetzung zu überarbeiten, aber das ist nicht passiert. Da wird sich in den nächsten 30 bis 40 Jahren nichts ändern. Es stellt sich die Frage, was man höher schätzt: die Bibel oder die Leseordnung.
Ein kurzer Blick in den „Maschinenraum“: Wie sind Sie methodisch vorgegangen?
Ich bin durch den gesamten biblischen Text gegangen, habe die Frauenfiguren identifiziert und dann in den Schriftstellenverzeichnissen der Lektionare geprüft, ob und in welchem Ausschnitt sie vorkommen. Im Neuen Testament habe ich mir alle Evangelienstellen als Synopse aufgeschrieben. Dabei fiel auf, dass Frauengeschichten oft in „Kurzfassungen“ der Lesungen wegfallen, zum Beispiel die Prophetin Hanna bei der Darstellung Jesu oder die Frau mit den Blutungen. Auch zentrale Stellen wie die Salbung Jesu durch eine Frau werden in der Leseordnung oft so gewählt, dass die Frau als „Sünderin“ erscheint oder ihr Gedenken, das Jesus ausdrücklich fordert, gar nicht vorkommt. Sogar Phöbe, die als Gemeindeleiterin und Diakonin im Römerbrief erwähnt wird, fehlt in der Lesung.
Planen Sie einen zweiten Band?
Man kann immer noch mehr herausfinden, aber das Buch ist schon ein großer Aufschlag, da es alle biblischen Frauen mit einer Geschichte behandelt. Mein Ziel ist es nicht, die Debatte zu beenden oder eine Kampfansage zu machen, sondern dazu einzuladen, das „größere Bild“ zu sehen. Wenn Menschen dadurch wieder mehr zur Bibel greifen oder in ihren Gemeinden darüber diskutieren, was sie noch nie gehört haben, fände ich das großartig.