Zweiter Bericht (Auszüge) des SDFV-Freiwilligen Josef Eberhardt aus Líbano:Angekommen, angenommen, einbezogen

Eine ganze Zeit ist nun schon seit meinem letzten Bericht vergangen. Damals hatte ich mich gerade in mein neues Umfeld und meine Aufgaben in der Fundación Hogar del Niño und in der Asociación CREAMOS eingelebt.
Durch Anschluss suchen, Neues kennenlernen und aus der Komfortzone kommen, um sich etwas aufzubauen, hat sich mein Leben hier zu einem ganz anderen entwickelt. Mehr und mehr fühle ich mich als fester Bestandteil der Menschen hier, in unserem schönen Líbano, und es haben sich mir viele Türen geöffnet, wodurch sich das Lebensgefühl hier kaum mehr von dem in Aachen unterscheidet.
Nach Weihnachten kam die Zeit, sich auf den Weg zum Zwischenseminar nach Quito/Ecuador zu machen. Ich bin schon ein paar Tage eher los, um mir vor allem den Stadtkern mit seinen erstaunlichen Kirchen anzusehen, der mir wirklich sehr gut gefallen hat. Auch Silvester habe ich dort verbracht, das ich im Nachhinein lieber in meinem gewohnten Umfeld in Líbano erlebt hätte. Die Stadt war es aber trotzdem wert, früher anzureisen, auch weil ich reichlich Gelegenheit hatte, das Projekt Árbol de la Esperanza in Quito (einen weiteren Einsatzort für SDFV-Freiwillige aus dem Bistum Aachen) kennenzulernen.
Dann ging es weiter zum eigentlichen Seminar in Baños, einer kleinen Stadt östlich von Quito. Es war eine sehr schöne und vor allem tiefgründige Zeit im Haus der Ordensschwestern in Baños.
Zurück in Kolumbien, hatte ich bei der Landung in Bogotá zum ersten Mal das Gefühl, nach Hause zu kommen. Besonders als ich in Líbano ankam und meinen Koffer auspackte, war dieses Gefühl allgegenwärtig.
Am nächsten Tag habe ich wieder begonnen zu arbeiten. Durch das sehr inputreiche Seminar in Quito war ich voller neuer Eindrücke, Ideen und Motivation. Jetzt bin ich voll und ganz angekommen, dachte ich, jetzt beginnt die zweite Hälfte meines SDFV-Jahres. Ganz so schnell ging es aber dann doch nicht, weil ein Großteil meiner Freunde, mit denen ich seit Dezember viel unternommen hatte, zurück zum Studieren in anderen Städten musste. (Die großen Ferien beginnen in Kolumbien Anfang Dezember und enden in der zweiten Januarhälfte.) Einzelne kommen zwar immer wieder an Wochenenden zurück, doch war es ein kleiner Schlag, weil wir in den Wochen zuvor viel unterwegs waren und Zeit miteinander verbracht haben. Als ich schon befürchtete, ein bisschen durchzuhängen, kam aus dem Nichts etwas Neues, das wieder vieles änderte. Dank meiner Trainer-Lizenz ist ein Fußballclub hier in Líbano auf mich aufmerksam geworden und hat mich als Trainer für die U8 angestellt. So trainiere ich jetzt dreimal wöchentlich die Jahrgänge 2017/18 auf einem der kleinen Kunstrasenplätze. Keine einfache Aufgabe, auch wenn ich schon einiges an Trainererfahrung mitbringe, in einer anderen Sprache habe ich aber noch nie gecoacht. Ungefähr 20 Kids kommen dort zum Training, eine ganze Menge für einen kleinen Platz. Glücklicherweise hatte ich reichlich Zeit, mich einzugewöhnen, Trainingseinheiten zu planen und durchzuführen. Insgesamt ist es eine riesengroße Chance und Möglichkeit, mich in einer anderen Sprache, in einem anderen Umfeld und mit einer anderen Art von Fußball weiterzubilden. Nach einigen Trainingswochen beginnen in den kommenden Wochen die Spieltage der Meisterschaft, die ich leider nur in den ersten drei Monaten mittrainieren kann, da es danach schon zurück nach Deutschland geht.
Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit, dies alles meinem Vater zu zeigen, der mich besuchen gekommen ist. Die ersten Tage haben wir in Cartagena, einer sehr schönen Kolonialstadt an der Karibikküste verbracht. Danach hatte ich einige Tage Zeit, meinem Vater mein Leben, meinen Alltag und meine Arbeit hier in Líbano zu zeigen. Mich hat der Besuch wahnsinnig gefreut, da ich meinen Vater nach mehr als einem halben Jahr wiedersehen konnte. Aber auch, weil er die Möglichkeit hatte, das Lebensgefühl und mein Umfeld vor Ort selbst zu erleben. Ich denke, inzwischen versteht eine weitere Person, wieso ich Kolumbien so schätze und mich hier so wohl fühle.
Mittlerweile fühle ich mich nämlich nicht nur angekommen, sondern wirklich auch angenommen, da mich immer mehr Leute kennen, automatisch mit einplanen und ich auch nicht mehr ganz so viel auffalle wie anfangs. Die meisten sehen mich mittlerweile als ganz normalen Nachbarn, Freund und Mitbürger, da sie wissen, wie sehr ich das Leben hier schätze und teile.
