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Die Lendersdorfer Fußwallfahrt nach Saint-Hubert:320 Kilometer Glaube und Gemeinschaft

Die Lendersdorfer Fußwallfahrt führt nach Saint-Hubert
Datum:
Do. 20. Aug. 2026
Von:
Abteilung Kommunikation

Seit über 300 Jahren machen sich Pilgerinnen und Pilger aus Lendersdorf auf den Weg nach Belgien. Ziel ist der heilige Hubertus, der Schutzheilige der Jäger, Schützen und Hunde. Er wird im gleichnamigen Ort – Saint-Hubert – in den Ardennen verehrt. Was einst als historische Tradition zum Schutz gegen Tollwut begann, ist heute für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Woche der Entschleunigung, des tiefen Glaubens und der engen Verbundenheit.

Marion Schüssler, die gemeinsam mit Rudolf Feron als Präfektin die Geschicke der St.-Hubertus-Bruderschaft lenkt, wurde erst spät mit dem Pilgerfieber angesteckt. „Ich bin spätberufen“, erzählt sie rückblickend. Erst mit 37 Jahren überwand sie ihre anfängliche Schüchternheit und schloss sich der Gruppe an. Heute, 26 Jahre später, ist die Wallfahrt aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken.

Ein „Fallenlassen“ vom Alltag 

Was treibt Menschen an, jedes Jahr aufs Neue rund 160 Kilometer hin und ebenso viele zurück zu Fuß zu bewältigen? Für die Präfektin ist es vor allem die seelische Entlastung. „Für mich ist diese Woche tatsächlich fallen lassen können“, beschreibt die Betriebswirtin das Gefühl der Freiheit von alltäglicher Verantwortung. Denn das Anforderungsprofil an Mitpilgerinnen und Mitpilger ist simpel: „Du musst morgens da sein und abends ankommen. Ansonsten hast du keine Verantwortung“. Die Lendersdorfer Pilgertour ist durch jahrelange Routine und die Unterstützung mehrerer Brudermeister bestens organisiert – beispielsweise mit einem Traktor für das Gepäck und einem Transporter für die, die einen Wegabschnitt fahren müssen.

Zwischen Rosenkranz und Geselligkeit 

Das Gemeinschaftsgefühl und die Spiritualität der Wallfahrt basieren auf enger, persönlicher Verbundenheit, gegenseitiger Unterstützung und einer tiefen religiösen Erfahrung. Rosenkränze, Besuche in Kapellen für kurze Gebete und die tägliche Heilige Messe gehören für die Präfektin selbstverständlich dazu. Doch auch Spaß und Geselligkeit kommen nicht zu kurz. 

Ein zentraler Ankerpunkt ist Pfarrer Georg Neuenhofer. Der 83-jährige Geistliche, der in diesem Jahr sein 35-jähriges Jubiläum mit der Bruderschaft und sein 60-jähriges Priesterjubiläum feierte, läuft die Strecke immer noch zu etwa 95 Prozent selbst mit. „Er erdet tatsächlich die ganze Bruderschaft“, sagt Marion Schüssler.

Von Blasen an den Füßen und großer Gastfreundschaft

Der Weg ist jedoch kein Spaziergang. Die erste Etappe nach Kalterherberg umfasst bereits 42 Kilometer und zahlreiche Höhenmeter, bis nach Maldingen sind weitere 40 km zu bewältigen, der dritte Tag bis Bastogne schlägt mit über 40 km zu Buche und lediglich die Schlussetappe hat „nur“ 32 km. Körperliche Strapazen bleiben dabei nicht aus. „Ich bin in all den Jahren nicht einmal blasenfrei gelaufen. Ich warte ja immer noch auf dieses Wunder“, scherzt die Präfektin über ihre „mangelnden Pilgerfüße“. Dennoch überwiegt die Freude an der Natur und den Begegnungen am Wegesrand. Besonders die große Gastfreundschaft in Belgien, wo Gastfamilien Quartiere anbieten, Frauen für die Pilger Essen zubereiten oder Anwohner spontan Stühle und Getränke vor die Tür stellen, hinterlässt bleibende Eindrücke.

Eine Tradition im Wandel 

Die Bruderschaft blickt auf eine lange Geschichte zurück; das Jubiläum zum 300-jährigen  Bestehen fiel mitten in die Corona-Pandemie und konnte 2020 nicht wie geplant gefeiert werden. Während früher das ganze Dorf am Straßenrand stand, um die Pilger zu verabschieden und die Präfektin vor Jahren noch Sorge hatte, genügend Quartiere für über 70 Pilgerinnen und Pilger zu finden, hat die Gruppe sich mittlerweile auf rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verkleinert. Über das örtliche Blasorchester finden immer wieder Erstpilger zur Wallfahrt. 

Trotz einiger Herausforderungen wie dem Wegfall traditioneller Unterkünfte, blickt Marion Schüssler hoffnungsvoll in die Zukunft. Es gebe junge Nachwuchspilger, die bereit stünden, in einigen Jahren Verantwortung zu übernehmen. Ihr Rat an alle, die vielleicht schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, auf Pilgertour zu gehen: „Traut euch. Ihr verpasst sonst was“. Denn die Lendersdorfer Wallfahrt ist mehr als nur ein Fußmarsch – sie ist eine „Chance, noch mal zu sich zu finden und einfach glücklich zu sein“.