Ursula Becker und Elfi Kosch berichten über ihre Arbeit in der ACK:„Wir sind gelebte Ökumene“
In Aachen hat die Ökumene viele Gesichter: zwei davon sind Ursula Becker und Elfi Kosch. Die Katholikin und die Vertreterin der Freien evangelischen Gemeinde engagieren sich seit Jahrzehnten in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und erzählen, wie aus anfänglichem Misstrauen eine vertrauensvolle „versöhnte Verschiedenheit“ geworden ist. Im Gespräch berichten sie von historischen Hürden, neuen Mitgliedern wie der Neuapostolischen Kirche und von Projekten, die die christliche Zusammenarbeit in der Stadt Aachen sichtbar machen – vom Weihnachtssingen auf dem Tivoli bis zu politischen Wahlgesprächen. Trotz sinkender Mitgliederzahlen blicken beide hoffnungsvoll nach vorn: Ökumene, so zeigen sie, lebt heute vor allem aus dem gemeinsamen Handeln.
Wie sind Sie beide in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gekommen?
Elfi Kosch: Ich gehöre zur Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in der Roermonder Straße und bin seit rund 30 Jahren als Abgeordnete in der ACK aktiv. Ich kenne die Arbeitsgemeinschaft sehr gut und liebe sie sehr, weil sie eine wunderbar gewachsene Gemeinschaft ist. Aus anfänglichem Misstrauen und gegenseitigen Vorbehalten sind im Laufe der Zeit eine echte Freundschaften entstanden. Wir sind gelebte Ökumene.
Ursula Becker: Ja, anfangs war vieles von gegenseitigem Misstrauen geprägt, aber daraus ist ein richtiger Freundeskreis entstanden. Wir beide sind das beste Beispiel: Wir haben uns in der ACK kennengelernt, sind seitdem befreundet. Interreligiöse Zusammenarbeit war mir wichtig, auch durch meine Tätigkeit im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und im Synodalen Weg. Die Ökumene habe ich wirklich in der ACK Aachen gelernt und bringe mich aktiv ein. Es macht wirklich Freude.
Elfi Kosch: Als ich als junge Lehrerin im Nordkreis war, gab es noch deutliche Differenzen zwischen evangelisch und katholisch. Als Mitglied einer evangelischen Freikirche war ich ohnehin ein Exot. Zum Glück hat sich die Frage, ob ich als Mitglied einer Freikirche überhaupt evangelischen Religionsunterricht geben darf, schon früh erledigt. Anfangs war die Arbeit in der ACK geprägt von Gesprächen auf sehr hohem theologischem Niveau, meist zwischen den Verantwortungsträgern der großen Kirchen. Das hat mich heraus- und manchmal auch überfordert. Der Beginn der ACK bedeutet für mich den ersten Schritt des Aufeinander-Zugehens. Vorher herrschte Misstrauen: Die Protestanten misstrauten den Katholiken wegen des Papstes und der Unfehlbarkeit, und die Freikirchen hatten ihre eigenen Vorurteile gegenüber den großen Kirchen (z. B. Heiligenverehrung, nicht, „fromm genug“ …) Die Freikirchen wurden hingegen oft als „Sekte“ abgestempelt. Der Weg von der Gastmitgliedschaft zur Vollmitgliedschaft hat war in unserem Gemeindebund und der Aachener Gemeinde unterschiedlich lang. Unsere Gemeinde war lange schon Vollmitglied, während der Bund der FeGn erst viel später Vollmitglied wurde.
Ursula Becker: Ein aktuelles Beispiel für dieses Hineinwachsen ist die Neuapostolische Kirche (NAK), die im vergangenen Jahr feierlich im Dom als Vollmitglied aufgenommen wurde. Es ist ein Prozess des Kennenlernens, bis man spürt, dass man aus dem einen Glauben an Jesus Christus lebt.
Wie würden Sie die heutige Ökumene beschreiben?
Ursula Becker: Wir versuchen, an bestimmten Stellen sichtbar zu werden. Wir haben gemerkt, dass wir aufeinander angewiesen sind, um in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken. Ein Leuchtturmprojekt ist das Weihnachtssingen, das wir seit mehr als zehn Jahren auf dem Tivoli veranstalten. Dies ist ein ‚neuer Ort von Kirche‘, an dem Menschen zusammenkommen, die hier das Weihnachtsevangelium hören und Weihnachtslieder gemeinsam singen.
Elfi Kosch: Insgesamt wird unsere Arbeit lebenspraktischer. Vor den vergangenen Bundestags- und Kommunalwahlen hatten wir mehrere Wahlgespräche mit Politikerinnen und Politikern in der Gethsemanekirche. Die Initiative ging von unserem Pastor aus, und es ist ein großer Erfolg geworden.
Ursula Becker: Es gibt auch ganz konkrete Hilfen. Als die Neuapostolische Kirche wegen eines Neubaus eine Übergangsmöglichkeit für ihre Gottesdienste suchte, konnten wir ihnen die katholische Kirche St. Bonifatius anbieten. Das ist gelebte Nachbarschaft. Für mich ist das Stichwort ‚versöhnte Verschiedenheit‘ entscheidend. Wir kennen die Unterschiede, aber wir schauen auf die Gemeinsamkeiten.
Elfi Kosch: Ein schönes Zeichen ist auch, dass Ursula bereits zweimal bei uns in der Freien evangelischen Gemeinde gepredigt hat. Das Echo war sehr positiv – auch wenn das Thema Maria, um das es in der Predigt ging, für uns eigentlich ungewohnt ist.
Vor welchen Herausforderungen stehen Sie aktuell?
Ursula Becker: Alle Kirchen spüren den Mitgliederschwund und die geringere Bereitschaft zu festem Engagement. Aber wir bestärken uns gegenseitig, nicht in Depression zu verfallen. Wir leben unseren Glauben und versuchen, ihn in unserem Umfeld umzusetzen. Zum 50-jährigen ACK-Jubiläum am 20. Juni planen wir verschiedene Aktionen auf dem Domhof: Stände zur Begegnung, Informationen über soziale Projekte und sogar Flashmobs. An unserem Stand können sich zum Beispiel Menschen segnen lassen. Wir wollen zeigen, wie vielfältig das Christsein in Aachen ist.
