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Ein Blick hinter die Kulissen moderner Jugendhilfe:Die „Stecknadel“ im Herzen von Viersen

Don-Bosco-Heim
Datum:
Mi. 17. Juni 2026
Von:
Nicole Kuckartz-Cremer

Während der Bedarf an stationärer Jugendhilfe stetig wächst, sticht eine Einrichtung in Viersen-Helenabrunn durch familiäre Atmosphäre und innovative Ansätze hervor. Bei der Visitation von Weihbischof Karl Borsch im Pastoralen Raum Viersen gewährte Einrichtungsleiterin Stefanie Heggen Einblicke in einen Alltag zwischen Krisenintervention und dem „Ersatz-Zuhause“.

 

„Wir sind eine Stecknadel auf der Landkarte der Jugendhilfe in Deutschland“, beschreibt Heggen die Rolle der Don-Bosco-Heim gGmbH. Doch diese kleine Nadel trägt große Verantwortung: In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der stationär betreuten Kinder und Jugendlichen von 84 auf 132. Der Bedarf wachse, was Heggen vor allem auf gesellschaftliche Entwicklungen zurückführt: „Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Auch der Anteil psychisch erkrankter Eltern ist deutlich gestiegen.“


Ein Zuhause auf Zeit – oder fürs Leben


Die Einrichtung bietet 132 Kindern und Jugendlichen im Alter von neun Monaten bis 27 Jahren ein stationäres Zuhause. Dabei ist die Verweildauer so individuell wie die Schicksale dahinter. Manche Kinder bleiben nur drei Monate, um familiäre Krisen zu überbrücken, andere verbringen ihre gesamte Kindheit dort. „Viele Kinder und Jugendliche werden bei uns erwachsen“, erklärt Heggen. Besonders stolz ist das Team darauf, trotz der Größe den familiären Charakter bewahrt zu haben. „Die Jugendämter aus der Umgebung erleben uns als sehr familiär, als sehr eng und klein, obwohl die Zahl an sich gar nicht klein ist“.


Neue Wege in die Selbstständigkeit


Um den Jugendlichen den Übergang in das Erwachsenenleben zu erleichtern, wurden in den vergangenen Jahren neue Wege beschritten. So gibt es mittlerweile Wohngemeinschaften (WGs) für über 16-Jährige, die über ganz Viersen und bis nach Mönchengladbach verteilt sind. Dort erproben sie ihre Selbstständigkeit. „Insgesamt begleiten wir so rund 160 junge Menschen“, betont Heggen. Das Konzept zeigt Erfolg: Viele ehemalige Bewohner schaffen den Schritt in die Selbstständigkeit, besuchen das Heim gerne und berichten stolz von bestandenen Führerscheinprüfungen oder neuen Jobs.

Eine weitere Gruppe richtet sich an Kinder, die noch genug familiäre Ressourcen haben, um die Wochenenden bei Eltern oder Großeltern zu verbringen. Diese Aufenthalte dienen oft als Testphase für eine geplante Rückkehr in die Familie. „Das ist besser, als einen Schnellschuss zu wagen, der am Ende niemandem hilft“, erklärt Heggen.


Zwischen Tradition und modernen Herausforderungen


Die Einrichtung, getragen von der Pfarre St. Remigius, pflegt ihre christlichen Wurzeln. Der jährliche Weihnachtsgottesdienst, bei dem jede Gruppe etwas vorbereitet, ist ein fester Bestandteil. „Es ist ein wuseliger, aber stimmiger Gottesdienst“, sagt Kaplan Andreas Hahne, der als Ansprechpartner der Pfarre eng mit dem Heim zusammenarbeitet. Auch bei der Trauerarbeit oder der Erstkommunion gibt es eine unkomplizierte und bereichernde Zusammenarbeit.


Ein Bild für den Weihbischof


Wie sehr die Kinder Besuche und Aufmerksamkeit schätzen, zeigte eine kleine Geste während der Visitation. Eine achtjährige Bewohnerin einer Außengruppe malte ein Bild für Weihbischof Borsch und brachte es ihm persönlich. Eine andere Bewohnerin, inzwischen Teenagerin, erinnerte sich noch an seinen letzten Besuch vor acht Jahren. Solche Momente machen deutlich, dass hinter den 132 Plätzen 132 individuelle Geschichten und Hoffnungen stehen.


Trotz aller Herausforderungen blickt die Einrichtung optimistisch in die Zukunft – dank eines engagierten Teams von über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Weihbischof Borsch würdigte diesen Einsatz: „Solche Einrichtungen liegen mir sehr am Herzen.“