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Wie Migration und Vielfalt die Kirchenlandschaft prägen:Ökumene im Wandel

Datum:
Mo. 1. Juni 2026
Von:
Abteilung Kommunikation

Tim Lindfeld über neue ökumenische Realitäten, gemeinsame Kirchennutzung und die Rolle der ACK in einer pluralen Gesellschaft

Die ökumenische Zusammenarbeit im Bistum Aachen verändert sich spürbar – und das nicht nur durch theologische Dialoge, sondern vor allem durch gesellschaftliche Entwicklungen. Migration, neue Gemeinden aus dem kirchlichen Osten und wachsende kulturelle Vielfalt stellen die Kirchen vor neue Aufgaben. „Die konfessionellen Territorien, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert kannten, haben sich durch Migrationsbewegungen stark verändert“, sagt Dr. Tim Lindfeld, Referent für Ökumene und interreligiösen Dialog im Bistum Aachen. Besonders Gemeinden aus dem arabischsprachigen Raum und dem kirchlichen Osten seien in den vergangenen Jahren gewachsen. Viele der seit 2015 eingewanderten Syrer seien Christen verschiedener Traditionen – ein Aspekt, der in der öffentlichen Wahrnehmung oft übersehen werde.

Bilaterale und multilaterale ökumenische Anliegen miteinander verbinden

Eine zentrale Plattform für die ökumenische Zusammenarbeit in dieser Vielfalt sind die Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACK) auf lokaler Ebene. Sie sind von Beginn an multilateral angelegt und vereinen Freikirchen, orthodoxe und orientalische Kirchen ebenso wie die großen Volkskirchen. Auf Bundesebene gehören der ACK 19 Kirchen an, in Nordrhein-Westfalen sind es rund 29 – ein Spiegel der religiösen Vielfalt im Ruhrgebiet und den Metropolen. Im Bistum Aachen existieren ACKs in Aachen, Krefeld und Mönchengladbach, jeweils mit eigener Zusammensetzung. Die Herausforderung für die beiden großen Kirchen in Deutschland bestehe darin, bilaterale und multilaterale ökumenische Anliegen miteinander zu verbinden. „Man muss im Kopf und im Herzen immer wieder umschalten“, sagt Lindfeld. Migration und kulturelle Vielfalt brächten zusätzliche Perspektiven ein, die nicht nur theologischer Natur seien. Ein Beispiel für die multilaterale Zusammenarbeit in der ACK NRW war eine Tagung zum 1700‑jährigen Jubiläum des Konzils von Nicäa in Aachen, bei der es um die ökumenische Bedeutung des Glaubensbekenntnisses von Nicäa-Konstantinopel ging. Östliche und westliche Traditionen unterscheiden sich im liturgischen Gebrauch, doch der Austausch habe neue Impulse gesetzt.

Ökumene konkret: Gemeinsame Kirchennutzung

Sehr konkret wird Ökumene dort, wo Gemeinden Gebäude und Ressourcen teilen. Im Jahr 2023 veröffentlichten die evangelische und die katholische Kirche in Nordrhein-Westfalen einen Leitfaden zur ökumenischen Kirchennutzung. In Krefeld-Gartenstadt wurde er für das Bistum Aachen erstmals angewendet: Die evangelische Lukaskirche war baufällig, also entschied man sich, die katholische Piuskirche gemeinsam zu nutzen. „Eine Kirche reicht – und wir wollen ohnehin enger zusammenarbeiten“, fasst Lindfeld die Haltung vor Ort zusammen. Das führt auch zu unerwarteten Formen der Interaktion: Während der Pandemie setzte die evangelische Gemeinde ihre Gottesdienste aus und so nahmen evangelische Gläubige an der katholischen Messfeier teil. Heute betreiben beide Gemeinden neben den konfessionellen Gottesdiensten einen festen Turnus für ökumenische Gottesdienste, einen Förderverein mit zahlreichen Ehrenamtlichen und gemeinsame Angebote wie einen Seniorenkreis. Die Kirche werde im Sozialraum als zivilgesellschaftlicher Akteur wahrgenommen – ein Modell, das zeigt, wie gelebte Ökumene auch nach außen wirken kann.

In Aachen nutzt die koptische Gemeinde gastweise eine katholische Kirche, weil sie stark gewachsen ist. Solche Modelle führten zu neuen Begegnungen, etwa zwischen dem koptischen Bischof Anba Deuscoros und dem Aachener Bischof.

Ökumene: Ein ideales Lernfeld für den Umgang mit Vielfalt

Trotz aller Unterschiede bleibt das Ziel der Ökumene klar: die sichtbare Einheit aller Christen. Die ACK sei dabei ein wichtiges Instrument, betont Lindfeld. Die Charta Oecumenica, die 2003 von 27 Mitgliedskirchen ratifiziert und 2025 überarbeitet wurde, bilde eine zentrale Grundlage für die Zusammenarbeit der Kirchen. Darüber hinaus fördere die ACK auch den interreligiösen Dialog, etwa durch das interreligiöse Projekt „Weißt du, wer ich bin?“.

Ökumene sei ein ideales Lernfeld für den Umgang mit Vielfalt – auch über die christlichen Traditionen hinaus. Das zeige sich zum Beispiel bei öffentlichen Gottesdiensten nach Großschadensereignissen, die heute fast selbstverständlich ökumenisch oder sogar multireligiös gestaltet werden. Beim Gedenken an die Flutopfer 2021 im Aachener Dom etwa waren jüdische und muslimische Stimmen beteiligt.

Hier weitere Informationen für die ökumenische Praxis: