Perspektivwechsel

Impuls für Oktober von Sr. Waltraud Schulte PIJ, Aachen

Sr. Waltraud Schulte PIJ (c) privat
Sr. Waltraud Schulte PIJ
Di 24. Sep 2019
Ordensbüro

Nein, beim Bistumsprozess ‚heute bei dir‘ bin ich nicht aktiv. Ich gehöre weder haupt- noch ehrenamtlich irgendeiner der prozessbeteiligten Gruppen an, weder analysiere, evaluiere noch dokumentiere ich Prozessbezogenes. Vielleicht jedoch ist es umgekehrt für mich richtig: nicht ich bin aktiv an diesem Prozess beteiligt, sondern ein Prozess wirkt aktiv in mir. Also doch „zachäusinfiziert“?

An einem Morgen Anfang Juni stiegen viele Schulkinder und ich aus dem Bus. Ich hatte nicht bemerkt, dass eine Schülerin hinter mir her gelaufen war. Sie sprach mich an und fragte, ob sie mir 20,00 € schenken dürfe. Auf mein verblüfftes Warum antwortete sie, dass sie und ihre Familie als Muslime das Zuckerfest, das Ende des Fastenmonats Ramadan, feierten. Zum Zuckerfest gehöre es auch, Almosen zu geben. Sie wolle es mir geben. Ich nahm es an und fragte, ob ich das Almosen weitergeben dürfe. Sie nickte.

Es dauerte nicht lange, und ich traf einen Mann, den ich hin und wieder bettelnd vor einem Supermarkt sitzen gesehen hatte. Ihm gab ich die 20,00 € und sagte, dass ich das Geld geschenkt bekommen hatte und es ihm geben wolle. Hocherfreut nahm er die Spende, bedankte sich und sagte, dass er Buddhist sei. Jeder Mensch erhalte das, was er zum Leben brauche.

Diese muslimisch-christlich-buddhistische Begegnungskette auf meinem kurzen Weg von der Bushaltestelle bis zu meiner Wohnung beschäftigt mich noch immer. Unter den vielen Gedanken, die mir kamen, ließ mich ein Gedanke unserer Ordensgründerin Clara Fey aufhorchen. 1846 sagt sie in ihrer Betrachtung zu Lukas 19,5: „… Gleich einer Leiter bedientest du dich der Geschöpfe, um meiner ansichtig zu werden…“. Hier geschieht ein Perspektivwechsel. Ich muss nicht wie Zachäus auf einen Baum klettern, um über die Menschen hinweg Jesus zu sehen, sondern im Gegenteil, ER sucht die Begegnung mit mir auf meinem alltäglichen Menschen-Weg. Seine Sprache ist die der Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion. Lernen und immer besser verstehen kann ich diese neue Sprache, wenn ich mich offen und aufmerksam von Menschen-Weg-Begegnungen berühren lasse.

Sr. Waltraud Schulte PIJ