Auch merke ich immer mehr, welche kleinen Aspekte des Lebensgefühls mir hier in Kolumbien so gut gefallen und was Deutschland von hier sogar lernen kann. Da wäre einmal die extrem große Offenheit in Gesprächen, denn auch wenn man sich noch nie begegnet ist, wird jede Unterhaltung schnell vertrauensvoll und freundschaftlich. Dann wäre da noch die Kraft des kleinen Wortes „ahorita“ (unübersetzbare Verkleinerungsform von „ahora“: „jetzt“), die jeden Zwang und Zeitstress aus Verabredungen oder Plänen herausnimmt und den Beteiligten die Entscheidung überlässt, auf den richtigen Moment zu warten.
Auch wenn ich viele Aspekte in unserem Alltag in Deutschland sehr schätze, kann ich mir aktuell nur schwer vorstellen, schon bald wieder von hier weg zu müssen. Deswegen versuche ich gar nicht erst, so viel daran zu denken, und genieße einfach das Leben, das ich mir hier in einem wahnsinnig offenen und vertrauensvollen Umfeld aufbauen konnte.
Auch in meiner Arbeit hat sich der Schwerpunkt ein wenig geändert. Während ich in den ersten Monaten sehr viele sportliche Aktivitäten mit den Kids begleitet und organisiert habe, liegt der Fokus in diesen Monaten auf Englischunterricht. Den gebe ich in allen drei Arbeitsbereichen von Hogar del Niño als Förderschwerpunkt der Nachhilfe, vor allem in den ältesten Jahrgängen. Viele der Jugendlichen haben Schwierigkeiten im Englischunterricht, da Fremdsprachen hier hier nur wenig gefördert werden, denn der Schwerpunkt liegt auf anderen Fächern. Somit bin ich im Moment fast an allen Wochentagen vor allem mit dem Aufarbeiten von Unklarheiten im Englischen beschäftigt.
Im Barrio (Viertel) La Polka nehmen immer mehr Kids an den Aktivitäten teil, die wir von CREAMOS anbieten, und arbeiten auch mit viel mehr Motivation und Elan mit als noch am Anfang. So können wir mittlerweile auch Themen behandeln, neulich zum Beispiel die eine oder andere Denkaufgabe zum Themenbereich Umwelt, und wir planen, weitere Inhalte zu besprechen, wie verschiedene Kulturen, Traditionen und Religionen, und so u. a. mehr zur eigenen Religion, dem Christentum zu erfahren.
Vor kurzem hatte ich das Privileg, das größte Fest von uns Christen und die wohl feierlichste Woche im katholischen Kirchenjahr mitzuerleben: die Semana Santa (Karwoche). Die besonderen Zusammenkünfte, Prozessionen und Gottesdienste habe ich besonders genossen. Das sonst eher kleine Líbano hat sich mit Menschen aus ganz Kolumbien gefüllt, die ihre Familie besuchen kamen oder diese besonderen Tage hier miterleben wollten, auch alle meine Freunde, die anderswo studieren. So freuten wir uns über Gelegenheiten, uns wiederzutreffen. Das Hauptaugenmerk in dieser Woche lag aber auf den großen und schönen Prozessionen. Es begann mit der Palmsonntags-Prozession, die sich mit vielen Menschen durch die ganze Stadt bis zur Kathedrale zog, wo eine feierliche Messe zum Einzug von Nuestro Señor Jesucristo (Unserem Herrn Jesus Christus) in Jerusalem gefeiert wurde.
Am Jueves Santo (Gründonnerstag) werden in Kolumbien traditionell alle Kirchen bzw. besonders geschmückten Altäre des Ortes besucht. Neben den sechs Kirchen gibt es in Líbano noch einige Kapellen, zum Beispiel in einer katholischen Schule oder einem Seniorenheim, die die zahlreichen Besucher ebenfalls empfingen. Auch ich war mit meiner kolumbianischen Gastfamilie unterwegs.
Am nächsten Tag ging es schon früh morgens zum Vía Crucis (Kreuzweg), der mich besonders beeindruckt hat. Die 14 Stationen waren über die ganze Stadt verteilt, wo wir innehielten, ein Evangelium hörten und gemeinsam beteten. Ich durfte auch mitwirken und an der letzten Station einen Text vorlesen. Generell war ich sehr beeindruckt, wie feierlich und andächtig diese Prozession ablief, vor allem aber, wie viele Menschen dabei waren.
Ganz besonders war auch die Ostermesse in der Nacht von Samstag. Wie in Deutschland gab es auch hier ein Osterfeuer zu Beginn; allerdings habe ich noch nie eine nur durch Kerzenlichter so hell erleuchtete Kirche gesehen, denn jeder Einzelne hielt eine schöne, teils große, vom Osterfeuer erleuchtete Kerze in der Hand.
Am Sonntag ging die Semana Santa mit der Auferstehungsprozession zu Ende.
Ich bin sehr dankbar, eine Kultur erleben zu können, in der katholische Traditionen so schön und vor allem mit so vielen Menschen gefeiert werden.
Für den Rest meiner Zeit hier stehen noch einige Dinge an, auch wenn die Zeit, die mir bleibt, mittlerweile davonrennt. Gedanken an die Zeit nach meinem ja fast schon neuen Zuhause muss ich mir natürlich aufgrund von Bewerbungszeiträumen und der rechtzeitigen Planung meines Studiums trotzdem machen. Wobei ich im Moment gar nicht an den Abschied und das Zurücklassen von allem, was ich hier lieben und schätzen gelernt habe, denken kann und möchte. Vom Gefühl her wird der Abschied aus Kolumbien wohl schwerer als der damals von Deutschland, obwohl ich da ja alles zurücklassen musste und mich diesmal meine deutsche Familie empfangen wird.
Aber genug von Abschied und Wehmut, jetzt konzentriere ich mich erst mal voll auf die Zeit hier, die mir bleibt. Denn das ist klar: die wird bis zum letzten Moment genossen.
Josef Eberhardt