Wandel wagen

Der 5. ökumenischer Pilgerweg hat Denkanstöße gegeben

Pilgerweg Nachricht (c) Andrea Thomas
Pilgerweg Nachricht
Di 20. Mär 2018
Andrea Thomas
Der alle zwei Jahre stattfindende ökumenische Pilgerweg für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist für viele Christen aus der Region und darüber hinaus zu einem festen Termin geworden.
Pilgerweg (c) Andrea Thomas
Pilgerweg

„Neues will wachsen! – Auf den Spuren des Strukturwandels“ hatte das überkonfessionelle Organisationsteam den Weg in diesem Jahr überschrieben. Der ging erstmals nicht rund um Aachen, sondern von Alsdorf nach Herzogenrath sowie über die Grenze in die niederländische Abtei Rolduc.

 

Annaplatz Alsdorf: Strukturwandel

Neues will wachsen, das heißt auch, Dingen erst einmal eine Chance geben. So wie die immerhin knapp 80 Pilgerinnen und Pilger, die sich trotz unfreundlich nasskalten Spätwinterwetters unterhalb des Fördergerüsts auf dem ehemaligen Gelände der 1992 stillgelegten Zeche Anna im heutigen Annapark versammelt haben. Der Steinkohlenbergbau hat Alsdorf geprägt. Auch 25 Jahre später sind seine Spuren deutlich zu erkennen, in den noch erhaltenen alten Grubengebäuden wie dem Langhaus oder dem Fördermaschinenhaus, dem markanten Fördergerüst des Hauptschachtes, aber auch in den „Alsdorfer Alpen“ wie die umliegenden Halden liebevoll genannt werden. Doch ist auch Neues entstanden: das „Energeticon“ als Museum und Kulturort, das Wohngebiet Annapark, ein modernes Kultur- und Bildungszentrum, indem unter anderem Gymnasium und Realschule untergebracht sind. Auf den Traditionen der Bergleute, die zueinander standen unabhängig von Herkunft und Religion, ist eine Stadt gewachsen, in der Menschen verschiedener Nationalitäten den Wandel gemeinsam zu gestalten suchen und sich um ein friedliches und tolerantes Miteinander bemühen, wie Alsdorfs Bürgermeister Alfred Sonders erklärt. Gedanken, die Superintendent Hans-Peter Bruckhoff, Pfarrer Andreas Mauritz, Leiter der Pfarrei St. Jakob Aachen und ehemaliger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Aachen. sowie Bischof Evmenios von Lefka bei der Aussendung aufgreifen. Gottvertrauen bahne den Weg aus den Sackgassen der Menschen heute. Jetzt sei die Zeit „unserer Friedenssehnsucht mehr zuzutrauen als aller Kriegstreiberei und allen Hassreden“, betont Bruckhoff in seiner Predigt. Dazu bedarf es auch unserer Bereitschaft zum Wandel bestehender (Denk-)Strukturen.

 

Parkplatz im Broichbachtal: Frieden stiften

Die erste Statio im Broichbachtal zwischen Alsdorf und Herzogenrath steht unter dem Stichwort „Frieden“. Was können wir zum Frieden beitragen, da, wo wir leben? Dazu haben sich Daniel Dammers, Leiter der Kleinen Offenen Tür St. Castor und zwei der dort ehrenamtlich tätigen Jugendlichen Gedanken gemacht: Jedem Menschen mit Respekt begegnen, niemanden vorverurteilen, in Konfliktsituationen beiden Seiten zuhören, sich gegen Diskriminierung jeder Art und egal aus welcher Ecke positionieren, sachlich und mit Argumenten. Oder, wie es im Gebet der Vereinten Nationen heißt: „Unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe und Weltanschauung. (…) Damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen Mensch tragen.“

 

