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Dritte Kolumbienreise des Partnerschaftsbeauftragten Markus Offner:Zwischen Polarisierung und demografischem Wandel

Wandbild in Chiquinquirá: 'Gerechtigkeit und Wahrheit. In Erinnerung an die Opfer des bewaffneten Konflikts'
Datum:
14. Apr. 2026
Von:
Carina Delheit

Nach seinem Antrittsbesuch als Bischöflicher Beauftragter für die Kolumbienpartnerschaft im Februar 2024 und der Begleitung von Bischof Helmut Dieser auf seiner Kolumbienreise im September desselben Jahres ist Markus Offner von Mitte März bis Anfang April 2026 erneut im Partnerland unterwegs gewesen und hat zahlreiche Partnerorganisationen, Regionen und Diözesen besucht. Begleitet wurde er von Weltkirche-Referent Thomas Hoogen und vor Ort von Claudia Witgens, die als Fachkraft die Partnerschafts-Aktivitäten in Kolumbien unterstützt und deren Weiterentwicklung fördert. Der räumliche Schwerpunkt der Reise lag mit den Stationen Ipiales, Pasto, Cali, Cartago und Popayán  im Südwesten des Landes.

Bogotá: Bischofskonferenz, Botschaft, Basisbewegung
Am Sitz der kolumbianischen Bischofskonferenz gab es zu Beginn Gespräche mit den Verantwortlichen für die Bereiche Jugendpastoral, Ehrenamt, Ethnische Minderheiten und Sozialpastoral. Die aktuelle Situation im Land wurde von allen, mit denen die Aachener Gäste sprachen (Bistums- und Ordensverantwortliche, Vertreter der deutschen Botschaft und des kolumbianischen Kulturministeriums, Engagierte in kirchlichen und gesellschaftlichen Gruppen und Initiativen) als angespannt beschrieben. Angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen Ende Mai (voraussichtlich mit anschließender Stichwahl Ende Juni) werden die derzeitigen Möglichkeiten, die erneut zunehmende Gewalt einzudämmen und Verständigung zwischen den verschiedenen politischen Lagern herzustellen, als extrem schwierig eingeschätzt.
Eine Begegnung, die die massenhaften Vertreibungen v. a. von Menschen auf dem Land (indigene, Afro-, kleinbäuerliche Orte), die den bewaffneten Konflikt Kolumbiens seit Jahrzehnten prägen, besonders deutlich werden ließ, war ein Treffen mit Vertreterinnen indigener Gruppen, deren Binnenflucht in Bogotá endete, wo sie Kontakl zu den wenigen anderen Geflüchteten aus ihrer Gemeinschaft suchen, um ihre Kultur zu teilen und gemeinsam (und mit Unterstützung der Indigenenpastoral) Zukunftsperspektiven zu entwickeln.
Den Aufenthalt in Bogotá nutzten die Gäste auch für einen Abstecher nach Tunja, der Hauptstadt des Departements Boyacá, wo Erzbischof Gabriel Ángel Villa Vahos fünf Neupriester weihte, und nach Chiquinquirá, dem Wallfahrtsort der Nationalpatronin Kolumbiens Unserer Lieben Frau von Chiquinquirá.
Intensiviert wurde auch der Austausch mit der Organisation Kairos Educativo bei einem Besuch in deren Geschäftsstelle im Zentrum von Bogotá. Die Mitglieder machen es sich zur Aufgabe, mit befreiungstheologischen Ansätzen Basisprojekte zur Verlebendigung von Kirche zu unterstützen. Einer dieser langjährigen Prozesse ist das Stadtteilprojekt Casitas Bíblicas im prekären Süden von Bogotá. Ermutigend ist hier die Tatsache, dass es neben langjährigen Vorstandsmitgliedern auch junge aus studentischen Kreisen gibt.

Cartagena: Afrodörfer contra Ferienressorts
An der Karibikküste gab es ein Wiedersehen mit Ulrike Purrer, die nach vielen Jahren als Fachkraft in der Afropastoral von Tumaco an der Pazifikküste im Januar einen neuen Einsatz in Cartagena begonnen hat. Mit zwei Jesuiten bildet sie jetzt eine kleine Kommunität in einem Afrodorf vor den Toren der Großstadt. Die Drei sind in insgesamt fünf Küstendörfern im Nordosten der Stadt tätig, die alle mit denselben Herausforderungen zu kämpfen haben. Riesige Wohnanlagen mit Ferienwohnungen für Auswärtige, die sich so etwas leisten können, breiten sich an diesem Küstenstreifen aus und beanspruchen immer mehr Flächen, wodurch Lebensraum und Bewegungsfreiheit der Ursprungsbevölkerung immer weiter eingrenzt werden. Eine vierspurige Schnellstraße zur nächsten Großstadt Barranquilla erschwert den Alltag der Dorfbevölkerung zusätzlich: Die Nutzung ist mautpflichtig, die Ausfahrten und Wendemöglichkeiten liegen weit auseinander. All das sorgt dafür, dass zahlreiche Ortsansässige beim Versuch, die Straße zu überqueren, überfahren werden. Die einzige Buslinie pendelt zwischen Dörfern und Wohnanlagen, um die Menschen vom Dorf als Hausangestellte in die Ressorts zu bringen. Einem der Dörfer, das vom Fischfang lebte, wird durch die Schnellstraße der Zugang zum Meer abgeschnitten.

