Zum Inhalt springen

Bruder Lukas Jünemann (CFP) über 800 Jahre Franziskus und den Mut zum einfachen Aufbrechen:„Er war ein großer Perfomer“

Bruder Lukas Jünemann
Datum:
Mi. 30. Sept. 2026
Von:
Abteilung Kommunikation

Es war keine lange philosophische Abwägung, die Bruder Lukas Jünemann (CFP) zu den Aachener Franziskanerbrüdern führte. Vielmehr ein Sprung, getragen von der Unbekümmertheit eines 19-Jährigen, der einen Bericht über die Gemeinschaft las und einfach hinfuhr. Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist er noch immer dort und blickt mit nüchterner Gelassenheit zurück. „Natürlich gab es Zweifel und Fragen. Es ging auf und ab, wie immer im Leben. Aber bis jetzt hat’s gehalten“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Warum die Franziskaner?  

„Bei den Benediktinern ist das Leben oft streng durchgetaktet – das wäre nichts für mich gewesen“, vergleicht Bruder Lukas. Er suchte keine starren Regeln, sondern die franziskanische Freiheit, Dinge im positiven Sinne mitzugestalten. Für ihn bedeutet das Ideal des Franz von Assisi vor allem eines: einfach leben. Das meint er doppelt – materiell bescheiden und unkompliziert im Handeln. „Einfach mal drauflosfliegen. “

An den Rändern der Gesellschaft: Vom Arbeiterpriester zur Altenseelsorge

Bruder Lukas ging dorthin, wo es wehtut: an die Ränder der Gesellschaft, ganz im Sinne des Mannes aus Assisi. In Düsseldorf arbeitete er in der Obdachlosenhilfe und begegnete Menschen, die alles verloren hatten. In Köln lebte er mitten unter den Arbeitern und verdiente seinen Lebensunterhalt wie sie, um das Evangelium in der industriellen Arbeitswelt zu bezeugen. Heute engagiert er sich in Aachen in der Altenseelsorge. Besonders am Herzen liegen ihm die Pflegekräfte. Er kennt die emotionale Belastung ihres Dienstes und betont die notwendige „Geduld der Pflege“ für jene, die „arm dran“ sind. Der Ordensmann packt an – „pragmatisch“, wie er selbst sagt. Diese Tatkraft verbindet ihn mit dem Gründer seines Ordens über acht Jahrhunderte hinweg.

Franz von Assisi: Der radikale Performer und Friedensstifter


Bruder Lukas beschreibt Franziskus als Suchenden, der mit radikalen Zeichen die Welt wachrüttelte.

Der Performer: Franziskus war ein Meister der Inszenierung. Als er sich im Prozess mit seinem Vater vor dem Bischof komplett nackt auszog, war das kein bloßer Eklat, sondern die letzte Konsequenz der Besitzlosigkeit. Selbst seinen Tod inszenierte er: Als er sein Ende nahen fühlte, ließ er eine Witwe aus Rom rufen. Sie sollte ihm seine geliebten Mandelplätzchen mitbringen. „Er war ein großer Performer, bis zum letzten Atemzug, der das zutiefst Menschliche ins Heilige holte“ beschreibt Bruder Lukas.

Der Suchende: Franziskus war ein Mensch der Brüche. Vom stolzen Krieger, der ein Jahr in Gefangenschaft saß, wurde er zeitweise zum Eremiten, der 40 Tage auf dem Berg La Verna in Stille verbrachte, um Abstand zum Alltag zu gewinnen.

Der Menschliche: Besonders die Episode vom nächtlichen Fastenbrechen bewundert Bruder Lukas. Als ein Mitbruder vor Hunger weinte, brach Franziskus die Regel und aß mit ihm. Denn Menschlichkeit wog für ihn mehr als jedes Gesetz.

Der Friedenstifter: Während eines Kreuzzugs suchte Franziskus den Sultan in Ägypten auf, um mit ihm über Frieden zu sprechen. „Wir weiten den Blick, gehen ins Gespräch und suchen, was dem Frieden dient“, beschreibt Bruder Lukas diesen Geist der Geschwisterlichkeit, den die Franziskaner bis heute leben.


Geschwisterlichkeit im Hier und Jetzt 

Das 800. Jubiläum ist für Bruder Lukas kein Selbstzweck. Er sieht die Botschaft des Franziskus als hochaktuell. „Sie kann Perspektiven verändern und Menschen helfen, ihren eigenen Weg zu finden, egal wie der aussieht“, sagt er. Offenheit, der Impuls des Evangeliums und die Selbstverwirklichung – das alles entspricht dem Geist des Heiligen. Franziskus ermutigt, Gespräche zu führen, auch mit Andersdenkenden, und so dem Frieden zu dienen. Seine Spiritualität bietet zudem wertvolle Impulse für ein nachhaltiges Leben und einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung – nicht zuletzt durch den Sonnengesang.

Besonders am Herzen liegt Bruder Lukas die Bekämpfung der Alterseinsamkeit. Er denkt an Menschen, die vergessen in ihren Häusern oder Wohnungen sitzen. Die franziskanische Idee der „Face-to-Face-Beziehung“ sieht er als Antwort auf die zunehmende Anonymität. Es geht darum, den anderen anzunehmen – sei es durch einen Besuch oder ein Gespräch. „Franziskus schickte die Brüder immer in kleinen Gruppen zu dritt oder viert los, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Das können wir heute auch. Einfach aufbrechen, leben und fertig. “

800 Jahre Transitus: Eine Inspiration 

Jedes Jahr am Abend des 3. Oktober feiern die franziskanischen Schwestern und Brüder eine Gedächtnisfeier, die sie als „Transitus“ – als Übergang in eine neue Form des Lebens – verstehen. Zum 800. Todestag des Heiligen planen sie eine besondere Feier mit szenischen Darstellungen, Musik und Lichteffekten. „Sie rufen das Leben in Erinnerung und sind eine moderne Inspiration“ freut sich Bruder Lukas.