Wir wollen Frieden! Der Schrei eines Volkes

Kommentar von Carlos Alberto Romero Otálora

Menschen in Samaniego (c) Diario del Sur
Menschen in Samaniego
Datum:
Do 10. Sep 2020
Von:
Carina Delheit

Am 22. Oktober 2012 wurde in der großen kolumbianischen Tageszeitung El Tiempo eine Kolumne des bekannten kolumbianischen Philosophen Guillermo Hoyos (1935-2013) unter dem Titel "Vergeben des Unvergebbaren" veröffentlicht. Ich erinnere mich, dass die gedruckte Version des Textes von dem berühmten Foto begleitet wurde, auf dem Willy Brandt am Ehrenmal der Helden des Warschauer Ghettos kniet. Diese Geste fand während seines Polen-Besuchs im Jahr 1970 statt und ihre symbolische Bedeutung ist die Bitte um Vergebung und ein Zeichen der Reue für die von den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

2012 hatte die kolumbianische Regierung beschlossen, die Gespräche mit der Guerilla FARC-EP wiederaufzunehmen, die schließlich am 27. August 2012 begannen. 2016 wurde dieser Prozess abgeschlossen und das Friedensabkommen mit der Guerilla unterzeichnet. Dem damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos wurde in jedem Jahr deshalb der Friedensnobelpreis verliehen.

Eine der wichtigsten Diskussionen in diesem Prozess betrifft bis heute die Wiedergutmachungs- und Übergangsjustiz im Zusammenhang mit Wahrheitsfindung und Wiedergutmachungsleistungen für die Opfer. Das Hauptargument gegen diese Vereinbarungen stammt vom Narrativ der Straflosigkeit, das heißt, dass dieses Argument die folgende Prämisse rhetorisch umsetzt: "Ein System wie die JEP ("Justicia especial para la paz", Sonderjustiz für den Frieden) fördert die Ideologie der Guerillagruppen und der Terroristen, die für Genozide verantwortlich sind. Diese sind unsere Feinde und Feinde der Demokratie". Dadurch werden die Akteure des Friedensprozesses stigmatisiert und kriminalisiert, was lediglich eine vergeltungssüchtige Grundeinstellung oder irrationale kollektive Meinung beeinflusst.

Die hier angesprochene Diskussion ist auch als ein Beitrag zu der Erkenntnis zu verstehen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. In gewisser Hinsicht, so bekräftigte Guillermo Hoyos wenige Monate vor seinem Tod, seien politische und rechtliche Aspekte zwar zentral für den Friedensprozess, diese würden sich aber als unzureichend erweisen, wenn im Land nicht gleichzeitig eine von der Gesellschaft getragene Kultur der Vergebung entstehe. So fragt Hoyos, um einen "provokativen Ausdruck von Jacques Derrida" zu übernehmen, nach der Fähigkeit zu verzeihen, d. h. inwieweit ich fähig bin zu vergeben, gar das Unvergebbare zu vergeben. "[...] Vergebung als moralische Tugend erfordert eine aufrichtige Haltung, vergeben zu wollen und zu wissen, wie Vergebung geschieht; die politische Tugend bekennt sich öffentlich zur Schuld".

Solch eine Vergebung entspringt zwar der religiösen Hoffnung, die auf Buße und der liebevollen Annahme durch den Schöpfervater beruht, muss aber auch in einem weiteren, nämlich moralischen Sinne verstanden werden, der über ihren religiösen Ursprung hinaus Vergebung um einen interkulturellen Aspekt erweitert, nämlich um den Geist des Ortes Macondo, wie ihn García Márquez in seinem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" beschreibt. So wird die Verwirklichung eines friedlichen und vielfältigen Zusammenlebens der Lebewesen, die unser gemeinsames Haus bewohnen, definitiv möglich. Aufrichtige Vergebung impliziert die Befreiung und Heilung der Seelen im gesamten Territorium.

In gewisser Weise warnt uns Hoyos, dass ein Friedensprozess in Kolumbien nur möglich wird, wenn sich die Kultur der Angst, des Paramilitarismus, der Narko-Politik, kurz gesagt, wenn sich der kollektive Mafiageist ändert, der Gerechtigkeit auf Rache reduziert. Hoyos schreibt:

"Wenn Großzügigkeit nicht mehr erreicht, als dass über genau festgelegte Verhandlungsprozesse durch Reparationen Vergebung erlangt werden soll, dann glaube ich nicht, dass dieser Prozess zu einem glücklichen Ende kommen wird. Eine Zivilgesellschaft ohne eine Kultur des Vergebens, ohne eine moralische Haltung des Vergebens und der Bitte um Vergebung, verkümmert am Ende. Das Foto von Willy Brandt, der vor den Toren des Warschauer Ghettos kniet, symbolisiert, dass politische Vergebung in Fällen wie dem Holocaust oft die Haltung der moralischen Vergebung erfordert. Ich denke, das ist im Fall von Kolumbien nicht anders."