Nariño, Valle und Cauca: Alte und neue Konflikte
Der Ortswechsel nach Ipiales bedeutete einen Höhenunterschied von knapp 3.000 m und einen Temperatursturz von mehr als 20 Grad. Der Bischof von Ipiales und die in der Sozialpastoral des höchstgelegenen kolumbianischen Bistums Engagierten gaben vor Ort viele Einblicke in die breitgefächerten Projekte der Diözese. Überschattet wurde der Besuch dort von einem neuen Grenzkonflikt zwischen dem unmittelbar an das Stadtgebiet angrenzenden Nachbarland Ecuador und Kolumbien, die für Grenz- und Straßensperrungen mit Folgen für die Bevölkerung der Region und den Warenverkehr im gesamten Südwesten des Landes mit seinen Departements-Hauptstädten Pasto, Popayán und Cali haben. Bischof José Saúl Grisales berichtete von Abstimmungen der Bischöfe aus den Grenzdiözesen beider Länder mit dem Ziel, auf ein Ende der aktuellen Auseinandersetzungen hinzuwirken. Hintergrund des Konflikts sind die Auseinandersetzungen der rivalisierenden bewaffneten Gruppen um die Kontrolle über Drogenanbau und illegale Goldminen, deren Absatzrouten und -methoden sich angesichts der weltpolitischen Lage immer wieder neu formieren.
Auch  im benachbarten Bistum Pasto stand die Sozialpastoral im Mittelpunkt des Besuchsprogramms. Hintergrund sind Kooperationen zwischen ihr und dem Diözesan-Caritasverband des Bistums Aachen, die seit anderthalb Jahren Gestalt annehmen. Sehr konkret ist die Vereinbarung einer Lieferung von Rohkaffee aus einer durch die Landpastoral von Pasto unterstützten Kooperative von Kleinbauern der Region. Der Kaffee soll in der caritaseigenen Rösterei in Aachen verarbeitet und noch in diesem Jahr an die zahlreichen sozialen Einrichtungen der Caritas im Bistum Aachen geliefert werden. 
Auf mehr Vielfalt und Eigenständigkeit statt auf Monokulturen (z. B. von Sisal) zielen auch Modell-Fincas ab, die ökologischen Anbau favorisieren und von den Bistümern Südkolumbiens unterstützt werden. Dort konnten die Gäste einige starke Führungspersönlichkeiten, v. a. Frauen kennenlernen, die ihr ökologischen und wirtschaftliches Wissen in Nachbarschaftsgruppen teilen und zum Nachahmen einladen.
Landwirtschaftliche Produkte sind, anders als in den meisten vergleichbaren Einrichtungen Kolumbiens, in einem ländlichen Bistum wie Pasto auch ein wichtiger Zulieferer für die Lebensmittelbank von Pasto. Dabei kommt es auf die Weiterverarbeitung zur Konservierung der frischen Lebensmittel an, um möglichst viel an Bedürftige weitergeben zu können.
Die Millionenstadt Cali bot die Möglichkeit, erneut mit den Teammitgliedern der Diakonie der Erde und Prävention zusammenzukommen. Am Aufbau dieses Arbeitsbereichs innerhalb der Sozialpastoral des Erzbistums Cali war Claudia Witgens seit 2019 maßgeblich beteiligt.
Ein Tagesausflug ins Nachbarbistum Cartago führte die deutschen Gäste an den Südrand der Kaffeezone Kolumbiens. Diakon Víctor Rojas, Leiter der dortigen Sozialpastoral, war 2023 Teil der Delegation aus dem Partnerland Kolumbien gewesen, die das Bistum Aachen vor und während der Heiligtumsfahrten in Mönchengladbach, Aachen und Kornelimünster besucht hatte und freute sich über das Wiedersehen und die Möglichkeit, seine Organisation und einige ihrer Arbeitsbereiche vorstellen zu können, etwa die Förderung des sozialen Wohnungsbaus.

Popayán in der Karwoche
Die letzte Station der Aachener Delegation war zu Beginn der Karwoche die Kolonialstadt Popayán, deren Karwochen-Prozessionen zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehören. Der Besuch bot die Möglichkeit, mit Erzbischof Omar Sánchez, der ebenfalls 2023 Gast bei der Aachener Heiligtumsfahrt war, in den Austausch über die aktuellen Herausforderungen zu kommen, die das Departement Cauca kennzeichnen, dessen Hauptstadt Popayán ist. Nach wie vor ist die Gewalt durch bewaffnete Gruppen, die um die Vorherrschaft bei den illegalen Märkten der Region kämpfen und die Zivilbevölkerung, v. a. Jugendliche und junge Erwachsene in ihre schmutzigen Geschäfte involvieren, ein Haupthindernis für mehr Frieden.

Neben der in vielen Gesprächen geäußerten Sorge über die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft war ein weiteres Thema vieler Engagierter der deutliche Geburtenrückgang in Kolumbien, aktuell einer der stärksten in Lateinamerika. Daraus ergeben sich für die Kirche und Staat Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten. Diese Entwicklung steht in direktem Zusammenhang mit dem Anstieg des Bildungsniveaus, wobei durch die extreme Kommerzialisierung von Schulen und Hochschulen ein deutliches Gefälle zwischen den gesellschaftlichen Schichten herrscht. Auch der Rückgang der Zahlen bei den Priesterkandidaten hat neben zunehmender Individualisierung und Säkularisierung v. a. in den Großstädten in der demografischen Entwicklung eine seiner Ursachen.

Für die Aachener Gäste war es ein weiteres Mal beeindruckend zu erleben, wie sich Verantwortliche in Kirche und Gesellschaft trotz aller Schwierigkeiten einzelnen Herausforderungen stellen und nach Lösungen suchen.
Die vielen positiven Erfahrungen von intensiviertem Austausch und neu geknüpften Kontakten machen Mut, den Weg der gemeinsamen Partnerschaft der beiden Schwesterkirchen weiter zu gehen, um sich gegenseitig zu ergänzen und zu bereichern.