Deutsch-kolumbianischer Austausch zur Präsidentschaftswahl in Kolumbien:Nach der Wahl - vor dem Regierungswechsel

Bei einem offenen Kolumbientreff im Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath haben sich auf Einladung des Fachbereichs Weltkirche im Aachener Generalvikariat gut 30 Kolumbien-Interessierte mit Vertreterinnen und Vertretern von kirchlichen und anderen Organisationen in Kolumbien über den Ausgang der dortigen Präsidentschaftswahl informiert und ausgetauscht. Bei der Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten am 21. Juni hatte sich der rechtspopulistische, bisher nicht politisch tätige Anwalt Abelardo de la Espriella mit knapp einem Prozent Vorsprung (ca. 250.000 Stimmen) vor Iván Cepeda, dem Kandidaten der in der letzten Legislatur regierenden linksgerichteten Partei durchgesetzt.
Von den angefragten sechs in Kolumbien lebenden Fachleuten, die Auskunft über Wahlverlauf, Motivationen der Wählergruppen und mögliche Folgen für eine friedlichere Zukunft Kolumbiens gaben, waren durch glückliche Terminumstände zwei in Herzogenrath persönlich anwesend:
James Morales, Leiter der Sozialpastoral (Caritas) des Bistums Pasto im Südwesten Kolumbiens,
und Anselm Kanwischer, Fachkraft der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit in Cúcuta im Nordosten Kolumbiens an der Grenze zu Venezuela.
Digital zugeschaltet waren aus Kolumbien
- Padre Albeiro Parra von der Regionalkoordination Kolumbianische Pazifikküste für Menschenrechts-, Friedens- und Nachhaltigkeitsfragen,
- Ulrike Purrer, Fachkraft der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit in der Afropastoral in Cartagena an der Karibikküste,
- Padre Diego Meza, Diözesandirektor der Sozialpastoral im Bistum Tumaco an der kolumbianischen Grenze zu Ecuador,
- und Claudia Witgens, vom Bistum Aachen entsandte Fachkraft zur Unterstützung der Partnerschaft Kolumbien-Aachen in Kolumbien.
Ein Blick auf die Wahlergebnisse nach Departements ergab, dass die Randregionen des Landes, in denen die meisten Konfliktgebiete liegen, mehrheitlich für den Kandidaten der Linken und die Departements im Zentrum des Landes mit Ausnahme der Hauptstadt Bogotá mehrheitlich für den rechtspopulistischen Kandidaten gestimmt haben.
Positiv wurde hervorgehoben, dass mit fast Zweidrittel Wahlbeteiligung ein für kolumbianische Verhältnisse sehr hoher Wert erreicht wurde.
Angesichts des knappen Ausgangs scheinen die anderthalb Prozent (bei der Stichwahl knapp 1 Prozent) leeren Stimmen (also unausgefüllte Stimmzettel), die das kolumbianische Wahlrecht als Option bei der Stimmabgabe erlaubt, nicht unwesentlich zum Wahlausgang beigetragen zu haben.
Beim Blick auf die Gründe für die Wahlentscheidung wurde bei der großen Zahl derer, die nicht aus Überzeugung gewählt haben, die Enttäuschung über die in vielen Gebieten nicht zurückgegangene Gewalt während der Regierung des scheidenden linken Präsidenten Petro ebenso genannt wie der Einfluss der sozialen Medien, der die stark polarisierenden Untergangs-Szenarien kubanisch-venezolanischer Verhältnisse bei Fortsetzung der linken Regierungspolitik als Wahlkampfstrategie der extremen Rechten verfangen ließ.
Bei der Frage, welche Zukunft ein wie auch immer gearteter Friedensprozess in Kolumbien mit dem neuen Präsidenten haben könne, gab es wenig Hoffnung für eine Fortsetzung des bisherigen Kurses und begründete Befürchtungen, dass einige der Punkte aus dem Friedensabkommen von 2017 in ihrer Umsetzung ganz zum Stillstand kommen, wenn nicht sogar rückgängig gemacht werden.
Eine wichtige Rolle wurde der katholischen Kirche und anderen an der Basis vertretenen und dort für sozialen Ausgleich eintretenden Organisationen und Gruppen beigemessen und ihrem Einfluss auf Bildungsprozesse vor Ort.