Marienkapelle Noppenberg: Bewahrung der Schöpfung

Auch die Natur unterliegt dem ständigen Wandel. So kündigt sich im Broichbachtal zwischen dem Schnee mit Schneeglöckchen und Weidenkätzchen tapfer der Frühling an. Doch nicht nur die Jahreszeiten sorgen für Wandel, auch wir Menschen. Das heutige Landschaftsschutz- und Naherholungsgebiet war bis ins 20. Jahrhundert hinein von acht Mühlen entlang des Baches geprägt, an die heute Gedenksteine entlang des Weges erinnern. Dann kam der Bergbau, der Boden im Tal sank ab, die Mühlen mussten ihre Arbeit einstellen. Nach Schließung der Zechen wurden die entstandenen Löcher geflutet und Angelteiche angelegt. Wandel, erklärt Helmut Königs von den Heimatfreunden in seinem Impuls zur zweiten Statio, habe es schon immer gegeben. Er sei nicht automatisch schlecht, auf Neues müsse der Mensch sich einlassen, das Beste aus Veränderungen machen. „Dabei hilft auch der Glaube, der Heimat bietet jenseits äußerer Veränderung.“ Ein sichtbares Zeichen dafür ist die kleine Marienkapelle, die der Verein der Heimatfreunde unterhalb Noppenbergs 2002 errichtet hat und an der die ökumenische Pilgergruppe Station einlegt. Inmitten der Natur und den Gedanken zum Thema „Wandel“ bekommt die Verantwortung zur Bewahrung von Gottes Schöpfung neues Gewicht. Sie und alle Geschöpfe, die in ihr leben, sind zerbrechlich. Sie zu schützen, liegt auch in unseren Händen.

 

Nell-Breuning-Haus: Gerechtigkeit

„Gerechtigkeit“, auch das ist seit dem ersten gemeinsam vom Bistum, dem evangelischen Kirchenkreis Aachen und Jülich, dem ACK und dem Diözesanrat der Katholiken ausgerichteten ökumenischen Pilgerweg ein festes Thema und Anliegen. Ort dafür ist diesmal das Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath. Schwerpunkte der Bildungs- und Begegnungsstätte von KAB und CAJ sind unter anderem, Demokratie zu leben, und die Bemühungen um Arbeit und Menschenwürde und ein solidarisches Miteinander in der Gesellschaft. Manfred Körber, seit einem Monat neuer Leiter des Hauses, unterstreicht dies in seinem Impuls: „Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist heimatlos geworden …“ Diese Zeitungsüberschrift lasse ihn nicht los. „Heimat ist umstritten, bleibt umstritten. Heimat wird gesucht und verwehrt.“ Was aber, wenn Gerechtigkeit heimatlos werde, ausgesperrt werde aus dem politischen Diskurs, kaputtgeredet werde? Im Nell-Breuning-Haus wolle man Gerechtigkeit zumindest provisorisch einen Ort geben. „Wir ringen hier mit Menschen in ihren Kämpfen, in ihrem Engagement, stellen uns an die Seite derer, die weniger Chancen haben in unserer Gesellschaft, und an die derer, die sich engagieren.“ Der frühere Aachener Bischof Klaus Hemmerle habe Gerechtigkeit als ein Gespräch empfunden, in dem man sich einen Rahmen gebe und im Interesse aneinander voranschreite, in dem Wunsch, einander zu verstehen.

 

Abteikirche Rolduc: Grenzen überwinden

Ein letzter Halt, bevor es durch den Wald hinauf zur Abtei von Rolduc geht. Auf der Grenze steht ein Kreuz, Symbol dafür, dass der Glaube an Gott keine Grenzen kennt. So wie auch die Menschen aus Herzogenrath und Kerkrade, die sich aus ihrer Geschichte heraus einander verbunden fühlen, Ländergrenzen zum Trotz. Die Grenzen, die an diesem Pilgertag überschritten wurden, geografisch wie über Konfessionen hinweg, stehen auch im Mittelpunkt der Schlussandacht in der Abteikirche von Rolduc. Zum Beginn erklingt, in einem Kirchenraum ungewohnt, doch in diesem Moment höchst passend, Beethovens „Ode an die Freude“. Gespielt wird sie vom Posaunenchor der evangelischen Kirchengemeinde Hoengen-Broichweiden, der den Pilgerweg musikalisch begleitet hat. Sie hätten Neues in vielen Formen und Ausprägungen erfahren an diesem Tag, fasst Andrea Kett für das Vorbereitungsteam zusammen, neue Orte und Menschen kennengelernt, neue Gedanken und Perspektiven entdeckt und Gottes Spuren in unserer Welt.