Heute muss ich mit tiefem Schmerz und Ohnmacht sagen, dass das, wovor Guillermo Hoyos warnt, in der stetig wachsenden Gewalt der letzten zwei Jahre Wirklichkeit wird. Die Politik der Regierung ist geprägt von einem Geist der Rache und Bestrafung sowie der Gier nach wirtschaftlicher Macht um jeden Preis. Jene zarten Pflänzchen der Hoffnung, die im Friedensprozess mühsam keimten und wuchsen, sind dabei zu verdorren. Die kolumbianische Regierung setzt weiterhin darauf, die Gasförderung durch Fracking und den Goldabbau durch das arabische Unternehmen Minesa im Hochmoor von Santurban im Departement Norte de Santander zu fördern. All dies steht im Gegensatz zur Enzyklika "Laudato si" von Papst Franziskus. In dieser Enzyklika wird eine konkrete und radikale Änderung des Begriffs der Entwicklung und des Fortschritts zum Schutz des Planeten gefordert: "Der Erdboden, das Wasser, die Berge - alles ist eine Liebkosung Gottes" (LS 84). "Es genügt nicht, die Pflege der Natur mit dem finanziellen Ertrag oder die Bewahrung der Umwelt mit dem Fortschritt in einem Mittelweg zu vereinbaren. In diesem Zusammenhang sind die Mittelwege nur eine kleine Verzögerung des Zusammenbruchs. Es geht schlicht darum, den Fortschritt neu zu definieren" (LS 194).

Die systematische Ermordung von Führungspersönlichkeiten sozialer Bewegungen hat seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens bereits mehr als 300 Opfer gefordert. In den letzten Wochen kam es auf kolumbianischem Boden (in Cali, Samaniego, Tumaco, El Caracol, Leiva, Venecia in Antioquia, u. a.) zu Massakern, deren Opfer meist Jugendliche zwischen 12 und 26 Jahren waren.

Die Gewalt in Kolumbien nimmt zu und lässt die Hoffnung, die wir in den vergangenen Jahren gewonnen hatten, schwinden. Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte berichtet in seinem letzten Bericht vom 25. August 2020, dass es in diesem Jahr bisher 45 Massaker gegeben hat, die meisten davon an jungen Kolumbianerinnen und Kolumbianern. Auch die systematische Ermordung von Anführern geht weiter, wie im Fall des Umweltschützers Jaime Monge, der im Naturpark Los Farallones in Cali ermordet wurde, einem Gebiet, in dem Bergbau und Abholzung mit dem Schutz der Umwelt konkurrieren.

All diese Ereignisse wurden vom Bogotaner Erzbischof Luís José Rueda Aparicio öffentlich angeprangert. Der Bischof sieht die Ursachen für diese Taten in einem Versagen der Regierung, insbesondere in den ländlichen Regionen, in denen der Staat nicht existiert. Doch die öffentliche Anklage reicht nicht aus. Die Strategie, Terror zu säen, hat sich als funktional erwiesen. Eine Politik der Kriegslogik wird aufrechterhalten, um so die Kontrolle über wirtschaftlich interessante Gebiete und Bodenschätze zu behalten. Diese Aktionen und die oben beschriebene Rhetorik der juristischen Straflosigkeit zielen darauf ab, das Friedensabkommen von Havanna zu desavouieren.

Offen gesagt fürchte ich, die Hoffnung für mein Land und mein Volk zu verlieren. Ich fürchte, dass dort für immer der Geist des Hasses, der Rache und der Gier herrschen wird. Nichtsdestotrotz hat die mutige Bevölkerung des Dorfes Samaniego im Departement Nariño in mir die Erinnerung an die Worte Hoyos geweckt. Denn trotz der Gräuel, die dort junge Menschen erlitten haben, riefen ihre Familien dem Präsidenten bei seinem Besuch vor Ort zu: "Wir vermissen Neun (junge Menschen)! Wir vermissen Neun! Wir wollen Frieden! Wir wollen Frieden!" Vielleicht haben die Menschen dies gerufen mit der Bereitschaft und dem noch nicht ganz geschwundenen Mut, das Unvergebbare zu vergeben.

Heute schließe ich mich ihrem Schrei und ihrem Schmerz aus Aachen an.

 

Carlos Alberto Romero Otálora lebt als kolumbianischer Promovend der RWTH in Aachen. In seinem Dissertationsprojekt befasst er sich mit dem universitären Bildungssystem Kolumbiens.